Den Zweiradflow erleben

Das Urban Bike Festival zelebriert am Wochenende im Zürcher Kreis 5 die schöne Seite des Velos. Auch Wettkämpfe gehören dazu. Doch für einmal haben Resultate nicht Priorität.

Bunt und konzentriert: Die Kinder drehen auf dem Laufrad-Parcours Runde um Runde.

Bunt und konzentriert: Die Kinder drehen auf dem Laufrad-Parcours Runde um Runde.

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Das muss der geheime Generator dieses Velofests sein. Der Laufrad-Rundkurs für die kleinsten Velofahrer ist am hinteren Rand des Festgeländes. Trotzdem wuselt und dreht sich hier mehr als überall sonst. Es sind wohl stets 15, 20 Kinder, die auf Laufrädern und Helmen in allen Farben Runden drehen, eine um die andere.

Kind 1 parkiert sein Laufrad in der Mitte der Strecke. Kind 2 hält ebenfalls. Kind 3 staunt. Kind 4 zieht aussenrum vorbei. Kind 5 misslingt das Ausweichmanöver, es stürzt, direkt aufs Lenkerende. Tränen. Aber kein böses Wort. Zwei Augenblicke später sind alle wieder in Bewegung, kreisen weiter, wie eine Einheit, immer weiter.

Der Kopf denkt nicht mehr

Im Kleinen erleben die Kleinen, was die Grossen ganz selten auch erfahren: Sie kommen in den ­Veloflow, ihre Räder drehen und drehen scheinbar mühelos. Bei den Grossen passiert das gerne im Bahnoval, wenn die einzelnen Runden ineinander übergehen, verschwimmen, die Beine wirbeln, der Kopf nicht mehr denkt – es fährt. Das Gefühl kann süchtig machen. Aber ist das in diesem Fall etwas Negatives?

Die Sonne hat am späten Samstagnachmittag den sonst so kargen Turbinenplatz in dieses gelbe, weiche Licht getaucht. Einigen Laufradpiloten baumelt eine Medaille um den Hals. Auch hier wurde also ein Rennen ausgetragen. Aber die Kinder mit Medaillen lächeln nicht breiter als jene ohne. Es macht nicht den Anschein, als ob die Auszeichnungen so wichtig wären.

Die Erkenntnis zieht sich durch das Velofestival: Natürlich gehören auch Wettkämpfe dazu. Aber sie sind nicht so wichtig. Respektive: deren Resultate.

Dafür steht auch das Slow Race, drinnen in der Schiffbauhalle. Die Renndistanz: knapp 10 Meter. Die Renngefährte: drei lottrige Klappvelos. Auch hier: grinsende Gesichter allenthalben. Es gilt, so langsam wie möglich vom Start zum Ziel zu gelangen. Balance ist gefragt, kombiniert mit so wenig Vortrieb wie möglich. «Einfach», denken die meisten Teilnehmer. Aber weil die Velos derart klappern, ist das mit dem Gleichgewicht so eine Sache. Der Grossteil der Langsamfahrer muss abstehen, bevor zehn Sekunden um sind.

Ganze Familien sind angereist

Draussen gibt es auch für die grösseren Kinder und erlebnishungrigeren Erwachsenen Angebote. Beliebt ist vor allem das Shortrace, ein Hindernis-Parcours über acht Wellen und eine Steilwandkurve. Kraft allein hilft hier wenig. Nur wer seinem Velo in den Wellentälern freien Lauf lässt und es auf den -bergen entlastet, mit ihm spielt, kommt zügig voran. Dieses Gefühl mag ebenfalls verzaubern, nur so kann die Schlange erklärt werden, obwohl es eigentlich langsam Zeit fürs Nachtessen wäre.

Natürlich wettstreiten aber nicht alle komplett entspannt. Ernster geht es beim Aussenposten des Bike Festivals zu und her, am Urban Cyclocross zwischen Josefwiese und Viaduktbögen. Da sind ganze Familien angereist: Frau und Kinder schleppen Material und Aufwärmrolle, damit sich der Papa seriös auf das Rennen vorbereiten kann. Gut, bei den Frauen wie den Männern werden unter den Finalisten je knapp 4000 Franken verteilt. Doch das Leistungsgefälle ist beträchtlich, vom Preisgeld können nur ganz wenige Teilnehmer träumen. Was treibt denn alle anderen an? Warum steuern sie ungebremst in den tiefen Sand des Beachvolleyballfeldes, obwohl sie wissen, dass so die Gefahr eines Sturzes ungleich höher ist? Warum stapfen sie von vielen Augenpaaren beobachtet durchs Wasserbecken, sodass das Nass Runde für Runde aus den Schuhen trieft?

Ganz einfach: weil sie es können. Weil sie dabei mit dem Velo Dinge tun dürfen, die man im Alltag eben nicht macht. Wie eben durch Wasser und Sand zu fahren.

Klappervelos für die Profis

In der Ausstellung im Schiffbau sind derweil die neusten Modelle der Velohersteller zu bestaunen. Die meisten sind mit einem Elektromotor ausgestattet, es ist der Wachstumszweig der Branche, in der Schweiz hat jedes dritte verkaufte Velo einen Motor.

Rennvelos, die alleine schon mit ihrem Namen für den Wettkampf stehen, kann man dagegen an einer Hand abzählen. An einem Stand läuft auf einem Grossbildschirm die Aufzeichnung eines Strassenrennens. Die Fahrer verziehen ihre Gesichter, sie leiden.

Der Velospass scheint dort weit, weit weg. Man wünschte den Profis eine Runde auf den Klappervelos des Slow Race.

Erstellt: 31.03.2019, 23:57 Uhr

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