Die Tour, die alles verändert – vielleicht

In drei Rennwochen zeigte sich, dass der Goliath immer noch steht. Aber auch, dass die Davide besser zielen.

Triumphfahrt durch den Louvre im Zentrum von Paris: Angeführt von seinen Ineos-Kollegen rollt Toursieger Egan Bernal seinem grössten Ziel entgegen. Foto: Julien De Rosa (AFP)

Triumphfahrt durch den Louvre im Zentrum von Paris: Angeführt von seinen Ineos-Kollegen rollt Toursieger Egan Bernal seinem grössten Ziel entgegen. Foto: Julien De Rosa (AFP)

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«Tour de France ist, wenn ein Dutzend Favoriten am Start der Rundfahrt an den Sieg glaubt – und am Ende gewinnt doch immer ein Fahrer der Briten.» Das ehemalige Team Sky, nun von Ineos ebenso grosszügig unterstützt, sorgt dafür, dass dank Sieger Egan Bernal eine Variante des bekannten Lineker-Zitats weiter Bestand hat.

Die Briten gewannen nun sieben der vergangenen acht Rennen. So sehr dominierte zuvor in der Tour-Geschichte erst ein Team über einen ähnlichen Zeitraum: US Postal von Lance Armstrong, das mittlerweile aus den Tour-Geschichtsbüchern gestrichen worden ist. Schon bevor jener Betrug bewiesen war, hatte die Dominanz der Amerikaner Zweifel hervorgerufen.

Angesichts ihrer Siegesserie stellen sich auch bei den Briten solche Fragen. Es gibt darauf aber Stand heute keine Antworten. Das zeigte das vergangene Jahr, in dem die Affäre um eine bis heute unbekannte Medikamentenlieferung an Bradley Wiggins 2011 und Testosteron-Bestellungen an British Cycling ohne endgültige Antworten blieben – selbst nach einer Anhörung von Teamchef David Brailsford vor der parlamentarischen Untersuchungskommission. Fakt ist hingegen, dass «Teflon-Dave», wie ihn Teile der britischen Presse mittlerweile nennen, nun mit vier verschiedenen Fahrern siebenmal die Tour gewonnen hat.

Es ist möglich, dass die Briten 2020 noch weiter gehen und mit drei Tour-Siegern antreten.

Fakt ist auch, dass grössere finanzielle Ressourcen definitiv einen Vorteil verschaffen. Zugleich bewiesen diese drei ausserordentlichen Tour-Wochen aber gerade, dass auch ein viel grösseres Budget nicht die totale Renndominanz garantiert. Man spricht bei Ineos von 40 bis 50 Millionen Euro Budget, derweil das Gros der Teams mit rund 15 Millionen operiert.

Wird deshalb der aufregende Verlauf der 106. Tour de France Auswirkungen auf die Zukunft haben? Könnten die vielen Wendungen zu einer Veränderung der Renndynamik und der Machtverhältnisse führen?

Wie Ineos auf diese Tour reagieren wird, die die Equipe erst auf der 19. von 21 Etappen zu seinen Gunsten drehte, scheint bereits klar: Für 2020 wird Giro-Sieger Richard Carapaz engagiert, womit das Team vier Grand-Tour-Sieger unter Vertrag haben wird. Also: die Hälfte aller derzeit aktiven.

In diesem Jahr trat Ineos erstmals mit zwei Leadern zur Tour an. Für Egan Bernal und Geraint Thomas war die Situation nicht einfach, fürs Team jedoch perfekt: Die Gefahr eines Rennverlusts durch einen Einbruch oder einen Sturz wurde so minimiert. Es ist durchaus möglich, dass die Briten 2020 noch weiter gehen und mit drei Tour-Siegern antreten. Denn Chris Froome will seine fünfte Tour gewinnen, Bernal wird als Titelverteidiger antreten – und Thomas wohl erneut den loyalen Kollegen geben, der bereitstünde im Fall der Fälle.

