Vom Auslaufmodell zum Event

Einst war das Zürcher Oberland die Hochburg im Radquer – geblieben ist nur Hittnau.

Querfeldein wie einst in goldenen Zeiten: Rennsonntag im Zürcher Oberland. Foto: Giorgia Müller

Querfeldein wie einst in goldenen Zeiten: Rennsonntag im Zürcher Oberland. Foto: Giorgia Müller

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Der Herbst entschuldigt sich auf seine Art für den missglückten Sommer. Mit T-Shirt-Wetter im November und grandioser Fernsicht. Ballonfahrer geniessen den Prachttag. Sie sind nicht die Einzigen, die verwöhnt werden. Ein paar Hundert Meter unter ihnen feiert die Zürcher Oberländer Radquerfamilie eines ihrer letzten Feste. Im Vergleich zu den Achtzigerjahren ist sie zwar geschrumpft, aber es gibt sie noch. Und sie kann sich über das Gebotene nicht beklagen. In Hittnau präsentiert sich die Sportart, die vor 40 Jahren ihren Hauptsitz in dem von Albert Zweifel regierten Zürcher Oberland hatte, entschlackt und modern.

Natürlich ist es nicht mehr wie früher. Natürlich gibt es keinen fünffachen Weltmeister aus Rüti mehr zu bejubeln, gibt es keinen rothaarigen Superstar, der pro Rennen 3000 Franken Gage erhält, sich dafür mit dem sicheren Sieg bedankt und so populär ist, dass er im Fernsehen Werbung für ein Waschmittel machen kann. Strahlend weiss präsentierte Zweifel den Schweizer Hausfrauen sein frisch gewaschenes Regenbogentrikot, sein Satz «Jetz chan ich wieder go träniere» wurde zum Kult. Sonst, so die Erinnerung, sagte er nie viel. Zum Popstar fehlte ihm das Charisma. Er war der «Schlammbock» und passte zur Szene, in der jeder die Gummistiefel im Auto hatte.

Jenseits der Medaillenflut

Volketswil, Wetzikon, Uster, Hombrechtikon, Rüti. Das waren grosse Rennen in den Zeiten, als sich die Zeitung mit Kalauern wie «Kein Zweifel: Zweifel» gegenseitig übertrafen. 1980 wollten 30'000 mit Zweifel den fünften Titel feiern und wurden enttäuscht. Es siegte Roland Libotton. Keines dieser fünf Oberländer Rennen hat sich in die Zukunft gerettet, keines hat den Abstieg des Radquers überlebt. Dieser lässt sich auf das Jahr 1997 datieren. Bis dann gab es für die Schweiz 15 Gold-, 20 Silber- und 23 Bronzemedaillen. Seither keine mehr.

Der VC Hittnau, der zu den aktivsten Radsportvereinen der Schweiz gehört und eine erfolgreiche Radsportschule unterhält, hat dem Trend getrotzt und an seinem Quer am Schlosshügel festgehalten. Auf dieses Jahr hin hat er sich mit dem Süpercross in Baden, Dielsdorf und dem letzten Schweizer WM-Veranstalter Eschenbach zu einer neuen Serie mit internationalen Rennen der ersten Kategorie zusammengeschlossen. Aus dem Quer wurde ein Event, wie wir es von Mountainbike-Cup kennen: Ein Renntag für die ganze Familie, von den Kids bis zu den Masters und «Jedermännern». Zum Dessert gibt es Eliterennen beider Geschlechter (Frauenrennen waren zu Zweifels Zeiten undenkbar). Sie sollen, wie Christian Rocha sagt, der Chef der EKZ Cross Tour, ein Gegengewicht zum Radquer-Mekka Belgien bilden, wo, das Preisgeld doppelt so hoch ist wie in der Schweiz das gesamte Budget.

Radsport für Geniesser

Klar, dass die Top-Belgier den Weg nicht in die Schweiz finden, doch es lassen sich Fahrer anlokken, die im Weltcup unter die ersten zehn fahren, den Schweizern als Gradmesser dienen und für Spektakel sorgen können.

Hittnau mit seiner schnellen Strecke, die den Fahrern am Schlosshügel mit einem steilen Aufstieg und einer technischen Abfahrt viel abverlangt, beweist es. Schöner lässt sich Radsport kaum erleben. Vom strategisch besten Punkt ganz oben am Aufstieg lässt sich praktisch die ganze Strecke überblicken, die Dramatik eines Radrennens wird in eine Stunde verpackt, es gibt Angriffe, Gegenangriffe, Umstürze, Zusammenschlüsse und zuletzt ein Ausscheidungsrennen einer neunköpfigen Spitzengruppe.

Schweizer Lichtblicke

Der 22-jährige Arnaud Grand aus dem BMC-Development-Team erkämpft sich hinter dem Franzosen Clément Venturini und dem Deutschen Sascha Weber den dritten Rang – den ersten Schweizer Podestplatz im dritten Rennen der Serie. Noch besser macht es die erst 17-jährige Sina Frei, die in einem packenden Endspurt die Französin Marlène Petit bezwingt. Das ist genau das, wovon Christian Rocha, der mit der Rennserie den Schweizer Quersport zurück an die Spitze führen will, geträumt hat. Er ist im Hauptberuf Nationaltrainer der Schweizer Radfahrerinnen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.11.2014, 23:49 Uhr

Ortstermin

Am Radquer von Hittnau.

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