«Das ist doch kein Leben!»

Warum tut sich Svein Tuft das an? Mit 42 ist der Kanadier der mit Abstand älteste Fahrer der Tour de Suisse.

Naturmensch Svein Tuft: Am lebendigsten fühlt er sich, wenn er sich nach einem Berglauf in einen Bach setzen kann.

Naturmensch Svein Tuft: Am lebendigsten fühlt er sich, wenn er sich nach einem Berglauf in einen Bach setzen kann. Bild: Urs Jaudas

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Svein Tufts Elitekarriere beginnt, wenn die meisten Profis zurücktreten. Mit 34 unterschreibt der Kanadier, der in Andorra lebt, einen Vertrag beim Team Mitchelton-Scott, acht Jahre fährt er für die Australier. Er ist ein guter Zeitfahrer (WM-Silber 2008, 11-mal kanadischer Meister) und der perfekte Helfer, kann während Stunden das Tempo an der Spitze des Pelotons bestimmen. Ende vergangener Saison wollte er eigentlich Schluss machen. Doch eine Anfrage eines Freundes stimmt ihn um, Tuft fährt eine allerletzte Saison für das kleine US-Team Rally UH Cycling. Und dreht so eine Abschiedsrunde an der Tour de Suisse.

Das Gespräch findet auf der Terrasse des Teamhotels statt. Danach verabschiedet sich Tuft mit dem Hinweis, er suche sich nun ein Plätzchen für seine tägliche Yoga-Lektion, wie immer draussen, barfuss.

Einer Ihrer Teamkollegen hier ist 21 und damit halb so alt wie Sie. Ist das komisch?
Ja, das ist ziemlich verrückt. Die vergangenen drei, vier Jahre akzeptierte ich diese Sichtweise noch nicht. Ich fuhr den Giro, hatte all diese kleinen Ziele, auf die ich mich vorbereitete. Die Idee vom Älterwerden, das war für mich nie ein physisches, sondern nur ein mentales Ding. Aber ich wurde heuer 42, das Thema ist präsenter geworden. Ich spüre es nun. Die Erholung ist anders – und ich akzeptiere das.

Welcher Faktor half Ihnen am meisten, so lange so konstant zu sein?
Ich realisierte vor langer Zeit, dass das Leben nach der Sportkarriere wichtiger ist als diese selber. Ich weiss, dass ich gesund und glücklich sein möchte, wenn ich zurücktrete. Ich war nie bereit, das aufs Spiel zu setzen, nahm den Radsport nie so wichtig. Es ist ein schöner Sport, schön zum Zuschauen. Und wenn er Leute auf eine positive Art berührt – fantastisch. Aber wir lösen nicht den Welthunger oder ein anderes grosses Problem.

Was heisst das konkret für Sie? Es ist auch sehr ungesund, was wir tun. Wir sitzen auf dem Velo in einer Position, die für die Körperhaltung nicht gut ist. Wir müssen lächerlich viel Essen zu uns nehmen. Aber das gehört dazu, gehört zum Leistungssport. Ich versuche daheim deshalb viele andere Dinge zu tun, nicht nur Velo zu fahren. Im Winter mache ich fast nur Skitouren. Bis zu dem Punkt, an dem ich wieder aufs Velo sitze und mich so richtig darauf freue.

Aber Velofahren ist Ihr liebster Sport?
Rennfahren nicht. Das ist einfach etwas, was ich mache – und gut kann. Es ist wie jedes Handwerk. Ich beherrsche das des Velorennfahrers gut – und ich kann damit meine Familie unterstützen, wir haben einen Jungen, 21 Monate alt.

«Ich weiss, dass ich gesund und glücklich sein möchte, wenn ich zurücktrete. Ich war nie bereit, das aufs Spiel zu setzen, nahm den Radsport nie so wichtig.»Svein Tuft

Der spielt wohl auch eine Rolle bei Ihren Rücktrittsgedanken. Alles, was Kinder wollen, ist deine Zeit. Das ist das einzige Wertvolle, was du ihnen geben kannst. Das macht es viel schwerer, weg zu gehen. Darum wollte ich auch nicht mehr in einem Worldtour-Team fahren. Für eine Grand Tour bist du dreieinhalb Wochen weg, gehst vier Wochen in ein Trainingslager. Da kam mir das Team Rally sehr entgegen, ich kann lange Perioden daheim verbringen.

