Verblasste Liebe

Die Beziehung von Fabian Cancellara zur Tour de Suisse war einst feurig. Zuletzt hat sie sich abgekühlt.

Cancellara am Vortag des Tour-de-Suisse-Starts in einem Zuger Hotel: Reicht die Form zu einem Exploit? Foto: Urs Jaudas

Cancellara am Vortag des Tour-de-Suisse-Starts in einem Zuger Hotel: Reicht die Form zu einem Exploit? Foto: Urs Jaudas

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Geht es um die Landesrundfahrt, ist Fabian Cancellara Patriot. Seit er vor zwölf Jahren Profi geworden ist, hat er keine einzige Ausgabe verpasst. 2003 war es Liebe auf den ersten Blick: In Egerkingen gelang dem 22-Jährigen beim Prolog ein Exploit. Er war in einem Rennen der Sekunden der Schnellste, 20 Fahrer klassierten sich an diesem Tag innert 15 Sekunden, aber es war der Berner Jüngling, der Pereiro und Zülle, Winokourow und Ullrich bezwang.

Es war sein erster von zehn Etappensiegen, dazu kam 2009 die Krönung mit dem Gesamtsieg zu Hause in Bern. Doch zuletzt kühlte die Liebe merklich ab. Mittlerweile sind schon vier Jahre vergangen seit der letzten Cancellara-Siegerehrung. Seither kämpfte er oft unglücklich, mit sich und den Umständen. 2012 war sein Pechjahr mit dem Schlüsselbeinbruch an der Flandernrundfahrt. Die Form stimmte dann im Juni wieder, aber in Prolog wie Zeitfahren war ein anderer schneller – um vier respektive zwei Sekunden. 2013 wurden die Favoriten auf dem Flughafen von Ambri vom Winde verweht – es war Cancellaras einzige Chance in einer bergigen Tour de Suisse. 2014 stürzte er in der Woche vor dem Rennen im Training – ob er ansonsten gegen Tony Martin angekommen wäre, seinen Nachfolger als Dominator der Zeitfahren?

Angina und Antibiotika

«Dann halt 2015», wird er sich gesagt haben (Martin fährt diesmal den Dauphiné). Am Montag trainierte er intensiv, das Gefühl war gut, die Werte toll, meldete er seinem Teamchef – nur erwachte er anderntags mit Halsweh. Er zögerte nicht lange und suchte den Arzt auf. Eine gute Entscheidung, diagnostizierte dieser doch eine Angina, Cancellara hatte auch Fieber. Antibiotika waren angesagt, drei Tage lang. Am Donnerstag setzte er sich erstmals wieder aufs Fahrrad, eine Stunde nur, er fühlte sich, als hätte er nur einen Lungenflügel. Doch der Arzt gab tags darauf sein Okay, Cancellara reiste nach Zug, schwang sich aufs Rad und pedalte um den See. Deutlich besser fühlte sich das schon an, womit auch die Zuversicht wieder sachte zurückkam. Ob das zum Exploit reichen mag? Vielleicht denkt er ganz, ganz, ganz im Stillen daran. Die Form war am Montag ja noch gut, die Beine haben seither geruht, was manchmal gar nicht das Schlechteste ist. Sagen würde Cancellara so etwas natürlich nicht. Sondern: «Ich habe null Prozent Druck hier am Samstag.» Eine kühne Untertreibung, an der Tour de Suisse werden von ihm immer Resultate erwartet, erwartet auch er solche von sich. Er sagt denn auch: «Ich akzeptiere die Situation und versuche, ruhig zu bleiben. Aber das ist schwierig: Ich habe Ambitionen.»

Motiviert fürs Heimspiel in Bern

Neben dem Prolog drehen diese sich für ihn alle um das Schlusswochenende, das in Bern stattfinden wird. Als die Landesrundfahrt letztmals in der Bundeshauptstadt zu Ende ging, gewann Cancellara Schlussetappe und Gesamtklassement. Nun werden gar die letzten zwei Teilstücke in seiner unmittelbaren Heimat ausgetragen. «Am Ende ist es ein Velorennen, fünf Kilometer von meiner Haustüre», sagt er philosophisch und lässt durchblicken, dass es kaum möglich sein dürfte, an beiden Tagen auf Sieg zu fahren, dafür erachtet er das Terrain als zu anspruchsvoll. Möglich, dass er, gerade weil alle auf seinen Exploit im Zeitfahren am Schlusstag warten, am Tag davor in die Offensive gehen wird.

Denn etwas Besonderes zu zeigen, das inspiriert den 32-Jährigen. Gerade nach diesem Saisonverlauf, mit dem nächsten folgenschweren Sturz, der nächsten Verletzungspause im Frühling. Nach einem Rückenwirbelbruch musste er Belastungen vermeiden, vier Wochen sass er nicht auf dem Rad. Das fiel ihm ebenso schwer wie das Herumsitzen zu Hause. Er erzählt von anderen Profis, die nach ähnlichen Wirbelbrüchen durchgebissen haben, weitergefahren sind, unter höllischen Schmerzen. «Aber für mich ist ein gebrochener Knochen ein gebrochener Knochen», sagt er – es ist sein Bonmot des Tages.

Nur ein Sieg 2015

Wie 2012 steht er nun zur Saisonhälfte ohne grosse Resultate da, mit nur einem Sieg in einem Vorbereitungsrennen, vier Monate ist das schon her. 2012 rettete er seine Crashsaison zumindest ein wenig mit dem Prologsieg bei der Tour de France. Jetzt mag er nicht so weit denken, jedenfalls nicht öffentlich. «Ich schaue nicht, was in einer, in zwei Wochen oder in einem Monat ist.» Denkt er also doch ernsthaft an den Prolog von heute Abend, auf dass die alte Liebe wieder aufflammt? Erst nach seinem Start um 17.31 Uhr sind wir schlauer.

Erstellt: 13.06.2015, 02:09 Uhr

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