Weil er das kann

Der Berner Radprofi Fabian Cancellara geht als Topfavorit ins morgige WM-Rennen, denn es ist lang und schwer.

Topfavorit: Fabian Cancellara startet morgen gut vorbereitet zur Strassen-WM in Florenz.

Topfavorit: Fabian Cancellara startet morgen gut vorbereitet zur Strassen-WM in Florenz. Bild: Keystone

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Ein wenig ist es wie früher in der Schule, wenn eine Fensterscheibe in die Brüche ging. Jeder zeigt mit dem Finger auf den anderen. «Ich? Sicher nicht!» Favorit ist nicht der Status, den ein Fahrer bei der Strassen-WM anstrebt. In den Tagen vor der WM ist es Fabian Cancellara, der alle abwimmeln muss. «Es ist, wie wenn man einen Stein vom einen in den anderen Garten trägt», sagt er. Aber auch er spielt mit und stapelt tief. Aus gutem Grund: Schon zwei Titelrennen hat er verloren, weil er zu selbstbewusst war. 2009 an der WM in Mendrisio fuhr er übermotiviert, bei Olympia in London vor einem Jahr fühlte er sich zu sicher und stürzte.

Eine 600 Meter lange Wand

Weil Cancellara der erklärte Topfavorit ist, kommen auch Belgier in Scharen zur Pressekonferenz, primär, um die Botschaften ihrer Hoffnung Philippe Gilbert - immerhin der aktuelle Weltmeister - zu überbringen. «Gilbert sagt, das Rennen werde auf dem ‹Faux plat› nach der Via Salviati entschieden. Was denken Sie?» Cancellara ringen sie damit ein Lächeln ab, mehr nicht. «Ich werde Ihnen meine Gedanken nicht kundtun. Gilbert hat mit der Aussage schon seine erste Karte gespielt. Ich halte meine nahe bei mir. Aber eins ist sicher: Ich kenne den Parcours zu 100 Prozent.»

Er meint damit den 16,6 km langen Circuit im Norden von Florenz, den es nach der 106-km-Anfahrt aus Lucca zehnmal zu bewältigen gilt. Zehn Runden, jedes Mal gut 300 Höhenmeter. Erst die sanfte Steigung hoch nach Fiesole, gefolgt von einer technischen, weil engen und kurvigen Abfahrt, bei deren Aufnahme in die Strecke die Italiener an ihre grosse Hoffnung Vincenzo Nibali gedacht haben müssen.Jedenfalls eher als an Cancellara, dem solche Passagen ebenfalls behagen. Dann biegt die Strecke nach kurzem Flachstück scharf rechts ab, und vor den Fahrern tut sich die Via Salviati auf: eine Wand, eine Muur, wie die Flamen sagen würden, 600 Meter lang. Vor allem dank ihr erhielt die WM-Strecke in der Toskana den Ruf, eine Angelegenheit für Kletterer zu sein - und nicht für schwerere Fahrer wie Cancellara (obwohl dessen schmales Gesicht darauf schliessen lässt, dass er am untersten Ende seiner Gewichtsskala kratzt). Er fragt: «Was können die Kletterer mehr als ich?» Dieses Selbstbewusstsein holte er sich in der Vuelta, als er teilweise mit den besten 15 die Berge hochfuhr, als er selbst am Ruhetag hinter dem Motorrad hart für die WM trainierte.

Kommt dazu, dass die Schweizer erstmals seit Varese 2008 mit der Maximalzahl von neun Fahrern antreten dürfen. Es ist auch qualitätsmässig die beste Equipe dieser Fahrergeneration: Martin Elmiger (35), Mathias Frank (30) und Michael Albasini (32) sind drei Fahrer, die für die Gegner eine echte Gefahr darstellen können. Da sind Gregory Rast (33) und Michael Schär (27), die im Feld Tempi anschlagen können, bei denen niemand zu attackieren wagt. Da sind mit Oliver Zaugg (32) und Sébastien Reichenbach (24) zwei Kletterspezialisten und mit Danilo Wyss (28) ein Allrounder, der das Rennen auf dem Weg von Lucca nach Florenz zu kontrollieren versuchen wird.

Peter Sagans Quote

Am Ende der Aufzählung steht, natürlich, Fabian Cancellara (32). Die Wettanbieter handeln keinen höher als ihn, 3 Franken zahlen sie für einen eingesetzten. 7 oder 8 bei Gilbert, sogar 14 bei Nibali. Nur einer kommt ihm nahe: Peter Sagan mit 4. Ausgerechnet: Der Berner und der Slowake, das wird keine Freundschaft mehr. Cancellara sagt kühl: «Er fuhr die Rennen in den USA, ich glaube nicht, dass das als Basis reicht. Es gibt keine Zweifel, dass die Vuelta die bessere Vorbereitung für die WM ist.»

Dann verabschiedet er sich zur lockeren Trainingsfahrt, scherzt noch mit Journalisten und Kollegen. Die Lockerheit ist nicht gespielt, denn er weiss: Schwere Rennen wie die 272 Kilometer morgen Sonntag, allenfalls noch mit Regen, sind sein Ding. Oder wie es sein Vertrauter und Nationalcoach Luca Guercilena in seinem Italo-Englisch formuliert: «Es ist realistisch, zu sagen, dass wir gewinnen können.»

Erstellt: 28.09.2013, 12:15 Uhr

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