Sie sind ein Naturmensch. Ihr Ex-Teamkollege Michael Albasini erzählte uns, wie Sie im Trainingslager mal für ein paar Stunden klettern gingen, währenddessen sich die anderen Fahrer ausruhten. Ist das typisch Svein Tuft?
Ja, das war in Südafrika. Ich bin einfach gerne in der Natur. Es ist teilweise hart für mich, mit dem Team unterwegs zu sein. Ständig in Flughäfen und Hotels. Aber ich sage mir: Sobald ich wieder daheim bin, kann ich rausgehen, so lange ich will. Das brauchte aber eine lange Zeit, bis ich das akzeptieren konnte. Wenn du jung bist, kämpfst du gegen solche Widerstände.

Sie verliessen als Teenager Ihr Zuhause, unternahmen lange Reisen mit dem Zug, später mit dem Velo.
So begann ich überhaupt mit dem Velofahren. Zuerst, um zum Klettern in die Berge zu gelangen, lange Reisen. Mir war nicht bewusst, dass ich so meinen Motor für die Zukunft aufbaute. Ich reiste, genoss es, frei zu sein. Dann kamen diese lokalen Rennen, und es machte «klick!» bei mir.

Sie wurden erst spät Radprofi.
Mein erstes lokales Strassenrennen fuhr ich mit 23. Und im selben Jahr startete ich auch an der Tour de l’Avenir.

Am wichtigsten Nachwuchsrennen des Jahres?!
Ja. Ich stürzte quasi täglich. Aber ich beendete das Rennen. Damals war es noch härter als heute, weil U-25-Fahrer teilnehmen durften. Da fuhren Leute mit, die die Tour de France bestritten hatten. Und ich? Ich hatte mich in nationalen Rennen in Kanada gut geschlagen. Ich hatte keine Ahnung. Da lernte ich den Radsport auf die harte Tour kennen.

Wenn man zu früh in so ein grosses Rennen geworfen wird, provoziert das Selbstzweifel.
Oh ja. Ich war chancenlos. Jeden Tag wurden dieser Ukrainer und ich gleich nach dem Start abgehängt. Als wir ins Ziel kamen, waren sie jeweils schon daran, dieses abzubauen. Doch wir schafften stets den Zielschluss. Ich dachte: Wahrscheinlich ist dieser Sport nichts für mich. Zugleich bin ich ein Dickkopf. Also trainierte ich einfach immer weiter. In jenem Herbst zog ich zu meiner Tante in Kalifornien – um dem kanadischen Wetter zu entfliehen. Ich schlief auf dem Boden und trainierte jeden Tag sechs Stunden. In lokalen Rennen fuhr ich einfach allen davon. Da realisierte ich, dass ich den Motor hatte, um zu reüssieren. Dann schaffte ich es in ein US-Team.

Von lokalen Rennen bis in die Worldtour ist es aber immer noch ein langes Stück.
Absolut. Meine Einstellung war: Fahr die Rennen Vollgas, trainiere Vollgas, aber hab Spass dabei, weil du nicht weisst, wie lange das Abenteuer dauert. 2008 waren mein Ziel die Olympischen Spiele. Dann holte ich WM-Silber im Zeitfahren – und erhielt einen 2-Jahres-Vertrag von Slipstream, einem Worldtour-Team. Wow. Ich hätte nie gedacht, die Olympischen Spiele zu bestreiten oder diesen Vertrag zu unterzeichnen. So ist das Leben. Wenn du immer hart arbeitest, geschehen solche Dinge. Aber wenn ich damals noch jung gewesen wäre, hätte ich das nie geschafft.

Warum?
Wie konsequent sich heute die jungen Fahrer dem Traum Radprofi unterwerfen… Ich ging raus und fuhr so schnell ich konnte. Und ich wollte neue Orte entdecken.

Das ist die Essenz des Velofahrens.
Sollte es sein, ja. Aber die haben wir zerstört im Profiradsport. Das ist frustrierend zu beobachten, weil ich mich manchmal frage: Macht denen das Spass?

Versuchen Sie den Jungen Ihre Sichtweise aufzuzeigen?
Immer, ja. Für viele besteht das Leben aus: Intervalltraining, Essen und dann die übrige Zeit vor dem Fernseher wegen der Erholung. Das immer und immer wieder. Das ist doch kein Leben! Dieses Modell mag derzeit funktionieren. Aber es ist keines, um dein Leben darauf abzustützen. Bei einigen Nachwuchsfahrern frage ich mich: Wie werden die drauf sein, wenn sie mal 30 sind? Dann sind sie mental ausgebrannt.

Welches war die härteste Lektion, die Sie lernen mussten?
Nicht auf den eigenen Körper zu hören. Ich trainierte viel zu hart, viel zu lange. Das war Teil meiner Mentalität. Rückblickend wäre ich da besser etwas kalkulierter herangegangen. Aber das bin eben nicht ich. Wer weiss, ob ich dann das erreicht hätte, was ich erreicht habe?

