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Die Tour de Suisse sucht ihren neuen Liebling

Vor dem heutigen Start in Cham gibt es einige Fragezeichen im Schweizer Radsport. Wer kann die Lücke von Fabian Cancellara füllen?

Mathias Frank – findet er nach schwierigen Schweizer Touren diesmal zu seinem Rennfahrerglück? Foto: Panoramic/EQ Images
Mathias Frank – findet er nach schwierigen Schweizer Touren diesmal zu seinem Rennfahrerglück? Foto: Panoramic/EQ Images

Etwas wird fehlen heute, am Start zur 81. Tour de Suisse. Eine Konstante, die 14 Jahre lang zum Rennen gehört hatte: Fabian Cancellara. Während seiner Profizeit hatte er keine Ausgabe ausgelassen, 2003 beim Debüt gleich den Prolog gewonnen, zehn weitere Siege folgten. Parallel zu seinem Aufstieg als Fahrer entwickelte sich der Berner auch zur Schlüsselfigur der Tour de Suisse. Er trug das Rennen mit seinen Erfolgen, mit seiner Präsenz, garantierte ihm auch Medienpräsenz. Das Zusammenspiel ­erreichte 2009 seinen Höhepunkt, als man ihm einen Parcours massschneiderte. Mit Bergetappen, in denen er mit den Kletterern mithalten konnte, und einem Schlusszeitfahren, das er in Bern wie erhofft zur Triumphfahrt nutzte.

Nach dem Rücktritt des 36-Jährigen sind noch 13 Schweizer in einem Team der World Tour engagiert, 9 starten heute in Cham. Wer von ihnen könnte das Rennen künftig prägen, es gar mit seiner Persönlichkeit tragen?

Die Rundfahrtspezialisten

Eine rare Spezies

Cancellaras Gesamtsieg 2009 war ein Ausreisser in der Statistik, eine Anomalie. Denn die Schweiz ist schon lange keine Quelle mehr für Rundfahrer; für Athleten, die bergauf mit den Allerbesten mitklettern. Nur gerade zwei gibt es derzeit: Mathias Frank und Sébastien Reichenbach. Der Luzerner Frank hat keine einfache Beziehung zum Heim­rennen. 2013 liess ihn sein damaliges Team BMC als Gesamtführender im Stich, 2014 wurde er Zweiter (und verbrachte die Nächte im Spital bei seinem zu früh geborenen Kind), 2015 passte er, 2016 gab er als IAM-Leader krank auf.

Infografik: 81. Tour de Suisse

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Frank ist kein geborener Leader, wie es Rundfahrer sein sollten, die ein Team um sich scharen. Darum trat er auf diese Saison ins zweite Glied zurück, ist nun Edelhelfer bei AG2R – doch an der Tour de Suisse darf er Leader sein. Es könnte der Rollenwechsel sein, der ihm behagt. Eine ähnliche Rolle hat Reichenbach, ein talentierter Walliser Kletterer. Bei beiden gibt es ein Fragezeichen: Reichen ihre Zeitfahrqualitäten, um einst die Landesrundfahrt zu gewinnen?

Die Etappenjäger

Die überfällige Nummer 4

Es gibt die Fahrer, deren Talent nicht zum Leader reicht, die aber doch zu viel Potenzial haben, um nur für andere in die Pedalen zu treten. Diese Spezies entwickelt sich zum Etappenjäger, zum Kühnen, der den Erfolg in Fluchtgruppen sucht oder in der Überraschung, wenn das Rennen sich zu seinen Gunsten entwickelt. Michael Albasini gehört in diese Kategorie. Seit zehn Jahren gelingt dem 37-Jährigen jedes Jahr mindestens ein Sieg. An der Tour de Suisse kämpfte er zuletzt jedoch meist unglücklich respektive zu seinem Pech stets gegen Peter Sagan. So datiert sein letzter von drei Etappensiegen aus dem Jahr 2012. Heuer wird er es erneut versuchen, Chancen bieten sich ihm mehrere. Im Gegensatz zu Silvan Dillier, der zehn Jahre jünger als Albasini ist und ähnliche Stärken vorweisen kann. Dillier hoffte, nach seinem Giro-Etappensieg, auch an der Tour de Suisse brillieren zu können. Doch er wurde von seinem Team BMC kurzfristig aus dem Aufgebot gestrichen.

