«Bringt mir den Schmerz»

Unterwegs zum Stundenweltrekord von 55,089 Kilometern zeigte der Belgier Victor Campenaerts (27) eine enorme Leidensbereitschaft. Am Giro d’Italia will der Zeitfahrspezialist diese morgen erneut unter Beweis stellen.

Die 55 Kilometer geknackt. Victor Campenaerts bei seinem erfolgreichen Rekordversuch am 16. April auf der Bahn von Aguascalientes. Foto: Ulisses Ruiz (AFP)

Die 55 Kilometer geknackt. Victor Campenaerts bei seinem erfolgreichen Rekordversuch am 16. April auf der Bahn von Aguascalientes. Foto: Ulisses Ruiz (AFP)

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Wie fühlen sich die letzten Minuten auf dem Weg zum Stundenweltrekord an?
Mein Vorgänger Bradley Wiggins ist eine Figur, die mich inspiriert. Ich habe wohl jedes Video gesehen, das es über ihn auf Youtube gibt. In einem beschreibt er, wie es sich anfühlt, in einem Rennen einen Berg hochzufahren. Er sagt, das sei, wie wenn dir jemand den Kopf unter Wasser drücke. Du willst den Kopf rausziehen. Aber du weisst, wenn du das machst, verlierst du.

Ein fürchterliches Gefühl.
Ja, aber eine treffende Beschreibung. Als ich das hörte, dachte ich: Er hat recht, so fühlt sich das an. Auch wenn du atmen kannst: Du atmest so heftig, und kriegst doch nicht genug Sauerstoff.

Unvorstellbar.
Als ich als U-23-Fahrer ein Zeitfahren bestritt, litt ich vielleicht in den letzten fünf Minuten intensiv. Nun leide ich von der ersten Minute an. Und in den letzten fünf leide ich auf eine Art, wie ich es in der U-23 nie tat. Im Worldtour-Peloton leidest du sehr oft, darum kannst du damit viel besser umgehen.

Dem Stundenwelt­rekord nähert man sich während des Versuchs langsam, der Erfolg kommt also nicht überraschend. Wie fühlt sich das emotional an?
Sehr komisch. Beim Stundenweltrekord gibt es nur dich, ob du es schaffst oder nicht. Ich hatte in Mexiko ein ganzes Team zur Verfügung. Meinen Trainer, meinen Physio, einen Arzt, einen Mechaniker. Alles wurde für mich gemacht, die perfekte Vorbereitung, einen Monat lang weilten wir dort auf der Bahn. Es war für uns deshalb keine Überraschung, dass ich die 55 Kilometer knacken konnte. Ein grosser Teil der Freude kam bei mir bereits eine Woche vor dem Rekordversuch auf, als ich wusste, dass die harte Trainingsarbeit hinter mir war, ich mich nur noch erholen musste, bis es ernst galt. Es war ja nicht meine erste physische Prüfung. Darum wusste ich: Wenn ich alle Trainings richtig gemacht habe und die Ruhephase vor dem Ernstkampf passt…

Trotzdem: Am Tag X kann immer noch etwas passieren.
Oft wird von «guten und schlechten Tagen» gesprochen. Aber wenn du in der Vorbereitung wirklich alles richtig gemacht hast, und das war bei mir so seit dem 1. Januar…

… dann kannst du am Tag X keinen schlechten Tag haben?
Genau. Auch wenn ich weiss, dass diese Aussage mir irgendwann einmal vorgehalten werden wird. (lacht) Wenn du merkst, wie der Plan zusammenkommt, spürst du das eben nicht erst nach 50 Minuten des Stundenweltrekords, sondern schon mehrere Tage zuvor.

Was machten Sie alles, damit es sicher gut laufen würde?
Wir standen täglich um 5 Uhr auf, damit ich hormonell zur Startzeit des Rekordversuchs um 11 auf meinem Höchststand war.

Warum starteten Sie nicht später, für eine humanere Tagwache?
Ursprünglich wollten wir den Rekord zwischen 13 und 14 Uhr angreifen. Aber da war es schon zu heiss, 32 Grad. Zwischen 11 und 12 stieg die Temperatur von 24 auf 28 Grad.

Spürten Sie Druck, weil Sie wussten, dass Sie den Rekord in sich hatten?
Mein Team Lotto-Soudal gab mir 2018 sehr viele Gelegenheiten, Zeitfahren zu bestreiten und mein Potenzial abzurufen. Deshalb hatte ich viel Vertrauen in mich. Klar, da war viel Druck, viel ­Medienaufmerksamkeit. Aber ich habe das Gefühl, dass ich gut damit umgehen kann, es gibt mir einen Schub. Am Morgen des Rekordversuchs war ich schon nervös, zitterte, bis ich meinen ersten Kaffee ­getrunken hatte. Doch ich kann das in positive Energie transformieren.

