Die Möglichkeit des Unmöglichen

Ist Chris Froome ein Epochenfahrer wie Anquetil, Hinault oder nur ein extremer statistischer Ausreisser?

Wie schnell Chris Froome in Frankreich sein wird, ist die grosse Frage vor der Tour. Foto: Stephane Mahe (Reuters)

Wie schnell Chris Froome in Frankreich sein wird, ist die grosse Frage vor der Tour. Foto: Stephane Mahe (Reuters)

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Heute Mittag startet die Tour in Noirmoutier-en-l’Île, und ich muss vorausschicken: Ich bin gespalten.

Was soll ich anfangen mit Chris Froome in diesem Rennen, nach dieser Vorgeschichte? Nach dem zehnmonatigen Dopingverfahren gegen ihn, das erst am Montag beendet respektive eingestellt wurde. Nach seinem Sieg im Giro d’Italia im Mai, den er dank eines Coups auf der Königsetappe gewann.

Ein erneuter Froome-Tour-Sieg? Unmöglich – das sagt die Radgeschichte. Nein, nicht die kurzfristige. Da steht, dass der 33-jährige Brite vier der letzten fünf Austragungen gewonnen hat. Der Blick geht weiter zurück, 20 Jahre, bis 1998. Es war die Tour mit dem Festina-Skandal, doch darum soll es hier nicht gehen. Sondern um den damaligen Gesamtsieger Marco Pantani. Der Italiener war damals der Letzte, der Giro d’Italia und Tour de France im selben Jahr gewann.

Seit 1998 traten nur gerade fünf Giro-Sieger überhaupt im Juli zur Tour an, und einzig Alberto Contador tat dies mit dem erklärten Ziel, auch in Frankreich zu siegen. 2011 und 2015 war das, beide Male wurde der Spanier Fünfter. Das sind eigentlich achtbare Resultate, doch Contador war beide Male nicht in der Verfassung, um wirklich um den Sieg mitzufahren.

Infografik: Tour de France Grafik vergrössern

Dieses Double scheint also heute schlicht unmöglich, selbst ohne die vielen Querelen, Windungen und Anschuldigungen, die Chris Froome in den vergangenen Wochen und Monaten erlebte.

Und doch dreht es in meinem Kopf weiter, schafft es eine einfache Frage, mich von der sicheren Überzeugung der Unmöglichkeit abzubringen: Wer soll denn sonst gewinnen?

Ja, wer sonst? Klar, kann ich zwei Hände voll valabler Siegesanwärter aufzählen. Nur haben all diese Fahrer (ausser Vincenzo Nibali) etwas gemein: Sie haben die Tour de France noch nie gewonnen.

Klare Meinung der Buchmacher

Erst recht ins Zweifeln bringen mich die nüchternsten aller Kalkulatoren: die Buchmacher. Ihre Wettquoten sprechen für Froome als überlegenen Sieger: 2.50 Franken ist alles, was der Radzocker für 1 Franken Einsatz auf den Sieg des Titelverteidigers erhält. Bei seinen Konkurrenten dagegen sind es 5, 10, 11, 13 Franken – danach geht der potenzielle Gewinn zügig Richtung 20 und mehr.

Vielleicht müsste ich einen Schritt zurücktreten, weg von der Zeit seit 2012, als ich Froome an der Tour erstmals sah. Denn seit vergangenem Juli gehört er in eine eigene Klasse: Der Captain des Teams Sky ist der einzige vierfache Tour-Sieger der Geschichte. Über ihm stehen noch vier Fahrer, die alle fünfmal siegten: Jacques Anquetil, Eddy Merckx, Bernard Hinault und Miguel Indurain.

Was dem Quartett ebenfalls gemein ist: Ihnen allen gelang mindestens ein Giro-Tour-Double. Komplettiert wird der Double-Club von zwei Italienern, Fausto Coppi und Pantani.

Ein Maillot Jaune in Paris ist Froome noch von den anderen entfernt.

Jeder von ihnen steht für seine Epoche. Coppi für die 40er- und 50er-Jahre, Anquetil für die 60er, Merckx für die 70er, Hinault für die 80er, Indurain für die 90er. Pantanis Aufschwung zum Jahrtausendwechsel kam zur selben Zeit wie jener eines anderen – des mittlerweile aus den Tour-Siegerlisten gestrichenen Amerikaners.

Die 2010er-Jahre nun prägte Froome, der vierfache Tour-Sieger. Ein Maillot Jaune in Paris ist er noch von den anderen entfernt.

Die sechs Epochenfahrer haben aber eine weitere Gemeinsamkeit: Jeder von ihnen dürfte seine herausragenden physischen Fähigkeiten mit jenen leistungssteigernden Mitteln verbessert haben, die zur jeweiligen Zeit gerade angesagt waren. Zu Coppis und Anquetils Zeiten kokettierten die Stars gar noch mit ihrem Dopingkonsum. Merckx wurde deswegen einmal vom Giro ausgeschlossen, bei Hinault steht eine verweigerte Dopingprobe als Klecks im Reinheft. Auch Pantani wurde vom Giro heimgeschickt, 1999, offiziell wurde er wegen seines unbestritten umfangreichen EPO-Konsums aber nie belangt – auch weil die Rechtsmittel noch fehlten. Erst langsam setzte zu jener Zeit die Erkenntnis ein, dass Doping kein Kavaliersdelikt sei.

Warten wir die drei Wochen ab

Diese Sichtweise ist mittlerweile längst Commonsense. Womit sich die Frage stellt: Kann es auch in der heutigen Zeit überhaupt noch einen solch epochalen Fahrer geben? Ich weiss keine abschliessende Antwort. Froome hat sich bislang nichts zuschulden kommen lassen. Am Montag wurde das Dopingverfahren gegen ihn eingestellt. Angesichts der derzeit bekannten Fakten wohl völlig zu Recht. Uns bleibt darum nur, die kommenden drei Wochen abzuwarten. Sie werden zeigen, ob Froome ein Epochenfahrer ist – oder nur ein extremer statistischer Ausreisser.

Erstellt: 06.07.2018, 23:10 Uhr

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