Zum Hauptinhalt springen

Als die Tour beinahe kollabierte

Vor 20 Jahren beherrschte die Festina-Affäre die Tour de France. Darin verwickelt waren auch die Schweizer Meier, Zülle und Dufaux. Bis heute ist nicht alles verarbeitet.

Der Festina-Skandal 1998 (im Bild: Alex Zülle) erschütterte die Tour de France. Welche Konsequenzen er für die betroffenen Fahrer hatte und was sie heute machen, sehen Sie in unserer Bildstrecke.
Der Festina-Skandal 1998 (im Bild: Alex Zülle) erschütterte die Tour de France. Welche Konsequenzen er für die betroffenen Fahrer hatte und was sie heute machen, sehen Sie in unserer Bildstrecke.
Keystone
Laurent Brochard (FRA, 50) (Mitte): Mit ihm wird 1998 der aktuelle Weltmeister von der Tour ausgeschlossen. Der Mann mit der Vokuhila-Löwenmähne fuhr noch bis 2007. Wettkämpfe bestreitet er noch heute, bevorzugt Ultra-Trailläufe.
Laurent Brochard (FRA, 50) (Mitte): Mit ihm wird 1998 der aktuelle Weltmeister von der Tour ausgeschlossen. Der Mann mit der Vokuhila-Löwenmähne fuhr noch bis 2007. Wettkämpfe bestreitet er noch heute, bevorzugt Ultra-Trailläufe.
Keystone
Richard Virenque (FRA, 48): Der Leader der Equipe und ihre schillerndste Figur stellte als Einziger lange in Abrede, gedopt zu haben. Wurde Rekord-Bergpreissieger (7x) und Liebling der Franzosen. Heute TV-Experte bei Eurosport.
Richard Virenque (FRA, 48): Der Leader der Equipe und ihre schillerndste Figur stellte als Einziger lange in Abrede, gedopt zu haben. Wurde Rekord-Bergpreissieger (7x) und Liebling der Franzosen. Heute TV-Experte bei Eurosport.
Keystone
1 / 10

Dann führen die Gendarmen Armin Meier ins Untergeschoss. Neben jener Zelle, in die sie ihn sperren wollen, steht am Boden ein Paar Schuhe, darauf eine Brille und ein Ohrring. Meier erkennt sie sogleich: Es sind die Habseligkeiten von Alex Zülle, den die Polizisten offensichtlich bereits eingesperrt haben. Meier wird eingeschlossen, «in diesem Loch». Es riecht nach Erbrochenem und Fäkalien. Am Boden haben die Türen einen schmalen Spalt, damit etwas Luft in die Zellen gelangt. Bald kauern Meier und Zülle am Boden, erörtern so von Zelle zu Zelle, was soeben geschehen ist.

Wie sind sie hierher geraten? Es ist der 23. Juli 1998, morgen ist es 20 Jahre her. Der Aufenthalt dauert nur einige Stunden, aber diese bleiben ihnen für immer in Erinnerung. Nach Mitternacht werden sie freigelassen und in ein Hotel gebracht, tags darauf erzählen sie der Presse, was sie zuvor auf dem Polizeiposten in Lyon zugegeben haben: Ja, sie hatten gedopt.

Grenzkontrolle wird zum Verhängnis

1998 ist der Sommer der Festina-Affäre, die die Tour beinahe stürzt. Am 8. Juli, drei Tage vor dem Start der Tour de France in Dublin, wird Willy Voet an einem kleinen Grenzübergang zwischen Belgien und Frankreich kontrolliert. Morgens um 5.40 Uhr will der Pfleger die Grenze passieren, in einem Teamauto von Festina. Die Zöllner staunen. Voet führt eine Vielzahl an Dopingmitteln mit: Epo, Amphetamine, Wachstumshormone, Testosteron und Kortikoide.

Die Festina-Fahrer kommen gerade von einer Trainingsfahrt zurück, als sie davon hören. Teamchef Bruno Roussel reist in der Folge gar nicht nach Irland, was sie eher verunsichert. Festina ist nicht irgendeine Equipe. Sondern die favorisierte, mit Richard Virenque und Alex Zülle stellt sie zwei mögliche Sieger, dazu sieben Helfer von beachtlichem Format.

Eher überraschend gehört auch Armin Meier zu diesen. Er ist nicht für die Tour vorgesehen, wird aber auf Virenques Wunsch aufgeboten. «Ich hatte nur einen Einjahresvertrag und wusste: Wenn ich die Tour fahre, kriege ich danach einen Dreijahresvertrag», sagt Meier. Er nimmt darum vor der Tour erstmals an einem Trainingslager mit Virenques Entourage teil, erhält dort von Voet eine Epo-Injektion, 4000 Einheiten, wie dieser in seinem Journal festhält. Es ist ihre einzige Begegnung, eine entscheidende: Wegen dieser Aufzeichnung können die Polizisten später Meier das Doping nachweisen.

Zülle: «Die Welt würde mit anderen Augen auf den Sport schauen»

Die Festina-Fahrer starten trotz des sich anbahnenden Skandals zur Tour. «Jeden Abend war ein riesiges ‹Ghetto› um unser Hotel, mit Polizei, Fans, die uns unterstützten, und mit Gegnern, Journalisten und so weiter», erinnert sich Meier. Er ist einer von drei Schweizer Protagonisten, neben ihm waren auch Alex Zülle und Laurent Dufaux als Teamkollegen mitten in diesem Tohuwabohu. Die beiden mögen sich heute aber nicht mehr dazu äussern, wie sie der «SonntagsZeitung» mitteilen. «Ich mag keine Kommentare mehr über diese alte Affäre abgeben», schreibt Dufaux. Zülle sagt am Telefon: «Ich weiss, wie es läuft mit der Presse. Ich sage niemandem etwas. So ziehe ich das seit Jahren durch und fahre gut damit.»