Leader im Team, 1. und 2. der Tour: Bernal und Thomas. Foto: Reuters

Die Tour-Organisatoren gaben es zwar nie zu, aber sie hatten den diesjährigen Parcours durchaus mit dem Ziel entworfen, die britische Dominanz zu brechen. Das gelang: Es gab einen neuen Sieger – aber auch der fährt im Team Ineos. Weil Froome und Thomas die Zeitfahren dominiert hatten, minimierte man diese Kilometer. Das funktionierte, das Zeitfahren war letztlich irrelevant: Bernal gewann, obwohl er in der einzigen Einzelprüfung 1:22 Minuten auf Thomas verloren hatte. Diesem Streckenrezept dürften die Organisatoren treu bleiben. Zumal sie die Route nicht nur gegen die Briten entwarfen, sondern auch für die französischen Fahrer.

Auch das klappte: Nie hatte ein Franzose in jüngerer Zeit eine reellere Siegchance als Thibaut Pinot. Der 29-Jährige war in der Lage, Bernal am Berg vor echte Probleme zu stellen. Ohne sein abermaliges Rennpech (Oberschenkelverletzung nach Aufprall gegen sein Lenkerende) hätte die Tour anders ausgehen können. Trotzdem muss auch Pinot über die Bücher: Er gab nun sechs von zwölf Grands Tours auf. Das hätte ihn beinahe gebrochen: Am Freitagabend sprach er nach seiner Aufgabe vom Karriereende. Am Samstag kündete er seine Rückkehr zur Tour 2020 an.

Pinot war es, der zusammen mit Julian Alaphilippe diese Tour so aufregend machte, dass sie ganz Frankreich aufweckte und eine neue Begeisterung für das Rennen entfachte. Alaphilippe trug während vierzehn Tagen das Maillot jaune, schob den allseits erwarteten Einbruch Tag für Tag hinaus und rutschte erst am Samstag noch vom Podest. Ob er deshalb sein Radfahrerleben auf den Kopf stellen wird? Kaum, denn um ein echter Tour-Kandidat zu werden, müsste er seine Freigeistigkeit aufgeben, jenes Merkmal, das ihn von der Konkurrenz abhebt.

Zuschauer und Fahrer wollen nicht dasselbe

Sicher ist, dass diese Tour die vielen Davide des Radsports darin bestärkt hat, dass Goliath Ineos bezwingbar ist. So denken sie gerade in den Niederlanden, woher erstmals seit der britischen Machtübernahme mit Jumbo-Visma das stärkste Team dieser Tour kam. Mit Steven Kruijs­wijk rückte der Leader der Equipe am Samstag aufs Podium vor – Mission erfüllt. Aber der nächste Schritt, der Sieg? Dafür fehlt Kruijswijk schlicht das Siegergen. Vielleicht bringt Tom Dumoulin dieses ins Team? Über einen Wechsel des zweiten grossen Abwesenden dieser Tour de France in seine Heimat wird gemunkelt.

Zum Schluss eine Feststellung: Nach der ganzen Aufregung dieser drei Wochen bleibt ein bemerkenswert nüchternes Schlussklassement zurück. Auf den ersten vier Plätzen stehen Fahrer, die ihre Positionen ohne Etappensieg erreichten, die – abgesehen von Bernal – keine rennrelevanten Attacken fuhren. Selbst am Ende dieser abwechslungsreichen Tour bleibt also die alte Tatsache: Wer drei Wochen lang keinen Fehler begeht, kommt auch an der Tour de France sehr, sehr weit.

Es bleibt dabei: Die Wünsche der Zuschauer und die Ziele der Rennfahrer sind nicht dieselben. Erstere wollen Spektakel, Letztere Resultate. Erreicht werden diese selten mit denselben Mitteln. Aber man wird doch wohl noch träumen dürfen.

Erstellt: 28.07.2019, 23:24 Uhr

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