Schlammschlacht mit Volksfest

Radquerrennen zwischen Weihnachten und Neujahr sind in Belgien Kult und elektrisieren Massen.

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Mitten im Winter ist in Loenhout Kirmes. Vor der Kirche hat die Polizei eine Strassensperre errichtet. Aus den Festzelten und Cafés tönen stampfender Rock und tiefergelegte Beats. Hunderte Menschen mit Plastikbechern voller Bier schlendern durchs Dorfzentrum, und gleich vor dem Velogeschäft bläst sich eine Brassband schon kurz vor Mittag in virtuose Höhen empor. Die Stimme aus den Lautsprechern wird immer aufgeregter: nach den Juniorenrennen stehen nun die Elite genannten Konkurrenzen der Frauen und Männer zur Entscheidung an. Bei der Absperrung zum Parcours gibt es kaum noch einen freien Platz.

Kurz vor Silvester ist Loenhout, ein Kaff von dreieinhalbtausend Einwohnern zwischen Antwerpen und der holländischen Grenze, das Zentrum der Cyclo-Cross- Welt. In den meisten Ländern fristet die Sportart, auf Deutsch «Radquerrennen» genannt, ein Schattendasein. In Belgien elektrisiert sie Massen. Die meisten Rennen finden hier statt, und die meisten Weltklassefahrer stammen von hier. Keine andere Zeit aber zieht so viel Publikum an wie diejenige zwischen den Jahren: viermal vom zweiten Weihnachtstag bis Silvester geht es bei den Rennen über Stock und Stein, Anhöhen hinauf und durch tiefe Wiesen, und am Rand des Parcours wird gefeiert.

Fiese, rechtwinklige Kehren

Jedes der Rennen hat seinen Charakter. In Bredene, an der Küste, geht es durch die Dünen. In Diegem bei Brüssel durch die Dunkelheit. In Loenhout, wo sich der Kurs im Zickzack durch die Felder um den Sportplatz zieht, durch Schlamm, dunkelbraun, tief und zäh. Doch das ist nicht alles: Ins eigentlich flache Terrain sind zahlreiche steile Brücken eingebaut, es gibt fiese, rechtwinklige Kehren, und dann ist da noch das «Waschbrett»: neun gewellte Buckel kurz vor dem Ende jeder Runde, grasbewachsen, inzwischen aber längst schwer von schwarzem Schlick. Nirgendwo anders gibt es eine solche Schikane.

Man sagt, dass nur Weltmeister in Loenhout gewinnen, und Sieger, die es noch nicht sind, werden es irgendwann. In Nordamerika gibt es einen eigenen Namen für das Rennen: «Cross Vegas», sagt der Mechaniker des Team Canada grinsend, der neben seinem Caravan kurz vor dem Start mit einem Hochdruckreiniger Räder abspritzt. Drüben am Waschbrett erscheinen kurz darauf die ersten Fahrerinnen. In einer langgezogenen, wogenden Bewegung setzen sie über die Buckel, bemüht, nicht zu springen. Noch ist das Feld dicht zusammen.

Waden und Gesichter sind schon in der ersten Runde schlammbesprenkelt. Bald hat die Belgierin Sanne Cant einen ­Vorsprung herausgefahren, den sie bis ins Ziel halten kann. Es ist ihr dritter Sieg in Serie in Loenhout. Sanne Cant ist, natürlich, Weltmeisterin. Unterdessen rollen die männlichen Teilnehmer an den Start. Erwartet wird, wie immer in dieser Saison, ein Zweikampf: der holländische Europameister und Seriensieger Mathieu van der Poel gegen seinen belgischen Herausforderer, Weltmeister Wout Van Aert.

An der Pommes-frites-Station kurz vor dem Waschbrett bringen sich vier Männer in Stellung. Sie haben eine Fahne bei sich, auf der Van der Poel und sein Bruder ­David abgebildet sind. Viele der Fahrer aus Belgien und Holland haben eigene Fanclubs mit-­gebracht, die oft aus der gleichen Region kommen. Die Anhänger der Van der Poels sind auf beiden Seiten der Grenze zu Hause. «Wir fahren zu fast allen Rennen», ­erzählt Wim van Dongen, ein Holländer ­mittleren Alters. «Aber die Atmosphäre in Loenhout ist besonders», hängt Benjamin Nelen an, ein ­Belgier, der Van Dongens Sohn sein könnte.

In Stiefeln auf die Wiese

Vom Start weg bekämpfen sich die beiden, doch zunächst liegt Van Aert vorn. In der dritten Runde übernimmt Kontrahent Van der Poel. Anders als bei anderen ­Rennen der letzten Wochen aber können sich zwei weitere Fahrer noch ein paar Runden in ihrem Schlepptau halten. Toon Aerts ist einer von ihnen, ein Lokalmatador, keine 20 Kilometer von hier geboren. Auf dem Weg zu einer der steilen hölzernen Brücken schiesst er an einer Wiese vorbei, auf die sich viele Zuschauer wegen des schlammigen Bodens nur noch in Gummistiefeln trauen.

«Los, Toon», schreit eine Frau an der Strecke ihm entgegen. Es ist seine Tante, Marian Verhaert. Seit Toon Aerts sein erstes Rennen fuhr, folgt sie ihm mit einer Gruppe von Verwandten und Freunden. Für sie ist Loenhout ein Höhepunkt, weil es fast vor der Haustür ist. «Und weil es in dieser Zeit liegt, zwischen Weihnachten und Neujahr, wo ein Cross dem nächsten folgt.»

Am Ende steht Neffe Toon als Dritter auf dem Podest, mit Wout van Aert und, einmal mehr, Ma­thieu van der Poel, dem Sieger. Während die Sonne in die Felder sinkt, setzt sich die Karawane in Bewegung – in die Cafés und Festzelte, aber auch zum Parkplatz bei der Kirche, wo die Caravans der ­Fahrer stehen. Während die Matadore ­duschen, rücken die Mechaniker den schlammigen Rädern zu Leibe – schliesslich steht schon am nächsten Tag wieder ein Rennen an. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 30.12.2017, 23:19 Uhr

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