Trotzdem tönt der Thurgauer im kurzen Gespräch noch das eine oder andere an, spricht von grossen Summen, die ihm schon geboten worden seien, wenn er seine ganze Geschichte erzählt hätte. «Wenn ich alles erzählte, würde die Welt mit anderen Augen auf den Sport schauen», sagt er, kurz darauf beendet er das Gespräch.

Die Festina-Affäre erreicht ihre nächste Stufe, als Teamchef Roussel im Polizeiverhör auspackt. Er gibt das organisierte Doping in seiner Equipe zu. Die Tour-Direktion erfährt davon noch am selben Tag und handelt: Sie schliesst das Team am Abend um 23 Uhr aus.

Streik führte beinahe zum Ende der Tour

Die Fahrer reisen heim. Sechs Tage später fahren sie auf Einladung der französischen Polizei nach Lyon, wo man ihre Aussagen aufnehmen will. «Die Polizei versicherte unserem Anwalt, dass wir am Abend wieder heimgehen könnten», sagt Meier. «Wir entschieden hinzufahren – um den Fall abzuschliessen.»

Vor dem Posten treffen sich die neun Fahrer, marschieren entspannt hinein – und werden sogleich in Einzelverhöre verwickelt. Acht gestehen angesichts der schweren Beweislast Doping. Nur einer streitet alles ab: Richard Virenque.

Nach ihren Geständnissen werden die Fahrer in die Zellen im Untergeschoss geführt. Als Folge davon durchsucht die Polizei zahlreiche Quartiere anderer Teams. Auf der 17. Etappe streiken die Fahrer, das Rennen steht vor dem Abbruch – und damit die Tour vor dem Ende, wie Direktor Leblanc später zugibt. Ein Teil des Pelotons lässt sich zur Weiterfahrt überzeugen, fünf Teams ziehen sich aus Protest zurück.

Die acht Festina-Fahrer werden alle für sechs bis acht Monate gesperrt, 1999 sind sie zurück im Geschäft. Sauber? Eher nicht. Meier sagt: «Ich machte noch gewisse Dinge, aber mit angezogener Handbremse. Denn: Einmal verzeiht dir die Öffentlichkeit. Ein zweites Mal nicht.»

Virenques finale Pirouette: Er habe nicht bewusst gedopt

Virenque bleibt bei seiner Taktik der Verneinung, obwohl Ende 1998 bekannt wird, dass auch seine Probe positiv auf Epo war. Erst beim Festina-Prozess 2000 gesteht er Doping, inklusive einer finalen Pirouette. Er findet die bemerkenswerte Formulierung: Er habe dies nicht bewusst gemacht.

Virenque wird neun Monate gesperrt, seine abstruse Argumentation schadet ihm aber kaum: Auch in den Jahren danach klettert er im Juli im rot gepunkteten Trikot des besten Bergfahrers über Frankreichs Pässe – und wird von den Zuschauern gefeiert. Bis heute wirbt er für Festina. Was nur konsequent ist: Das Uhrenunternehmen profitierte vom Skandal enorm, bis heute. Teilweise gilt dies auch für den Radsport. Erstmals wurde 1998 wirklich gegen Doping vorgegangen, zuvor war dies ein Stück weit als Notwendigkeit hingenommen worden.

Wie blicken die betroffenen Fahrer zurück? «Dieser Rückschlag gab mir als Persönlichkeit einen grossen Schub. Zu sehen, wie du mit so einer Stresssituation umgehst, das war ein ‹Leerblätz› fürs Leben. Da wurde ich erwachsen», sagt Meier. Ob er noch einmal gleich handeln würde, darauf hat er keine echte Antwort, sagt: «Wir wussten alle, dass das ein Scheiss ist. Es war ein Entscheid für die Karriere, gegen die Vernunft. Natürlich war mir das bewusst.»

Bammel vor dem Geständnis gegenüber den eigenen Kindern

Bammel hatte er in jungen Vaterjahren vor der Frage, wie er einst seinen Kindern von diesem Kapitel erzählen sollte. Doch: «Meine Teenager-Kinder waren mehr an der Geschichte interessiert. Sie hinterfragen eh alle Spitzensportler und sind generell sehr kritisch in Bezug auf die Dopingbekämpfung.» Gerne hätte man dieses Thema auch mit Dufaux besprochen: Sein 20-jähriger Sohn Loïs «fährt» in seinen Fussstapfen.

Im kurzen Gespräch äussert Zülle noch eine bemerkenswerte Meinung. Der Radsport sei mittlerweile «die sauberste Sportart überhaupt». «Im Fussball oder Tennis ist es doch viel schlimmer.»

Nicht ganz so optimistisch ist Antoine Vayer, einst bei Festina als Trainer angestellt. Heute gehört er zu den bekanntesten Kritikern der Rad-Dominatoren, hinterfragt diese und ihre Leistungen permanent. «Wie soll sich auch etwas ändern, wenn immer noch dieselben Leute den Teams vorstehen?», fragte er kürzlich gegenüber «Le Matin» und fügte dann aber doch an, dass das Peloton heute deutlich sauberer sei als einst. Und: «Wir sind auf einem guten Weg. Wenn ein Schweizer die Tour gewinnen wird, werden wir sagen können: Geschafft.»

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch