Zurück auf der grossen Bühne

Mit einem Tag Verspätung eroberte Fabian Cancellara in einer spektakulären Etappe das Maillot jaune.

Zum 29. Mal trägt Cancellara heute das Leadertrikot der Tour de France – elf Jahre nach seiner Premiere in Gelb.

Zum 29. Mal trägt Cancellara heute das Leadertrikot der Tour de France – elf Jahre nach seiner Premiere in Gelb. Bild: Vincent Jannink/Keystone

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Zwischen den ersten beiden Etappen lagen 24 Stunden und 20 Grad Temperaturunterschied. Und für Fabian Cancellara die ganze Bandbreite an Emotionen. Am Samstag hatte er in der Bruthitze von Utrecht um seinen neunten Tour-Etappensieg gekämpft, diesen im Zeitfahren als Dritter um sechs Sekunden verpasst. Zutiefst frustriert schlich er von dannen. «Eine Welt ging unter», sagte er. Geschlagen lag er abends auf dem Massagetisch, als ihn eine SMS von Teamtrainer Josu Larrazabal erreichte. «Das war der perfekte Moment. Da hast du Zeit, um nachzudenken. Ich las die Nachricht wohl zehnmal, es war eine der besten seit Monaten.»

Larrazabal erinnerte Cancellara daran, dass seine Karriere grösser sei als jene Niederlage am Samstag. Dass es nur ganz wenige Athleten geschafft hätten, während elf Jahren an der Weltspitze ­mitzufahren.

«Das war der Schlüssel zur Tür, ­hinter der heute das gelbe Trikot war», sagte er gestern Abend. Dabei hatte er sich am Sonntagmittag, als der Teambus bei schönstem Wetter zum Start in ­Utrecht rollte, noch eher auf einen ruhigen Tag eingestellt. Als in der Etappenbesprechung dann aber von Wind und Wetter, von Verhältnissen wie bei einer Frühjahrsclassique die Rede war, kam auch die Motivation zurück in Cancellaras müde Beine.

Wie damals «als kleiner Junge»

Prompt war er der einzige Trek-Fahrer, der bei Rennhälfte die von Etixx-Quick­step forcierte Selektion schaffte. Fortan fuhr eine Gruppe von 25 Fahrern an der Spitze, derweil hinten viele grosse ­Namen um den Anschluss kämpften.

Wichtiger für Cancellara war, dass Zeitfahrsieger und Leader Rohan Dennis nicht dabei war. Weshalb es zum Duell des Gesamtdritten mit dem Zweiten Tony Martin um das Maillot jaune kommen würde. Dieses entschied Cancellara tatsächlich für sich – ausgerechnet dank der gütigen Mithilfe von Mark Cavendish. Martins Teamkollege liess auf den letzten ­Metern, als er realisierte, dass der Sieg an André Greipel statt ihn selber gehen würde, die Beine hängen, weshalb ­Cancellara den Briten noch abfangen und die notwendigen Bonus­sekunden einstreichen konnte.

Mit 34 Jahren fuhr Cancellara also ein weiteres Mal ins Leadertrikot, heute trägt er dieses zum 29. Mal, elf Jahre, nachdem er es bei seinem Tour-Debüt Lance Armstrong weggeschnappt hatte – «als kleiner Junge», wie er sagte.

Es war eine tiefe Zufriedenheit, die Cancellara ausstrahlte, nachdem er das altbekannte gelbe Trikot übergestreift hatte. Sein letzter Auftritt auf der grossen Bühne des Radsports war schon über ein Jahr her, es war der Sieg an der Flandernrundfahrt 2014 gewesen, vor 15 Monaten. Seither? Drei kleine Siege, aber vor allem: eine erfolglose Tour, eine WM zum Vergessen, der Sturz vor den Pavé-Klassikern, die Angina vor der Tour de Suisse.

Nibalis Plattfuss und Zeitverlust

«Dieses Trikot hat eine viel höhere ­Bedeutung für mich als sonst, weil ich weiss, dass dies wohl meine letzte Tour sein wird», sagte Cancellara. Was nicht heisst, dass er nun nicht um dieses kämpfen wird. Er liess durchblicken, dass er sich im Vorfeld eine Chance ausgerechnet hatte, in der Pavé-Etappe am Dienstag ins Trikot zu fahren. Nun hat er die Möglichkeit, bereits in Gelb auf seinem bevorzugten Terrain zu starten. Dafür muss er aus seinen müden Beinen heute einen weiteren Effort heraus­kitzeln. Die Etappe endet oben an der Mur de Huy. Den Halbklassiker Flèche Wallonne, dessen Finale die heutige Etappe bildet, kennt Cancellara nur aus dem Fernsehen. Er mochte deshalb seine Chancen auch nicht einschätzen, sagte stattdessen: «Ich werde in Belgien das Maillot jaune tragen – und es geniessen.»

Der Tag an der holländischen Küste brachte neben den Gewinnern Greipel (er siegte seit 2011 jährlich mindestens in einer Etappe) und Cancellara auch ­Abstände unter den Gesamtklassementsfahrern. Sky mit Chris Froome, Tinkoff-Saxo mit Alberto Contador, BMC mit ­Tejay Van Garderen und Etixx-Quickstep mit Rigoberto Uran bestanden den ersten Test allesamt. Die anderen Teams nicht. So verloren Titelverteidiger Vincenzo Nibali (Astana), Nairo Quintana (Movistar) und Thibaut Pinot (FDJ) 1:24 Minuten. Nibali hatte Glück, dass der Rückstand nicht noch grösser ausfiel. Er hatte 25 Kilometer vor dem Ziel einen Plattfuss, schaffte aber wieder den ­Anschluss.

Erstellt: 05.07.2015, 23:04 Uhr

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