Die akzeptierte Heldentat

1969 gewann Eddy Merckx seine erste Tour de France, auch dank eines grossen Solos. Die Rundfahrt feiert ihn dafür. Die Huldigung hat etwas Scheinheiliges.

15. Juli 1969,  Tourmalet: Tour-Neuling Eddy Merckx hat zu seinem Husarenritt angesetzt und gewinnt die Etappe mit 
acht Minuten Vorsprung.

15. Juli 1969, Tourmalet: Tour-Neuling Eddy Merckx hat zu seinem Husarenritt angesetzt und gewinnt die Etappe mit acht Minuten Vorsprung. Bild: AFP

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Einen grösseren Teppich rollte die Tour de France noch keinem Fahrer aus. Eddy Merckx in Übergrösse auf Hauswänden. Merckx auf 1000-fach verteilten Velohütchen. Merckx in Echt an Start und Ziel und an den Siegerehrungen. Mit dem Grand Départ in Brüssel ehrte die Tour einen ihrer Grössten – Merckx gehört zusammen mit Jacques Anquetil, Bernard Hinault und Miguel Indurain zum erlauchten Kreis der fünffachen Gesamtsieger.

Auf der ersten Etappe rollte das Peloton auch durch Woluwe-Saint-Pierre, was eine doppelte Referenz war: an Merckx' Heimatort am Rande der Hauptstadt und an die Passage durch das Dorf 1969.

Die Tour hat die Huldigung ganz bewusst auf dieses Jahr gesetzt, 50 Jahre nach Merckx' erstem Sieg. Der Belgier gab damals, 24-jährig, sein Tour-Debüt, nachdem er im Vorjahr den Giro d'Italia erstmals gewonnen hatte.

Nun sollte er die Tour erobern. Und das tat er: Er gewann das Rennen überlegen –und die Punkte- und die Bergwertung dazu, eine bis heute unerreichte Leistung.

In der Schlusswoche führte Merckx mit beruhigenden acht Minuten Vorsprung, als ihm jene Fahrt glückte, die als eine der grössten Leistungen in die Geschichte einging. Es war der 15. Juli 1969, als es auf der grossen Pyrenäen-Etappe über die Pässe Peyresourde, Aspin, Tourmalet, Soulor und Aubisque ging. Doch Merckx mochte sich nicht mit der Kontrolle der Konkurrenz begnügen. 140 Kilometer vor dem Ziel und kurz vor der Tourmalet-Passhöhe trat er an und fuhr davon.

«Ich bin tot, ich glaube nicht, dass ich es ins Ziel schaffe»

Unten im Tal hielt er kurz inne. Doch als die Gegner auf sich warten liessen, fuhr er zu. Er hatte ihre Moral mit seinem Antritt komplett zerstört. Den Col d'Aubisque passierte er mit sieben Minuten Vorsprung, spürte nun aber ebenfalls seinen Effort. «Ich bin tot, ich glaube nicht, dass ich es bis ins Ziel schaffe», raunte er seinem Sportlichen Leiter zu. Dieser antwortete: «Die anderen da hinten sind noch viel toter als du!» Offenbar half der Spruch –Merckx gewann die Etappe mit acht Minuten Vorsprung. «L'Equipe» erfand für den Coup die Formulierung «Merckxissimo».

Alles in allem eine absolut ehrenswerte Leistung, zumal die Tour-Organisatoren ja eine Schwäche haben für runde geschichtliche und radsportliche Jubiläen – in diesem Jahr wird auch der 100. Geburtstag des Maillot Jaune begangen. Wer genau hinschaut, sieht, dass dieses täglich ganz fein mit einem anderen Sujet der Tour-Geschichte bedruckt ist.

Es irritiert hingegen, wenn Merckx wie einem (Halb-)Gott gehuldigt wird, ohne auch nur einen kritischen Ton zu verlieren. Das fällt so deutlich auf, weil 2019 noch ein erster Gesamtsieg einer einstigen Grösse sein Jubiläum hat: 1999 trat ein gewisser Lance Armstrong auf den Plan, gewann das Rennen zum ersten von sechs Malen in Serie – und ähnlich dominant wie Merckx.

Doch der Name wird in Frankreich höchstens hinter vorgehaltener Hand ausgesprochen – und erst wenn die Kinder im Bett sind. Wenn überhaupt. In den Tour-Annalen hat das Rennen in den Jahren von 1999 bis 2006 keinen Sieger.

Das mag in Armstrongs Fall durchaus konsequent sein. Insgesamt ist es aber höchst inkonsequent, denn die Siegerliste strotzt nur so vor Fahrern mit lamentablem Leumund, sprich mit Dopingepisoden in ihren Karrieren.

Merckx' grosses Jahr ist da geradezu exemplarisch. Eigentlich hätte er 1969 gar nicht zur Tour starten dürfen: Wenige Wochen zuvor war er am Giro als Führender nach einer positiven Dopingprobe ausgeschlossen und mit der damals üblichen einmonatigen Sperre belegt worden. Damit hätte er die Tour verpasst.

Die Sperre aufgehoben, weil er noch nie erwischt worden war

Doch die Chefs von Tour und Giro, zugleich auch Vorsitzende der entscheidenden Gremien im Weltverband (UCI), fanden bei einer Sitzung –in Brüssel –einen Kompromiss. Die positive Dopingprobe blieb bestehen, die Sperre aber aufgehoben –mit einer aus heutiger Sicht sehr bemerkenswerten Begründung: Weil Merckx zuvor noch nie positiv getestet worden war, habe er sich unmöglich wissentlich gedopt. Der Entscheid wurde gar zum Präzedenzfall, von da an wurde eine (einmonatige) Sperre erst ausgesprochen, wenn ein Fahrer zweimal erwischt worden war.

Gut möglich, dass Merckx bei seinem grossen Pyrenäen-Exploit gar vom Giro-Ausschluss profitierte. Er hatte dadurch länger als üblich pausiert zwischen Giro und Tour, was nach heutiger Trainingslehre einen Formgewinn bringt.

Merckx' positive Probe hatte eigenartige Begleitumstände: Als Gesamtführender war er davor an acht Tagen auch getestet worden – immer negativ. Zudem erfuhren einige gegnerische Teams noch vor Merckx von dessen Ausschluss. Die Italien-Verschwörungstheorie war da nicht weit, zumal mit Felice Gimondi ein Einheimischer vom Ausschluss profitierte.

Ebenso Tatsache ist aber, dass Merckx in einer Zeit fuhr, in der der Gebrauch der verschiedensten Dopingmittel gang und gäbe war. Er wurde zwei weitere Male positiv getestet – 1973 und 1977 erhielt er dafür jeweils Geldstrafen und einmonatige Sperren.

Nach heutigen Standards wären diese um ein Vielfaches höher ausgefallen. Aber darum geht es nicht. Sondern um die Huldigung eines Fahrers, während die anderen für ähnliche Vergehen geächtet und verdammt werden.



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Erstellt: 13.07.2019, 23:09 Uhr

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