Was ist härter: der Stundenweltrekord oder ein einstündiges Zeitfahren?
Der Stundenweltrekord. Gegen Schluss hatte ich Mühe, meine Rundenzeiten zu halten. Fünf Minuten vor dem Ende denkst du: «Ich will noch etwas beschleunigen, um wirklich alles aus mir herauszuholen.» Doch eine Runde später gibst du das Bestreben auf. Fünf Minuten auf der Bahn sind so lang. Es gibt keinen Moment, in dem du mal aussetzen kannst. Ich erwartete, dass die Stunde die härteste Prüfung je würde. Aber ich war sehr gut vorbereitet. Wir hatten 40 und 50 Minuten lange Tests gemacht. Nach dem 50-Minuten-Test hatte ich mehr Muskelkater als nach dem Rekordversuch. Meine Erklärung: Es ist wie bei einer Grand Tour in der letzten Woche. Du leidest auf einer Bergetappe schwer. Aber du hast danach keinen Muskelkater – weil sich dein Körper an die Belastung gewöhnt hat.

«Nach 30 Minuten willst du nur noch aus der Zeitfahrposition raus, dich strecken.»

Intensiviert sich das Leiden auf der 250-Meter-Bahn wegen der Monotonie?
Das Pacing ist so entscheidend. Wenn ich es noch einmal machen würde, würde ich langsamer starten. Das heisst: 5 Hundertstel langsamer pro Runde. Das ist eigentlich nichts. Schon 50 Hundertstel sind praktisch nichts. Doch dieses bisschen langsamer hätte mir viel gebracht. Aber dann wirst du euphorisch, hast einen Vorsprung gegenüber deinem Marschplan. Doch hintenraus… Auf der Strasse schaltest du in so einem Moment einen Gang hoch oder runter, um ein anderes Gefühl zu haben.

Doch das Bahnvelo hat nur einen Gang – und keinen Freilauf.
Nach 30 Minuten willst du nur noch aus der Zeitfahrposition raus, dich strecken. Doch das geht nicht. Klar könntest du, aber du weisst: Dann habe ich verloren.

Haben Sie ein Mantra, das Sie sich vorsagen?
Ich konzentriere mich nur auf die Trittfrequenz, meine Atmung und meinen Nacken, dass ich den so tief wie möglich zwischen meine Schultern ziehe, das ist aerodynamischer. Ich mag keine Ablenkung. Beim Stundenweltrekord wollte ich keine Musik, nur ausgewählte Zuschauer, die bis auf die letzten fünf Minuten ruhig sein mussten. Ich mag es, meine Atmung laut zu hören.

Sie wählten Aguascalientes als Ort für den Rekordversuch, die Höhenlage von 1800 Metern über Meer gab Ihnen einen klaren Vorteil gegenüber Rekordhalter Wiggins, der seine Bestmarke in London praktisch auf Meereshöhe aufgestellt hatte. Hätten Sie ihn auch in London übertroffen?
Ich übertraf ihn deutlich, um mehr als zwei Runden, genau 563 Meter. Das ist viel. In einem Zeitfahren hätte ich mit 36 Sekunden Vorsprung gewonnen. Ich weiss nicht, ob ich ihn in London geschlagen hätte. Aber im vergangenen Jahr reiste ich direkt nach meiner Bronzemedaille im WM-Zeitfahren nach Grenchen, um einen ersten Test zu machen. Ohne spezifische Vorbereitung. Ich fuhr 30 Minuten lang im Weltrekordtempo. Das zeigte mir, dass ich auch auf Meereshöhe eine Chance gehabt hätte. Aber es wäre dort härter gewesen. Die 55 Kilometer hätte ich dann sicher nicht geknackt.

Ich hörte, dass Sie rückblickend glaubten, bereits in Grenchen in Weltrekordform gewesen zu sein.
Das stimmt. Aber da war niemand, um den Rekord abzunehmen – nur mein Coach mit der Stoppuhr. Ich fuhr 30 Minuten mit 54,7 km/h. Doch wer sagt, dass es so war? Aber ja, ich glaube, es wäre möglich gewesen. Doch kommerziell war es so natürlich besser. Mit dem ganzen Vorlauf für die Sponsoren, das generierte viel Interesse.

Sie halten nun den Stundenweltrekord. Was fehlt noch zu Rohan Dennis und Tom Dumoulin, die letzten Herbst an der WM im Zeitfahren vor Ihnen waren?
Im Tirreno–Adriatico bezwang ich sie, das war gut fürs Selbstvertrauen. Ich hatte beide noch nie geschlagen. Ich glaube, sie haben einfach noch mehr Kilometer auf dem Zähler. Darum bestreite ich heuer den Giro und die Vuelta. Ich weiss, ich werde am Giro unglaublich leiden. Dazwischen gute Zeitfahren zeigen, aber vor allem in den Bergen sehr leiden. Dein Motor wird dadurch grösser, und du lernst, noch mehr Schmerzen zu ertragen. Ich fürchte mich nicht vor dem Schmerz. Aber freue mich auch nicht darauf. Doch grosse Champions sind fähig, zu sagen: «Bringt mir den Schmerz.»

Das getrauen Sie sich noch nicht?
Was Dennis in Innsbruck und Dumoulin im Jahr zuvor in Bergen zeigten, solche Leistungen habe ich noch nicht drauf. Aber ich hoffe, ich erlebe irgendwann auch so einen Tag. Mein Ziel ist es, diesen an den Olympischen Spielen in Tokio zu haben.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 17.05.2019, 22:25 Uhr

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