Aus dem Keller ins Ungewisse

Stefan Küng bestreitet am Mittwoch sein erstes WM-Zeitfahren bei den Männern. Nur schon die Länge ist neu für ihn.

Steile Entwicklung: Radtalent Stefan Küng (21) hat sich nach einer Rückenverletzung rechtzeitig in WM-Form getrimmt. Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

Steile Entwicklung: Radtalent Stefan Küng (21) hat sich nach einer Rückenverletzung rechtzeitig in WM-Form getrimmt. Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

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Plötzlich war Stefan Küng abgehängt. Wie alle Fahrer des BMC-Teams mit ­ihren Oberkörpern zu wackeln begannen, machte deutlich, dass die Sechs das Letzte aus sich herauspressten beim ­Versuch, die Geschwindigkeit aufrechtzuerhalten. Und wie schnell sie unterwegs waren: 60 km/h zeigte eine Einblendung während des WM-Teamzeitfahrens an, obwohl die Strasse in jener Passage nicht eben abfallend war. Doch plötzlich ­wackelte da einer weniger – Küng hatte auf den Schlusskilometern nicht mehr ganz mithalten können.

Der Jüngste führte am längsten

Dass Küng mit 21 bei seiner ersten Elite-WM die zweite Position in der Teamaufstellung zugeteilt worden war, sagt viel über seine Fähigkeiten aus. Diese Rolle ist schwer. Hinter Teamleader Rohan Dennis musste der Thurgauer ähnlich hart in die Pedalen treten wie dieser, nur um dranzubleiben. Das hinderte ihn nicht, gerade in der Anfangsphase des Zeitfahrens einige lange Ablösungen zu leisten, längere als die Kollegen. Warum denn nicht? Er fühlte sich ja gut.

Doch eben: Plötzlich war er abgehängt. Die Teamkollegen verwalteten ­allerdings in der kurzen, schmerzhaften Schluss­steigung den zuvor erarbeiteten Vorsprung souverän. Als Küng wenig später ins Ziel kam, war auch er Weltmeister im Teamzeitfahren.

So richtig freuen konnte er sich erst nicht darüber. Er hatte mehr von sich erwartet. «Ich war etwas enttäuscht von mir selber, war schon davon ausgegangen, dass ich bis zuletzt würde mithalten können», sagt er. Aber dann kamen die Schulterklopfer und Komplimente der Teamkollegen und -chefs, die ihm zur Leistung gratulierten, ihm versicherten, wie gross sein Anteil am Sieg gewesen war. Ein Kollege ging noch weiter und sagte zu Küng: «Verdammt stark gefahren. Du wirst gut sein am Mittwoch.»

«Ich erwarte manchmal zu viel von mir»

So beiläufig die Aussage sein mochte, sie löste beim Neoprofi etwas aus. Sie blies die Zweifel weg, die aufgekommen waren auf den letzten Kilometern, die er alleine absolviert hatte. Nun sagt Küng deshalb, wenn er an morgen und das WM-Einzelzeitfahren denkt: «Ich bin – mit meiner Form – zuversichtlich. Die Strecke liegt mir nicht schlecht.» Dann hält er kurz inne und schlägt mit seinen Ausführungen eine andere Richtung ein: «Ich erwarte von mir immer sehr viel, manchmal zu viel. Man muss auch ­sehen: Ich war mit Abstand der Jüngste im Team. Zum Teil will ich zu früh zu viel. Und wenn ich an die Verletzung am Giro d'Italia denke: Ich habe nur eine halbe Saison bestritten.»

Genau, da war doch was: Im Mai war er nach starkem Frühjahr gleich zur ersten grossen Rundfahrt des Jahres aufge­boten worden. Doch dort stürzte er im Regen unglücklich und verletzte sich am Rücken. Das Saisonende? Die ersten ­Diagnosen deuteten darauf hin. Doch Küng kam glimpflich davon, sass schon bald wieder auf dem Fahrrad, zu Hause auf der Trainingsrolle in der Werkstatt unten im Keller. Die Strasse war ­wegen des Sturzrisikos noch Tabu.

Cancellara wurde beim Debüt 15.

Zweimal pro Tag setzte er sich in den Sattel. Und wer das selber schon mal ­gemacht hat, ob im Fitnesscenter oder in der eigenen Garage, weiss, wie monoton das ist, wie viel Überwindung das braucht. «Ich dachte dabei oft an dieses Rennen vom Mittwoch. Das war ja nicht nur ein bisschen die Beine bewegen. Das waren auch Intervalle in der höchsten Belastungsintensität. Und mit schmerzendem Rücken.» Dann fügt er an: «Jetzt bin ich hier! Nun muss ich nur noch die richtigen ‹Vibes› für Mittwoch finden.»

Sprich die Stimmung, die ihm eine Topleistung ermöglicht. Denn die Vorbereitung stimmte. «Gut und hart» habe er vor der WM trainiert, sagt Küng, der vor seinem Renncomeback einen Trainingsblock im Engadin absolvierte. Mit ­einem Rang mag er seine Ziele dennoch nicht formulieren, bleibt defensiv: «Es wäre vermessen, von den Top 10 zu sprechen.» Dafür führt das Rennen zu sehr ins Ungewisse: 53 Kilometer lang ist es, weiter als 43 Kilometer (bei der ­U-23-WM vor zwei Jahren) ist Küng in ­einem Einzelzeitfahren noch nie gefahren. Er sieht das Rennen eher als Basis für die Zukunft, «eine interessante ­Referenz» für künftige Titelkämpfe, bei denen er dann vorne mitmischen will.

Eine Referenz für morgen wäre ­vielleicht das Resultat von WM-Debütant Fabian Cancellara, mit dem Küng aufgrund der so ähnlichen Anlagen stets verglichen wird. Der Berner wurde vor 14 Jahren 15. Und sollte es mehr werden? Schulterklopfer und Komplimente ­wären Küng gewiss.

Erstellt: 21.09.2015, 23:11 Uhr

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