Der Dampfzug stottert

Die Tour de France ist spannend wie seit Jahren nicht mehr. Das liegt an den Problemen des bisher dominierenden Teams Ineos.

Das Team Ineos kommt ohne Dominator Chris Froome nicht richtig auf Touren: Den Co-Captains Egan Bernal und Geraint Thomas (4. und 5. Fahrer v. l.) scheint die letzte Portion Mut zu fehlen.

Das Team Ineos kommt ohne Dominator Chris Froome nicht richtig auf Touren: Den Co-Captains Egan Bernal und Geraint Thomas (4. und 5. Fahrer v. l.) scheint die letzte Portion Mut zu fehlen.

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Die lauten Parolen sind David Brailsford vergangen. Am Montagvormittag spricht er an der Medienkonferenz in Raumlautstärke, maximal. Die knapp 100 Journalisten kriegen auch mit gespitzten Ohren nicht alles mit. Richtig wohl ist es dem Ineos-Chef nicht, obschon er versichert, die Situation, in der sich sein Team mit den Co-Leadern Geraint Thomas und Egan Bernal befinde, bereite ihm Spass. Schliesslich sei doch Spannung das, was allen Radfans gefiele – also auch ihm.

Was eine Rennwoche doch ausmachen kann. Am ersten Ruhetag, sechs Tage zuvor, tönte Brailsford noch ganz anders. Ein französischer Journalist fragte ihn, ob der Zeitverlust des formstarken Pinot nicht schade sei für das Rennen, für die Spannung. Brailsford antwortete mit einem unnötig brutalen Sprachbild: «Kein bisschen, ich studiere den ganzen Tag daran herum, den Dolch reinzustecken –und wenn wir eine Chance erhalten, ihn zu drehen.»

Brailsford irrte sich. Der Dolch steckte noch nicht in dieser Tour, bei weitem nicht. Vielmehr muss man sagen, dass der Ineos-Dolch zuletzt wie ein antikes Museumsstück wirkte, vor dem sich die Gegner einst fürchteten. Aber nicht mehr. Die Tour ist so spannend wie seit vielen Jahren nicht mehr. Die älteren Berichterstatter ziehen bereits Vergleiche zur wohl besten Ausgabe der Geschichte, 1989. Die Top 6 sind vor den Alpen nur durch 2:14 Minuten getrennt. Die fünf Verfolger von Leader Alaphilippe gar nur durch 39 Sekunden.

Die Konkurrenz greift an

Diese Spannung hat viel mit dem Team Ineos, ehemals Sky, zu tun. Mit dem ersten Sieg der Equipe 2012 begann eine Dominanz, die die Konkurrenz lähmte, mit sechs Siegen in sieben Jahren. In einzelnen Ausgaben wirkten die Herausforderer nicht wie solche, so widerstandslos fügten sie sich dem Diktat der Briten.

Anders dieses Jahr. Das hat mehrere Gründe. Der wichtigste: Mit Chris Froome fehlt der Dominator. Ein vierfacher Sieger verändert die Dynamik der Tour alleine durch seine Präsenz. Sein Ausfall war, so macht es nun den Eindruck, die letzte Portion Mut, die die Konkurrenz brauchte. Nie sprachen vor dem Start so viele Fahrer vom Podium in Paris – nicht vom Sieg, den diskutierten sie höchstens intern.

Und die Herausforderer setzen ihre Worte in Taten um. Sie warten nicht mehr, bis der Ineos-Zug die Berge hinaufdampft, so, dass niemand mehr zu einem Angriff fähig ist. Sie machen mit ihren Teams das Rennen schon früh so schwer, dass auch die Ineos-Helfer einmal abgehängt werden. Hinauf zum Tourmalet waren die Ineos-Captains Thomas und Bernal früh isoliert, am Sonntag erneut. Das stärkste Team stellt derzeit Jumbo-Visma von Steven Kruijswijk, den besten Helfer am Berg hat Thibaut Pinot mit David Gaudu.

Nichts entschieden, alles noch möglich

Es stellt sich auch die Frage, wer wie gut in Form ist. Klar scheint, dass Titelverteidiger Thomas ein paar Prozente zur Vorjahresform fehlen, als er der souveräne Chef der Tour war. Bei Ineos sieht man es anders. «Wir sind nicht schwächer, die anderen haben sich gesteigert», sagt deren Sportlicher Leiter Nicolas Portal. Pinot, der bisher stärkste Bergfahrer, verneint: «Meine Watt-Leistungen sind vergleichbar mit jenen von der Vuelta letztes Jahr.» Das spricht dann doch eher für ein schwächeres Team Ineos.

Ein weiterer Faktor ist Julian Alaphilippe. Der Gesamtleader nützte jede Gelegenheit, um ein paar Sekunden herauszuholen. Damit stachelte er seine Gegner an, es ihm gleichzutun, statt stets defensiv zu bleiben, wie es sich für Klassementsfahrer eigentlich gehört.

Das alles führt dazu, dass der Tour-Sieger nicht schon Anfang Schlusswoche bekannt ist. Es heisst aber nicht, dass der Sieger in Paris kein Ineos-Trikot trägt. Thomas und Bernal sind auf den Rängen 2 und 5 sehr gut positioniert. Und es gibt unter den Top 6 keinen, der mehr an die Höhe gewöhnt ist als Bernal. Auf den 7 Pässen über 2000 Metern wird er sich daheim fühlen. In Kolumbien lebt er auf 2700 Metern.

Erstellt: 24.07.2019, 13:30 Uhr

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