Zeig her, deine Wade!

Sehnig und stets glatt rasiert: Die Wade steht für das Leben eines Radprofis. Doch gross und kräftig ist nicht immer besser. Im Gegenteil.

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Doch, Muskeln hat er. Doch seine Waden erinnern an Unterarme von gewöhn­lichen Menschen. Mit der blossen Hand zu umfassen, so klein sind sie.

Träger dieses bisschen Muskel ist Merhawi Kudus, ein Kletterspezialist aus Eritrea und im Fahrerlager bekannt als jener Radprofi mit den kleinsten Waden. Sein Vater sage ihm, er solle doch lange ­Hosen anziehen, wenn er zu Hause unter die Leute gehe, erzählt der 23-Jährige – dermassen schmalwadig wirke er. Kudus ist 58 Kilogramm leicht und 174 Zenti­meter gross. «Ich will aber nichts ändern, ich mag meine Waden.»

Sagan wagte es und verzichtete während Wochen auf eine Beinrasur. Kritik aus der Szene war ihm gewiss.

Im Fahrerlager kennt man auch ­das andere Wadenextrem: Die grössten und schönsten soll Weltmeister Peter Sagan haben, und tatsächlich, man muss sie nicht suchen wie bei Kudus. Seine Unterschenkel sind breit, kräftig und massig. Ein Zweiter mit prächtigen ­Waden ist Olympiasieger Greg Van Avermaet – auch bei ihm: nur Muskeln und Sehnen. Das hat nicht nur Vorteile. Van Avermaet und Sagan teilen das Problem aller Classiquefahrer. Ihre Muskeln müssen sie über die Berge tragen, also möglichst klein und leicht sein (siehe Box); aber sie sollen dann im Sprint den Sieg bringen, also möglichst gross und kräftig sein.

Die Balance zu finden, sei jahrelange Arbeit, sagt Van Avermaet. Dem stimmt Kletterer Kudus zu. Er magert mithilfe von Ärzten massiv ab – auf tiefe einstellige Körperfettanteile – um möglichst ­wenig Ballast über die Pässe zu schleppen, will aber gleichzeitig nicht Muskeln und Leistungsfähigkeit schmälern.

Der Oberschenkel leistet mehr

Die Wade also. Gerne mit dem Adjektiv «stramm» strapaziert und meist missverstanden. Ausgiebiges Radfahren macht die Muskeln nicht gross und dick, nein, sie werden davon schlank und ­sehnig. Und es gibt nicht die Wade an sich, sondern sie besteht aus zwei Brüdern, dem Gastrocnemius medialis und dem Gastrocnemius lateralis. Die ­beiden unterstützen sich, wissen aber, gegen den Kollegen von oben, den ­Rectus Femoris, den Oberschenkelmuskel, gegen den haben sie keine Chance.

Dieser ist der Kraftpatron im Bein. Von ­aller Kraft, die bei jedem Tritt auf die ­Pedale wirkt, stammt 39 Prozent von ihm – die Gebrüder medialis und lateralis schaffen rund 20 Prozent. Das hat auch seine Vorzüge. Wenn die Muskeln grösste Depressionen erleiden und übersäuern, dann spürt das immer zuerst der Oberschenkel – und nicht die Wade. Sie arbeitet zwar stetig und konstant, bleibt aber von akuten Muskelschmerzen verschont. So sind Wadenkrämpfe bei Radprofis höchst selten.

Je schlanker die Wade, desto leichter gehts über die Berge. Fotos: Michael Buholzer

Ein austrainierte ­Wade hat etwas von einer Landkarte. Durch den Fettverlust erheben sich Berge aus Muskeln, Venen mimen Flüsse – Body­builder kennen das. Und dann gibt es noch abnormale Erhebungen: Krampfadern. Meist genetisch bedingt. Wie Würmer schlängeln sie sich durch fettarme Radfahrerbeine. Das ist ungesund, einerseits. Anderseits sieht das mässig gut aus, also lassen sie viele operativ entfernen. Das zeigt: Waden folgen nicht nur Kraft­ansprüchen, auch Ästhetikbegierden fahren mit. «Meine Waden gefallen mir, sie sind braun, die beiden ­Muskeln gut sichtbar», sagt der Belgier Van Avermaet, das sei ihm nicht unwichtig. «Es ist eine Eigenheit unseres Sportes, ein kleiner Fetisch», sagt der BMC-Fahrer, «weshalb das schlecht finden?»

Die Frisur – alles rasiert

Und da sind die Haare. Weg oder nicht? Drei Gründe erwähnen Fahrer, weshalb sie die Beine rasieren. Erstens, damit nach einem Sturz nicht Haare die Wunde verkleben. Zweitens, damit sich die Haarwurzeln bei den Massagen nicht entzünden. Drittens, weil in vielen Radprofis ein kleiner Adonis mitfährt. In einem einschlägigen Velomagazin ist zu lesen: «Erst wenn die Beine gerodet sind, modelliert das Licht die feinen ­Nuancen in der Muskulatur, lenkt den Blick auf die lebende Plastik.»

