Der Mann, der das Leiden liebt

Egan Bernal ist der jüngste Gewinner der Tour de France seit dem Zweiten Weltkrieg. Der Triumph hat auch mit einer Verletzung zu tun.

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Von draussen kroch allmählich die Kälte herein, aber drinnen, im Pressezentrum, wurde die Stimmung immer feuriger. Der Kolumbianer Egan Bernal hatte seine Führung bei der Tour de France soeben auch auf der 20. Etappe nach Val Thorens bewahrt, nun nahm er in einer grossen Runde die Fragen der Reporter entgegen. Wobei: Fragen traf es nicht immer so ganz. «Danke grosser Champion, was du für unser Land geleistet hast!», so begannen viele Anreden der Reporter aus seiner Heimat. Später umschwärmten sie ihren Champion wie Bienen einen Honigstock, es gab Küsse, Umarmungen, Erinnerungsfotos. «Egan, noch ein Bild! Egan, ein Gruss an die Familie zu Hause!» – so sieht das also aus, wenn ein Land erlöst wird.

Aber gut, Egan Arley Bernal Gómez war am Sonntagabend nun einmal der erste Kolumbianer und sogar der erste Südamerikaner, der das Gelbe Trikot auf der letzten Etappe nach Paris trug, wo der Führende traditionell nicht mehr mit Attacken belästigt wird. Viele berühmte Vorgänger hatten die Hoffnungen auf diesen Hauptgewinn schon geschultert, Hoffnungen so hoch wie Galibier, Ventoux und Tourmalet zusammen. Alle waren sie gescheitert, Luis Alberto Herrera, Fabio Parra, Nairo Quintana. Letzterer gewann diesmal zwar die schwere Etappe über den Galibier, im Klassement hatte es ihn aber weit zurückgespült, mal wieder.

Egan Bernal feiert den Tour-Sieg. (Video: SRF)

Nur: Jetzt war da ja Bernal, der am Wochenende so viele Tränen vergoss, dass fast in Vergessenheit geriet, wie diese fiebrige Tour am Ende wieder in ein altes Muster verfiel: Die Briten vom Team Ineos (ehemals Sky) stellten erneut den Gesamtsieger, zum siebten Mal in acht Jahren. Wenn auch diesmal mit dem jüngsten Tour-Sieger seit dem Zweiten Weltkrieg. Zeugte Bernals Erfolg, wie viele schon mutmassten, sogar vom Anbruch einer neuen Ära?

Am Ende sind es zwei Attacken in der dünnen Luft

Sein unmittelbarer Triumphzug hatte schon im Mai begonnen, ebenfalls mit Tränen: Bernal hatte sich bei einem Sturz das Schlüsselbein gebrochen, sein geplanter Start beim Giro d'Italia war dahin. Allerdings blieb noch genug Zeit, um für die Tour fit zu werden, die er ursprünglich gar nicht hatte bestreiten wollen. Und dann stürzte sein Teamkollege Christopher Froome ebenfalls schwer, und weil auch Vorjahressieger Geraint Thomas bei der Tour de Suisse verunfallte (wo Bernal gewann), war der Kolumbianer plötzlich die grosse Hoffnung seiner britischen Equipe.

Er fuhr zunächst ein wenig im Schatten von Thomas, die Helfer von Ineos schwächelten, das hatte man in Frankreich lange nicht erlebt. Aber Bernal wurde in den Alpen immer vitaler, dort, wo es allein über fünf Gipfel über 2000 Meter ging. Klar, die Höhe habe ihm sicher geholfen, sagte er, sein Heimatort Zipaquirá liegt auf 2600 Meter im Herz der Anden. Am Ende waren es zwei Attacken in der dünnen Luft, auf der 18. und 19. Etappe, mit denen er die Konkurrenten ermatten liess: Thomas, der am Ende Zweiter wurde, vor dem Niederländer Steven Kruijswijk und dem Deutschen Emanuel Buchmann. «Ich liebe einfach das Gefühl, in den Bergen zu leiden», erklärte Bernal hernach, «ich liebe dieses Gefühl, nicht zu wissen, ob du für diese Herausforderung bereit bist oder nicht.» Diese Unbekümmertheit und Liebe zu seinem Sport habe ihn schon immer getragen, so einfach sei das.

