Sir Bradley Wiggins und der olympische Kreis

Bradley Wiggins traut sich zu, heute erstmals Zeitfahr-Weltmeister zu werden. Dann kehrt er auf die Bahn zurück.

Bradley Wiggins: Letzter grosser Auftritt auf der Strasse. Foto: Freshfocus

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Er rechnete mit Titelverteidiger Tony Martin und Fabian Cancellara, dem vierfachen Weltmeister und Olympiasieger von 2008. Jetzt, da der Berner auf den Start verzichtet, um sich besser auf das Strassenrennen vom Sonntag konzentrieren zu können, wird die Rechnung für Bradley Wiggins, den Olympiasieger von 2012, noch etwas einfacher. Für das heutige WM-Zeitfahren auf der 47,2 km langen Strecke von Ponferrada sagt er ein Duell zwischen Martin und ihm voraus. Ein Duell zwischen dem Deutschen, der zum vierten Mal Weltmeister ­werden möchte, und Sir Bradley, der von einem ersten solchen Titel träumt.

Als Spielverderber sieht er seinen Landsmann Christopher Froome, mit dem ihn seit seinem Tour-de-France-Sieg 2012 nur noch wenig verbindet. Das letzte ­gemeinsame Rennen bestritten sie bei der Oman-Rundfahrt im Frühling. Bei der Tour de France wollte ihn Froome, der Titelverteidiger, nicht dabei haben.

Wiggins anerkennt, dass Martin Favorit ist. Die 46 Sekunden, die er vor einem Jahr in Florenz auf ihn verlor, hat er noch nicht vergessen. Doch er spricht sich Mut zu: «Tony hat die Zeitfahren in den letzten Jahren dominiert. Er hat auch bei der Spanien-Rundfahrt gewonnen. Doch er wirkte dabei nicht mehr so überzeugend wie bei der Tour.» Er selber, sagt Wiggins, habe die besseren Werte als vor einem Jahr. Ausserdem liege ihm die Strecke besser als der flache Kurs von Florenz.

Seit er am Ende seines «annus mirabilis» (wie die Briten ein Wunderjahr nennen) 2012 von der Königin zum ­Ritter geschlagen wurde, gewann Bradley Wiggins keine grossen Rennen mehr. Die Siege in den Rundfahrten von Grossbritannien (2013) und Kalifornien (2014) waren Trostpreise. Wiggins kämpfte gegen Verletzungen und Motivationsprobleme. Der Tour-de-France-Sieg war für ihn im Rückblick zwar ein gigantischer Triumph, aber auch ein Stress, den er sich nicht noch einmal zumuten wollte. Zudem hatte er sich geschworen, ein guter Vater zu sein, der für die Kinder da ist. Und nicht seinem eigenen Vater Gary nach­zuschlagen, der die Familie früh verliess und als Alkoholiker ein bitteres Ende nahm. 2008 wurde er nach einem Streit in Aberdeen (Australien) erschlagen.

Im Vierer nach Rio

Schon bevor sich der bessere Bergfahrer Christopher Froome als klarer Anwärter auf den Gesamtsieg profiliert hatte, hatte Wiggins die Gedanken an die Tour-Titelverteidigung aufgegeben. Er sah sich nur noch als Helfer, doch soweit kam es weder im letzten (Aufgabe im Giro) noch in diesem Jahr (Sturz in der Tour de Suisse). Das Thema «Grand Tour» war abgeschlossen.

Nach seinem dritten Platz bei der diesjährigen Grossbritannien-Rundfahrt sagte Wiggins: «Das war meine letzte Rundfahrt, in der ich auf den Gesamtsieg fuhr. Ich habe das gesehen und brauche es nicht mehr.»

Nach dem heutigen Zeitfahren wendet sich Wiggins wieder den Wurzeln zu, der Bahn. «Dort ist die Stimmung familiärer, man fühlt sich geborgener», sagt er. Er will seinen olympischen Kreis schliessen. 2004 in Athen wurde er Olympia­sieger in der Einzelverfolgung, Zweiter mit dem Vierer und Dritter im Madison. Weiteres Gold kam in Peking dazu (Verfolgung und Vierer), das vierte sicherte er sich im Zeitfahren von London. Jetzt will er in Rio fünftes Gold. Und weil die Einzelverfolgung nicht mehr auf dem Programm steht, setzt er auf den Vierer.

Den ersten Schritt hat er bereits getan. Nach dem Aus für die Tour, gewann er mit dem Vierer bei den Common­wealth-Spielen in Glasgow Silber. Klar ­geschlagen von den Australiern. «Jetzt haben wir 18 Monate Zeit, um den Rückstand wettzumachen», sagt er. Was auch bedeutet: Wiggins muss seine Meta­morphose vom Bahnbolzer zum zehn Kilo leichteren Tour-Sieger wenigstens teilweise rückgängig machen.

Im Juni der Stundenweltrekord

Damit Wiggins und der Vierer ihr Ziel erreichen können, will Sky-Teamchef David Brailsford, der auch für den britischen Radsport verantwortlich ist, für Wig­gins einen massgeschneiderten ­Vertrag ausarbeiten. Ihm schwebt die Bildung eines Farmteams vor, das von Wig­gins angeführt wird und in dem auch die anderen Mitglieder des Vierers Strassenrennen bestreiten können. Er nähme vorweg, was mit der Radsport-Reform Pflicht wird. Ab 2017 muss jede World-Tour-Mannschaft ein «Development-Team» für den Nachwuchs unterhalten. Weil Wiggins im Frühling un­bedingt die Flandern-Rundfahrt und ­Paris–Roubaix bestreiten möchte – «sie passen genau ins Aufbauprogramm für die Bahn» – wird er wohl erst danach ins Farmteam wechseln. Und im Juni, so hat er auch schon angekündigt, will er den Stunden-Weltrekord angreifen. Das sei ideal, weil er da den Schwung von Paris–­Roubaix nützen könne.

Erstellt: 23.09.2014, 21:42 Uhr

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