Feine Nuancen, lebende Plastik – ­zugegeben, das tönt unverschämt gut. Nicht gut genug für Peter Sagan, dem vielleicht Besten dieser Tage, sicherlich aber Exzentrischsten. Er wagte es doch tatsächlich und verzichtete Anfang Saison während Wochen auf eine Bein­rasur. Die Natur überwucherte die ­lebende Plastik, seine Wade wurde so oft fotografiert wie noch nie, in den sozialen Medien fleissig geteilt, Radsportexperten dazu befragt. «Es gibt kein Gesetz, aber es gehört sich nicht, und es sieht nicht gut aus», polterte Stephen Roche, ein Tour-de-France-Sieger und Ex-Weltmeister. ­Sagan wäre nicht Sagan, hätte er diese Kritik nicht fast schon zelebrierend aus- und dem Haar weitere Länge zugestanden. Zwei Monate später inszenierte er die Rasur. Die Twittergemeinde durfte eingeschäumte Sagan-Beine bestaunen, die Botschaft war klar: Haare ab.

Das Geheimnis des runden Tritts

Die gemeine Radszene lebt die No-Hair-Policy. Als am Tour-Startwochenende in Cham der Nachwuchs des örtlichen Veloclubs für ein Foto posierte, offenbarte sich: Auch die 8- bis 16-jährigen Buben und Mädchen mögen es glatt. Komplett. ­Ältere Amateure mit üppigerem Haarwuchs fragen sich derweil: Muss ich auch? Und falls ja: Wie weit nach oben?

Carina Kirssi ist Masseurin vom Team Bora-Hansgrohe und mit allerlei Waden bekannt. Gerade nach schweren und heissen Etappen seien diese hart wie ein Holzstock. Die kleinen Waden, diejenigen «mit nichts dran», seien einfacher, weil weniger arbeitsintensiv.

Mag sie Haare an den Beinen? Die ­Finnin verzieht das Gesicht: «O nein», das brauche zum Massieren viel mehr Öl oder Creme, sie hasse es, wenn Haare verkleben. BMC-Fahrer Michael Schär sagt, dass sich sein Masseur bei Stoppeln über Schmerzen in den Fingerkuppen beklage, also rasiere er gründlich.

Schär erzählt, dass die Waden hauptverantwortlich seien für den «ominösen, runden Tritt». Der besagt, dass der Fahrer nicht nur von oben auf die Pedalen drücken, sondern sie auch hoch­ziehen soll, damit die Bewegung rund aussieht. Hier nimmt die Wade eine wichtige Funktion ein. Sie gibt dann Kraft, wenn der Oberschenkel keine Wirkung mehr hat. Wäre der Pedaltritt eine Uhr, dann soll zu jeder Uhrzeit ein Muskel drücken und ziehen.

Damit dies mit Souplesse geschieht, machen Schär und Kudus im Winter ­bewusst Fitnessübungen. Nicht aber Van Avermaet. «Krafttraining ist nichts für mich», sagt der Olympiasieger. Er hat Angst, dass er mit den Gewichten seine wichtigen Muskeln schwächt.

Das dann doch: Funktion geht vor ­Ästhetik und Fetisch. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.06.2017, 06:43 Uhr

Muskelfasern

Rot ist gefragt

Weshalb haben Radprofis trotz ausgiebigem Training keine grossen Wadenmuskeln? Die Antwort liegt in den unterschiedlichen Muskelfasertypen.
Es gibt die ausdauernden, roten Fasern; und die schnellkräftigen, weissen. Die weissen Fasern sind dicker, kräftiger und zucken schneller – gut also für Sprinter. Ein Radprofi fördert aber durch seine langen Trainingsfahrten vor allem die roten. Diese sind ausdauernder und speichern mehr Energie. Durch Training lässt sich der Anteil roter Fasern steigern, deutlich besser als jener der weissen. Radfahrerbeine haben also einen hohen Anteil an roten Fasern. Zudem ver­fügen sie über ein ausgeklügeltes Versorgungsnetz, das den Bluttransport bis in die ver­ästelten Kapillaren übernimmt und die Muskeln mit Sauerstoff versorgt. Das führt dazu, dass die Ausdauerleistungsfähigkeit eines trainierten Radfahrerbeins bis zu viermal so hoch sein kann wie bei einem Hobbysportler.
Wissenschaftlich umstritten ist, ob sich durch gezieltes Training rote Fasern zu weissen umwandeln lassen. (czu)

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