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Die fetten Jahre des Radikalen

Der Ironman Jan van Berkel brach in Rennen oft ein. Seit der 32-jährige Zürcher weitestgehend auf Kohlenhydrate verzichtet, tickt er wie ein Schweizer Uhrwerk.

Leichter, schneller, zuversichtlicher: Der 32-jährige Jan van Berkel. Bild: Fabienne Andreoli
Leichter, schneller, zuversichtlicher: Der 32-jährige Jan van Berkel. Bild: Fabienne Andreoli

Wenn man ist, was man isst, ist Jan van Berkel ein Aussenseiter. Selbst in der optimierungswilligen Gilde der Elitesportler. Der Zürcher Unterländer hat sich schliesslich einer radikalen Wandlung unterzogen: Er isst so gut wie keine Kohlenhydrate mehr. Also hat er nach seinem Entscheid, mit der traditionellen Ernährungsweise auch der meisten Topathleten zu brechen, den Eltern erst einmal eine Ladung an «verbotenen Lebensmitteln» abgegeben. Pasta gehörte dazu, Reis oder (raffinierter) Zucker.

Vital sieht der 32-Jährige beim Treffen aus und damit so ganz anders, als mancher Ernährungsspezialist die Folgen einer solchen Diät beschreibt: minimal leistungsmindernd, maximal schlecht für die Gesundheit. Wenn man van Berkel jedoch ­zuhört, wie er aus seinem neuen Essalltag erzählt, muss man ­sagen: Es scheint sich ganz gut mit dieser speziellen Form der Ernährung zu leben – ja van Berkel schwört darauf, nun leistungsfähiger zu sein.

Denn eines ist ihm wichtig festzuhalten: «Ich betreibe keinen Hokuspokus und tue garantiert nichts Gefährliches für meinen Körper.» Seine Zuversicht und sein Wissen gründen in Dan Plews. Der Neuseeländer (35) ist Doktor der Sportphysiologie, einer der Weltbesten seiner ­Altersgruppe im Ironman und sein Coach. Plews vereint die Welt der Fakten mit dem Pioniergeist des Trainers und Topathleten. Diese Kombination ist nahezu einzigartig und macht den Fall von van Berkel so spannend.

So schnell wie noch nie ein Schweizer

Es war Plews, der seinem Schützling zur radikalen Änderung im Essverhalten riet. Obschon van Berkel etwa den Ironman Zürich zweimal als Zweiter beendet hatte (2012/15), kämpfte er in jedem Langdistanzeinsatz am Ende mit grossem Leistungsabfall.

Seit er sich vor allem fettreich ernährt und sich primär von seinen Fettreserven antreiben lässt, hat er diese Leistungseinbussen überwunden. Als Folge fightete er sich diesen April in Texas so schnell wie noch nie über die Ironman-Distanz, blieb in 7:48,40 unter den magischen 8 Stunden und verdrängte Ronnie Schildknecht als schnellsten Schweizer Eisenmann je.

Auch diese Erlebnisse sind für van Berkel die Bestätigung, dass seine ketogene Diät für ihn ideal ist. Sie heisst so, weil van Berkel seine Energie nicht mehr hauptsächlich aus Fett, Proteinen und Glukose, sondern aus Fett und dem im Körper aufgebauten Glukoseersatz (Ketonkörper) bezieht. Aber: Bislang existieren keine Studien mit grosser Fallzahl, welche die Vorteile dieser Ernährungsart für Spitzensportler belegen.

Die Bedeutung der Fettreserven

Mainstream ist in der Ernährungswissenschaft im Gegenteil, dass erst eine solide Menge an Kohlenhydraten pro Tag eine ideale Leistungsfähigkeit ermöglicht. Wie viel «solid» ist, hängt vom Athleten ab, kann aber problemlos die Hälfte der konsumierten Kalorien pro Tag sein. Darum schätzt van Berkel, dass sich 80 Prozent der Ironman-Profis auf herkömmliche Art ernähren – folglich etwa ein Fünftel von ihnen auf ähnliche Weise wie er. Tendenz allerdings zunehmend.

Der Hauptgrund dafür: Bei Sportlern, deren Wettkampf ­viele Stunden dauert, nimmt die ­Bedeutung der Fettverbrennung zu. Der Körper verfügt selbst bei so austrainierten Athleten wie van Berkel schliesslich noch immer über so viele Reserven, dass er sich an ihnen bedienen kann – und damit als willkommenes Energielager neben den zugeführten Kalorien in Form von Kohlenhydraten dient.

Wobei viele Laien ohnehin falsche Assoziationen bilden, wenn sie von einer «Fett-Diät» hören. Sie glauben, diese führten zu mehr Gewicht bzw. Körperfett. Tendenziell ist das Gegenteil der Fall (und durch viele repräsentative Studien belegt).

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Selbst der eigentlich austrainierte van Berkel verlor nach seiner Umstellung noch an Fett – zwei Kilos. Dafür legte er ein Kilo an Muskeln zu, ohne mehr Gewichte als vor der Esszäsur gestemmt zu haben. Das Verzwickte beim Thema Ernährung aber bleibt: Van Berkel ist anhand seiner Erfahrungen natürlich zu Recht überzeugt, sein neues Wohlbefinden sei primär auf die neue Diät zurückzuführen. Letztlich aber kann es auch trotz seiner neuen Diät dazu geführt haben. Denn welcher Faktor sich nun exakt wie auf Leistung und Wohlbefinden auswirkt, kann die Wissenschaft nicht aufzeigen.

Wichtiger sind van Berkel ohnehin zwei andere Aspekte: «Essen sollte nie zu einer Religion werden.» Und: «Ich bin mir bewusst, dass ich privilegiert bin, also ausreichend zu essen habe, ja gar auswählen kann, was ich zu mir nehme.» Entsprechend geerdet ist sein Ansatz: Weder weiss van Berkel, wie viele Kalorien er verbraucht, noch wie viele er zu sich nimmt. Sein Hungergefühl leitet ihn. Eine Waage besitzt er keine – und wenn ihm an einem Fest ein Stück Kuchen serviert wird, «esse ich es halt. Ich bin kein Fundi.»

Der heiss geliebte Cheesecake der Partnerin: Vorbei

Dass er seit der Umstellung «viel bewusster» esse, findet er positiv – und ist doch ehrlich genug und ausreichend informiert, dass er zu einer seiner neuen Hauptspeisen sagt: «Natürlich weiss ich, dass es zur Herstellung einer Avocado extrem viel Wasser braucht. Mit diesem Zwiespalt muss ich leben.» Gerade sein Fleischkonsum aber reduzierte sich mit seiner Keto-Diät. Schliesslich will er die fehlenden Kalorien keineswegs über viel mehr Proteine ausgleichen (sondern eben über gesunde Fette).

Dass er in einem ersten Schritt bei seiner Umstellung erst einmal lernen musste, was er nun wie einkauft und zubereitet, bezeichnet er als willkommene Weiterbildung. Und dass er diese Lebensweise gerade nicht als Verzicht versteht, hilft langfristig. «Ansonsten könnte ich sie niemals über längere Zeit führen.» Primär den Cheesecake seiner Partnerin, im Freundeskreis berühmt, vermisst er allerdings innig. Also isst er halt viel Philadelphia-Creme. Gerne täglich.

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