Die Zeitfahrer

Küng, der Charismatiker

Stefan Küng kann vor Leute stehen, fünf Minuten lang sprechen, und die Zuhörer kleben Wort für Wort an seinen Lippen – der Mann hat Charisma. Es ist nicht die einzige Parallele zu Cancellara. Der 23-Jährige lebt in einem Körper, der es ihm erlaubt, über lange Zeit sehr schnell zu fahren. Auf der Bahn wie auf der Strasse – da am liebsten im Zeitfahren.

Das provoziert Vergleiche mit Cancellara, schürt Erwartungen. Vielleicht auch deshalb hat es ihn in der Vergangenheit einige Male unfreiwillig aus dem ­Sattel geworfen. Er stürzte. Zu viel gewollt, zu viel Risiko genommen, sagen Beobachter. «Pech gehabt», findet Küng. «Ich bin kein Sturzpilot, ich kann den Unterschied über die Fahrtechnik machen.»

Auch Tour-de-Suisse-Organisator ­Infront hat Küngs Potenzial erkannt – und ihn überzeugt: Er lässt sich von der Agentur repräsentieren. Diese nutzt das, denn sie weiss: Küng bringt alles mit, um das künftige Gesicht des Schweizer Radsports zu werden. So ist der Prolog auf ihn zugeschnitten, und auch das Zeitfahren in Schaffhausen gefällt ihm. Er will bei seiner ersten Heimtour einen Sieg.

Die Helfer

Alt geworden

Man sagt ihnen Wasserträger, gerne auch Diener oder Domestiken: die ­Helfer. Wer kein Siegfahrer wird, darf andere zu Siegern machen, für sie im Wind pedalen und Proviant bringen.

Die Schweizer Helfer an der Tour de Suisse sind alt geworden. Martin Elmiger ist 38, hat 16-mal die Tour durch die Schweiz mitgemacht und wird Ende Saison aufhören. Gregory Rast ist 37, Steve Morabito 34, Reto Hollenstein 31 und ­Michael Schär 30. Sie sind Vertreter einer Generation, die realistisch und daher froh war, ganz oben im Radsport angekommen zu sein – vielleicht hatten sie aber auch zu wenig Biss, den unbequemen Weg zum Siegfahrer zu nehmen.

Ab und an ist es auch Helfern erlaubt, auf Sieg zu fahren. Als Schweizer auf heimischen Strassen womöglich noch ein bisschen mehr. Doch das fällt ihnen meist schwer, das zeigt die Statistik: Die helfenden Fünf haben in den vergangenen 16 Jahren ganze zweimal gewonnen.

Rast 2013 in Meilen, Morabito 2006 in Leukerbad.

Die Talente

Die fehlende Lobby

Sie existiert, die nächste Schweizer ­Generation. Obwohl in diesem Jahr nur gerade ein Nachwuchsfahrer Profi wurde, der Walliser Kilian Frankiny bei BMC. Die übrigen Talente kämpfen darum, überhaupt eine Chance zu erhalten. Nach dem Ende von IAM Cycling, den finanziellen Querelen im Team Roth und dem Rückzug des Teams EKZ existieren keine Schweizer Equipen auf den unteren Profistufen, wo man sich empfehlen könnte. Denn an Talenten mangelte es nicht, das zeigen die Resultate auf Strasse und Bahn, etwa von Fabian Lienhard, den Brüdern Reto und Patrick Müller, Marc Hirschi oder Stefan Biss­egger. Ihnen allen wird Potenzial für den Spitzenradsport attestiert – doch der Tour de Suisse hilft das frühestens in ein paar Jahren.

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