Buchmann träumt nicht

Als Gesamtsechster hat er das Podium vor Augen. Dank ihm könnte in Deutschland das Radfieber wieder ausbrechen.

«Es läuft halt super»: Emanuel Buchmann hat Chancen auf einen Podestplatz, sein Ziel bleiben die Top 10. Foto: Justin Setterfield (Getty Images)

«Es läuft halt super»: Emanuel Buchmann hat Chancen auf einen Podestplatz, sein Ziel bleiben die Top 10. Foto: Justin Setterfield (Getty Images)

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Es herrscht Aufruhr rund um den Bus des Teams Bora-Hansgrohe. Das kann nur eines heissen: In Frankreich ist die Buchmann-ia ausgebrochen.

Natürlich nicht. Wie an jedem Radrennen stehen die Leute zahlreich um das Fahrzeug der deutschen Equipe. Sie wollen alle Peter Sagan sehen, den populärsten Radfahrer der Gegenwart.

Als Emanuel Buchmann kurz vor dem Start aus dem Bus steigt, tut er das so unbemerkt wie all seine Kollegen, die mit ihren grossen Sonnenbrillen auch nur schwer voneinander zu unterscheiden sind. Zöge Buchmann jetzt die Brille ab, wäre das anders. Der Blick seiner dunkelbraunen Augen hat etwas Durchdringendes, er könnte damit durchaus einen Gegner niederstarren.

Doch so funktioniert das nicht im Radsport, zumindest nicht unter den Bergfahrern. Diese duellieren sich selten taktisch, sondern schauen bergauf schlicht, wer länger schnell fahren kann als die anderen. Buchmann kann diesen Juli sehr lange sehr schnell fahren. Zu Tour-Beginn machte er dies noch ziemlich unbemerkt, mittlerweile wird er von den Franzosen anerkannt («Buschmann» nennt ihn Thibaut Pinot) wie auch von der englischsprachigen Konkurrenz («Bookman» Geraint Thomas).

Der Spitzname hat Potenzial

Sie realisierten seine Präsenz endgültig, als der 26-Jährige bei der Bergankunft am Tourmalet im Finale selber attackierte. Es war jene Attacke, die Thomas distanzierte.

Oben auf dem Gipfel wirkte der Reporter des deutschen Fernsehens mehr ausser Atem als Buchmann. Aufgeregter sowieso. Im reisserischen Ton fragte er: «Wie erklären Sie sich diese Frische?» – Buchmann: «Das weiss ich auch nicht, ich fühle mich einfach noch gut. Ich bin top in Form, es läuft halt super.»

Die folgenden drei Fragen und Antworten nahmen einen ähnlichen Verlauf – die deutschen Medien haben ihre liebe Mühe, etwas aus dem neuen Darling herauszukitzeln. Immerhin hat sein Spitzname Potenzial: «Emu» lässt sich sehr gut jubelnd in die Länge ziehen.

Deutschland ist ein sonderbares Radland: In den vergangenen Jahren dominierten seine Sprinter die Tour. Das interessierte keinen Menschen. Was im Land zählt, ist einzig das Gesamtklassement. Und in diesem wartet man nun schon eine lange Weile auf eine Erfolgsmeldung. Als Letzter stand Andreas Klöden 2006 auf dem Tour-Podium, der letzte Sieger war 1997 Jan Ullrich.

Der wird nun natürlich wieder bemüht, «Bild» zitiert ihn mit der Aussage «Er hat das Zeug zum Champion». Buchmann erzählt tags darauf, dass man sich noch nie begegnet sei. Und dass das Träumen, etwa nach Gelb, sowieso nicht sein Ding sei: «Ich bin der rationale Typ, lebe in der Realität. Ich will weiter Zehnter werden. Wird es mehr, freue ich mich natürlich.»

2018 4 Kilogramm zugelegt

Die Top 10 waren das Ziel vor der Tour, und sind es auch jetzt noch, wo ihn gerade mal 27 Sekunden vom Podest trennen. Wer ihn in den Pyrenäen sah, gibt ihm definitiv eine Chance auf einen Platz unter den Top 3. Gegen ihn sprechen nur seine dritten Wochen, die er bislang an Grand Tours zeigte. Oft baute er mehr ab als seine Gegner. Oder auf, wie an der Vuelta 2018. Sein Körper lagerte Wasser ein, Buchmann wog zuletzt vier Kilogramm mehr als beim Start –eine schwere Hypothek bei 60 Kilogramm Gewicht.

Während die Radwelt sich immer noch etwas an den neuen Topkletterer gewöhnen muss, gibt man sich bei Bora-Hansgrohe nüchtern, wie der Sportliche Leiter Enrico Poitschke sagt: «Er war diese Saison nie krank, konnte alle Trainings umsetzen. Was er nun bringt, ist für uns keine Überraschung.»

Erstellt: 25.07.2019, 10:19 Uhr

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