«Wir können uns glücklich schätzen für unser Leben. Zugleich ist dieses aber verschwenderisch, konsumorientiert und egoistisch.»Svein Tuft

Was kommt nach Ihrem Leben als Radprofi?
Ein Teil von mir will zurück nach Kanada, dort ein nachhaltiges Leben leben. Wir können uns glücklich schätzen für unser Leben. Zugleich ist dieses aber verschwenderisch, konsumorientiert und egoistisch. Ich würde gerne eine kleine Farm haben, jagen und den Grossteil unserer Nahrung selber bereitstellen. Aber klar, das wird eine ziemlich grosse Umstellung, weil auch ich mein ganzes Leben konventionell gelebt habe.

Und Sie haben eine Familie!
Ja, die Familie hat gewisse Erwartungen und Bedürfnisse. Aber ich glaube, dass es einen Weg gibt. Zugleich denke ich auch daran, im Radsport weiterzuarbeiten.

In welcher Form?
Ich arbeite gerne mit Menschen, helfe ihnen, Erfolg zu haben. Der Profiradsport hat da noch viel Potenzial. Es wird nur auf die Leistung geschaut, auf die Resultate. Und wenn diese nicht stimmen – der Nächste bitte. Die Fahrer werden zur Ware.

Würde sich Ihr Leben gleich entfalten, wenn Sie heute 15 wären und von der Schule gingen?
Wir wurden in einer guten Zeit geboren, weil es viel von diesem Schrott noch nicht gab, als wir jung waren. Wir wuchsen nicht mit Smartphones auf, mit dem omnipräsenten Internet, dieser Informationsflut. Ich hasse dieses Ding (er zeigt auf sein Telefon, die Red.), zugleich ist es ein unglaubliches Gerät.

Dank der Videotelefonie sehen Sie aber täglich Ihren Jungen.
Trotzdem habe ich Mitleid mit dieser Generation. Wenn das damals so gewesen wäre, mein Kopf wäre explodiert. Heute weiss ich, wie viele Watt Dumoulin oder Roglic drücken, um ein Zeitfahren zu gewinnen. Da drehst du doch durch! Ich sagte mir damals nach einer Niederlage einfach: Ich probiere es weiter.

Ihr Grossvater wanderte aus Norwegen nach Kanada aus. Sind Ihre Vorfahren ein Grund für Ihre Liebe zur Natur?
Mein Grossvater war Langläufer, wurde an den Winterspielen 1936 Fünfter über 50 Kilometer. Mein Vater lief auf den Langlaufski zur Schule. Als Kinder waren wir glücklich, jedes Wochenende gingen wir Ski fahren oder wandern. Es war keine Option, drinnen zu sitzen. Wir lebten im Wald, waren immer beschäftigt. Ich kann mich nicht erinnern, dass es mir je langweilig war.

Wann fühlen Sie sich wirklich lebendig?
Wenn ich mich nach einem Berglauf in einen kühlen Bach setze und die Sonne scheint. Die zwei Elemente: Sonne und Wasser. Und mein Junge und meine Frau in der Nähe. All die Ablenkungen sind dann weg.

Sie waren ein Einzelgänger … … ich bin immer noch einer …

… und haben zugleich eine Familie. Wie geht das zusammen?
Balance. Akzeptieren, dass das Leben auch mit Leuten toll sein kann.

Mit Leuten, die du liebst. Ich hatte schon früher solche. Aber ich stiess sie weg, weil ich versuchte herauszufinden, wer ich war. Was ich auf diesem Planeten machte. Ich war ein Eigenbrötler, wollte einfach allein sein. Ich liebe die Dinge immer noch, aber ich weiss, wie viel besser das Leben ist mit meinen Leuten.

Was würden Sie sagen, wenn Ihr Junge mit 18 auf so eine grosse Reise gehen wollte?
Ich würde ihn begleiten wollen.

Und wenn er allein gehen wollte?
Das wäre okay. Aber wenn er seinen Vater ein paar Tage dulden würde, wäre ich dabei.

Keine Vater-Ängste?
Es kann so viel passieren im Leben. Alles, was du deinem Kind mitgeben kannst, ist ein gutes Fundament. Ich schätze mich glücklich, dass ich das hatte. Ja, ich machte viele dumme Fehler. Aber mein Vater ermöglichte mir viele Erfahrungen, indem wir viele verrückte Dinge taten: klettern, wandern, Skitouren, auch heikle Dinge. Das will ich auch meinem Jungen weitergeben. Mehr kannst du nicht machen.

Erstellt: 23.06.2019, 08:53 Uhr

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