Der schwierige Wunsch nach Verzauberung

Der Giro d’Italia produzierte drei Wochen brillanten Radsport. Hängen bleibt jedoch das zwiespältige Gefühl gegenüber Sieger Chris Froome.

Giro-Sieg unter Dopingverdacht: Chris Froome verkörpert die Problematik seines ganzen Sports.

Giro-Sieg unter Dopingverdacht: Chris Froome verkörpert die Problematik seines ganzen Sports. Bild: Reuters

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Was für eine Reise! Was für ein Rennen! Was für ein Finale! Genau so mussten sich das die Organisatoren des Giro d’Italia ausgerechnet haben, als sie diese 101. Ausgabe entwarfen. Eine Rundfahrt mit Spitzenfahrern, die sich fast täglich bekämpfen, um Etappensiege und Bonussekunden duellieren. Die auf den Bergetappen triumphieren – und am Schluss dafür sorgen, dass das ganze Skript über den Haufen geworfen wird und der Giro d’Italia ganz anders ausgeht, als das die ­meisten, ach was, fast alle Beobachter gedacht hätten.

Darum sitzen Radsportfans manchmal stundenlang vor dem Fernseher, obwohl das Wetter draussen durchaus andere Optionen bereithielte. Darum erklimmen sie frühmorgens die grossen Bergpässe, warten dort stundenlang stoisch, um das Rennen dann in zwei, drei hastigen Augenblicken an sich vorbeiziehen zu sehen. Die Tour de France, so geht ein Bonmot, ist die Rundfahrt, die den Sommerferien in Europa die Leere nimmt. Der Giro d’Italia dagegen, er ist die Rundfahrt der Radsportaficionados.

Die 101. Ausgabe war ein einziges Plädoyer für diese Sichtweise. Und doch tat man sich am Schluss schwer damit, sich über den Rennausgang zu freuen. Der Sieg von Chris Froome legte ein Grundproblem des heutigen Radsports offen.

Mühe mit Froomes Alleinfahrt

Dieser archaische Sport fasziniert nach wie vor die Massen. Weil es eigentlich nichts Vergleichbares gibt bezüglich Heldenhaftigkeit in der sportlichen Auseinandersetzung mit unserer Umwelt, sprich mit Bergen und mit Wetter. Weil diese Dinge die Radfahrer beschäftigen, seit sie begonnen haben, sich zu messen. Und weil die Anforderungen bis heute enorm geblieben sind, auch wenn vor 100 Jahren die Fahrräder schwerer, die Strassen schlechter und die Etappen (noch) länger waren.

Die Radfans schauen also den Rennfahrern zu, wie sie diese enormen Etappen bewältigen, wie sie in horrendem Tempo Pass an Pass reihen. ­Immer in der Hoffnung, dass sie Zeuge von etwas Aussergewöhnlichem ­werden. Sie möchten verzaubert werden. Aber nur ein wenig: nämlich genau so sehr, dass sie noch bereit sind, den Zauber zu glauben.

Darum tun sie sich schwer, wenn Froome wie am Freitag seinen Gegnern 80 Kilometer davonfährt und so die Gesamtwertung auf den Kopf stellt. Die Leistung alleine war nicht völlig ausserhalb des Möglichen. Und trotzdem kamen später ungute Gefühle auf. Am Samstag wollte Froome den Medienleuten gleich selber die Interpretation seines Efforts geben. Er habe den Grossteil seines Vorsprungs bergab heraus­geholt, betonte der Brite. Eine Argumentation, die gleichentags von findigen Analytikern aufgrund der offiziellen Zeitangaben widerlegt wurde.

Ins Herz der Italiener geschlossen

Warum würde Froome sich genötigt fühlen, die Interpretation für seinen Coup zu diktieren? Eine positive ­Erklärung dafür zu finden, fällt schwer. Ebenso bei der eigenartigen Beobachtung, dass seine Leistungswerte, ­welche immer mal wieder in die Liveübertragung eingeblendet wurden, stets 350 Watt betrugen, während jene der Konkurrenten stetig wechselten – wie es normal ist.

Trotzdem dürften viele Italiener «Criiiis» in ihr Herz geschlossen haben. Dank einigen Phrasen in ihrer Sprache schlängelte er sich charmant durch die Kurzinterviews auf Rai 2. Angesichts seines überschaubaren Italienisch-­Vokabulars war auch stets klar, dass er nie kritische Fragen würde beantworten müssen. Zumal die Italiener in dieser Beziehung den das Dopingthema fast vollständig ignorierenden Spaniern näher sind als dem strengeren Rest der westlichen (Rad-)Sportwelt.

Moralisch schwierig

So weit die Ambivalenz um Froome an diesem Giro d’Italia – die auch ohne sein bis hierhin ausgeklammertes, übergeordnetes Problem frappant ist. Froomes Dopingverfahren nach der positiven Probe in der letztjährigen Vuelta ist weiterhin hängig. Dass er seither Rennen bestritt, mag rechtlich korrekt sein. Moralisch aber ist sein Verhalten zumindest schwierig – was die überwiegende Mehrheit des Pelotons so sieht. Nur mag niemand wirklich gegen den Platzhirsch aufbegehren.

Würde er gesperrt, hätte Froome mit seinem Auftritt den Ausgang des Giro verzerrt. Dasselbe könnte auch im Juli passieren, auf der grössten Bühne des Radsports, der Tour de France. Froome plant fest, dort zur Titelverteidigung anzutreten. Wenn er denn darf: Aus Frankreich war schon zu hören, die Tour-Organisatoren würden ihm den Start verweigern, falls das Verfahren immer noch hängig sei.

Auch das ist eine bemerkenswerte Fähigkeit dieses Sports. Er schafft es immer wieder, einem Problem einen weiteren, grösseren Dreh zu geben. ­Selten in die richtige Richtung.

Erstellt: 27.05.2018, 23:37 Uhr

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