«Diese Tour ist ein bisschen wie eine Droge»

Bernals Sportlerleben begann mit sieben Jahren bei Pablo Mazuera, einem Tontechniker, der in Zipaquirá ein Mountainbike-Team gegründet hatte, um Jugendlichen eine Perspektive zu bieten. Bernal sei schon immer herausgestochen, sagte Mazuera während der Tour der spanischen El Pais, 2014 gewann er bei der Jugend-WM in Lillehammer Silber. Aber die grossen Profiteams konnten mit einer unbekannte Mountainbike-Begabung aus den Anden nicht viel anfangen. Mazuera drängte Bernal also, am Sitz des Weltverbands UCI in der Schweiz ein paar Leistungstests zu machen. Als die Daten zurückkamen, erinnerte sich Mazuera, hätten die Diagnostiker gesagt: «Das sind die besten Werte, die wir hier je gesehen haben.»

Vor vier Jahren unterschrieb Bernal seinen ersten Profivertrag in Europa, er sass damals auf einer Terrasse in Monaco, sein neuer Chef liess Pizza kommen. Gianni Savio ist eine schillernde Figur im Radsport, langes weisses Haar, Schnauzer, spitzbübisches Lächeln – als hätte man einen Charakter aus einem Pablo-Escobar-Epos in den Radsport verpflanzt. Und der Italiener verfügt über exzellente Kontakte von Bogota bis Buenos Aires, er hat immer wieder südamerikanische Fahrer in seiner italienischen Androni-Giocattoli-Equipe ausgebildet, Bernal wurde nun zu seinem Meisterstück. Nach zwei Jahren war er so gut, dass Sky ihn abwarb, im vergangenen Jahr fiel Bernal bei der Tour bereits als wehrhafter Helfer in den Bergen auf. Savio dürfte das alles genüsslich verfolgt haben: Er hatte damals eine Provision ausgehandelt für den Fall, dass Bernal die Tour gewinnen sollte.

«Er kann den Sport für mehr als ein paar Jahre dominieren»

Savios Fahrer sind freilich immer wieder auffällig geworden, einer seiner ehemaligen Athleten behauptete vor acht Jahren gar, der Teamchef habe ihn mit dem Blutbeschleuniger Epo versorgt. Savio bestritt das kategorisch und sagte, er wisse nicht einmal, wie eine Epo-Ampulle aussehe. Ein Verfahren gegen ihn endete mit einem Freispruch. Und sonst? Die Anti-Doping-Netze in Kolumbien sind seit Jahren für ihre Durchlässigkeit bekannt, viele verbotene Schnellmacher sind frei verkäuflich. Es ist nicht das feinste Biotop, aber Bernal ist bislang unbehelligt geblieben.

Bei dem 22-Jährigen, das befand das Peloton am Wochenende unisono, handele es sich nun mal um eine Ausnahmebegabung. «Er kann den Sport für mehr als ein paar Jahre dominieren», befand Thomas in Val Thorens; Bernal sei sehr bodenständig, und für die beste Equipe fahre er ja schon. Wobei dieses Team früher auch oft in den Schlagzeilen war: wegen Froomes Positivtests auf Salbutamol etwa, oder wegen medizinischer Ausnahmegenehmigungen, die Sky lange verheimlichte. Bernal wäre auch nicht der erste junge Champion der Tour, der nach seinem Premierenstück verglüht, aber dem wirkte er am Wochenende firm entgegen: «Diese Tour ist ein bisschen wie eine Droge, die dich süchtig macht», sagte er. Auch diese Formulierung zeugte wohl noch von seiner Unbekümmertheit.

Erstellt: 29.07.2019, 12:42 Uhr

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