«Wir sind mitten im Kampf»

Edelhelfer Fabian Cancellara über die Tour de France der schmalen Strassen, der Hektik und der Stürze – und was sie von der Tour de Suisse lernen könnte.

«Wir achten darauf, kein Chaos anzurichten»: Fabian Cancellara.

«Wir achten darauf, kein Chaos anzurichten»: Fabian Cancellara. Bild: Keystone

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In den letzten Jahren erlebten Sie die erste Tour-Woche im gelben Trikot. Diesmal waren Sie Helfer. Hatten Sie deswegen weniger Stress?
Es war eine sehr spezielle Tourwoche, die speziellste, die ich bis jetzt erlebt habe. Aber nicht wegen des Maillot jaune. Die Hektik, die Stürze, die engen Strassen. Ich bin froh, dass diese Phase jetzt vorbei ist, die Tour wieder ein Velorennen wird und es nicht nur darum geht, die schmalsten Strässchen zu finden.

Waren wirklich nur die engen Strassen das Problem? Was würden Sie anders machen?
Ich würde einen anderen Parcours machen. Bis jetzt war es eine Tour ohne Flair. Es gibt keine Ankünfte an besonders aufregenden Orten, es war alles immer nur klein: kleine Dörfer, kleine Strassen, was auf Kosten der Sicherheit ging. Jean-François Pescheux (der Rennleiter) sagt, dass breite Strassen mit all ihren Verkehrsinseln und Kreiseln auch gefährlich seien. Doch für mich ist ein besserer Feldweg, auf dem man 70 fährt, gefährlicher als eine breite Strasse mit gut signalisierten Gefahren.

Für die Veranstalter ist das die Tour de France: zu den Leuten, in die Dörfer gehen, Feste veranstalten.
Es gibt Dörfer und Dörfer. In diesem Jahr war es doch eher so, dass man nicht zu den Leuten, sondern zu den «Chüngeln» geht, oder dorthin, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Die Leute kommen auch, wenn die Strassen etwas breiter sind.

Wie schwer war es, auf diesen Strässchen vorne zu bleiben, um die Schlecks aus allem Trubel zu halten? Müssen Sie einfach schneller fahren als alle andern, die auch vorne fahren wollen?
So ist es, und am Abend ist man kaputter als die andern. Auch wenn es mir etwas einfacher fällt als andern, im Wind zu fahren: Es ist und bleibt sehr hart. Und es kostet sehr viel Energie. Weil wir einen sehr guten Teamgeist haben, sind wir eher dazu bereit als andere, die schon Fahrer verloren haben oder in Stürze verwickelt waren. Natürlich brauchten wir auch Glück, um die erste Woche ohne Schaden zu überstehen. Doch das Glück fällt nicht einfach vom Himmel, man muss es sich erkämpfen. Natürlich waren wir nicht immer vorne im Feld, aber dann, wenn es die Situation erforderte: Wenn die Strassen eng wurden, bei Seitenwind, dann waren wir bereit und fighteten bis zum Letzten. Wir taten es als Team. Wenn wir als Team nach vorne fahren, werden wir eher respektiert als Einzelkämpfer, die sich vorne halten wollen. Man lässt uns eher Platz. Wer allein ist, fällt unweigerlich zurück.

Gibt es eine Art Hierarchie im Feld?
Man versucht, sich zu arrangieren. Es gibt in den Flachetappen ja immer zwei Rennen. Das um den Etappensieg und das um das Gesamtklassement. Also wollen Sprinter und Teamleader vorne sein. Wenn HTC einen Sprint vorbereitet, lassen wir seinen Leuten einen gewissen Spielraum. Wir schauen auch darauf, dass die Teams im Finale einigermassen zusammenbleiben. Wir achten darauf, kein Chaos anzurichten, wenn wir vorne fahren. Sodass man uns bei andern Gelegenheiten auch etwas Spielraum lässt.

Stimmt es, dass es viele Fahrer gibt, die zu wenig gut sind, um vorne zu fahren, und deshalb eine stetige Gefahr sind?
Davon gibt es viel zu viele, und ich würde sie am liebsten auf den Mond schiessen. Namen nenne ich keine. Aber so kommt es immer wieder zu kleineren Zwischenfällen, man schreit sich an oder stösst sich weg, doch am nächsten Tag entschuldigt man sich auch wieder. Wenigstens bei denen, die einem etwas bedeuten. Das wird akzeptiert. Am ersten Tag habe ich Thomas Voeckler mindestens fünfmal gegen den Hintern geschlagen, weil er mich auf der rechten Strassenseite nicht vorbeilassen wollte. Er fluchte zurück. Am andern Tag habe ich mich entschuldigt. Und er hat nur gesagt, das sei doch normal.

Sind an den vielen Stürzen auch die Fahrer schuld, weil sie zu grosse Risiken eingehen – wie am Sonntag beim schweren Sturz in der Abfahrt?
Die Fahrer, die in dieser Abfahrt geführt haben, sind sicher auch selber schuld. Sie waren zu schnell. Doch es war halt eine Kurve, in der die Strasse zum Teil nass war und die auch noch zumachte. Man kommt mit 60 oder 70 Stundenkilometern daher, muss auf die Bremse, und schon ist es passiert. Vor einer solchen Kurve sollte es einen Streckenposten haben, der die Fahrer warnt.

Wie in der Tour de Suisse?
Die machen es zehnmal besser.

Nur sind es dort Motorradfahrer, die nachher das Feld wieder überholen müssen. Was auf den engen Strassen hier ein Problem wäre.
Die Tour de France sollte genug Geld haben, um Leute ohne Motorrad an solchen Stellen zu platzieren. Oder man signalisiert die Kurve mit einem besonderen Zeichen, so wie man das bei den Kreiseln macht. Wenn die Tour der grösste Velo-Anlass im Jahr sein will, muss auch die Sicherheit gewährleistet sein. In solchen Fällen machen es sich die Organisatoren zu einfach: Es genügt nicht, zu sagen, dass wir halt bremsen müssen. Bei uns fliesst das Adrenalin, wir sind mitten im Kampf. Am Sonntag hätte es einen weiteren Fall Casartelli (1995 in einem Massensturz tödlich verunglückt) geben können.

Nach dem Sturz vom Sonntag sah man Sie zusammen mit Hushovd und Gilbert an der Spitze des Feldes. War es einfach, die Fahrer davon zu überzeugen, dass man jetzt warten solle, bis alle wieder im Feld waren?
Es war ein Chaos. Da war es vernünftig, kurz einmal zu schauen, was passiert ist, ehe man wieder richtig weiterfährt. Wir wussten ja nicht, ob wieder jemand getötet wurde. Es ging nicht um Streik oder etwas Ähnliches. Ich sagte nur einem der Sicherheitsleute der Organisation, dass es besser wäre, Streckenposten an den Gefahrenstellen aufzustellen.

Erstellt: 12.07.2011, 13:18 Uhr

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