«Ein bisschen eitel darf ich ja sein»

Vor einem Jahr gewann Fabian Cancellara Olympiagold in seinem letzten grossen Rennen. Er spricht über die Mühen und Verlockungen in seinem neuen Leben nach dem Profisport. Und vom Horror auf der Schulbank.

Nach seinem Olympiasieg begann für Fabian Cancellara (36) eine neue Zeit. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

Nach seinem Olympiasieg begann für Fabian Cancellara (36) eine neue Zeit. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

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Sie haben an der Uni St. Gallen einen Sportmanager-Kurs absolviert. Wie schwierig war es, nach all den Jahren wieder die Schulbank zu drücken?
Für mich war die Schule sehr weit weg. Ich muss schmunzeln, wenn ich dran denke, wie andere am Morgen in den Unterricht gekommen sind und fit waren, und ich war jeweils kaputt. Ich war meist der Letzte beim Frühstück, weil ich länger schlief. Ich brauchte den Schlaf, um mich zu erholen. In der ersten Woche hatten wir einen Apéro am Montagabend, da habe ich zwei, drei ­Sachen genommen, ging dann aufs Zimmer und habe nur noch an die Decke gestarrt. Ich war nicht einmal mehr essen, ich war so nudelfertig. Das war für mich so neu, das merkt man halt, da ist alles etwas «verhocket».

Haben Sie es je bereut, dass Sie sich für diesen Kurs einschrieben?
Nein, ich konnte sehr viel mitnehmen. Und damit stehen mir nun weitere Wege offen. Für einen Sportler ist das super – auch wenn ich mir unsere Truppe ansehe: Wir hatten Piloten, Banker, den Betriebsleiter eines Hallen- und Freibads. Das machte es so spannend.

Welche Gefühle hatten Sie bei der Diplomübergabe? Mit einem sportlichen Erfolg kann man es ja kaum vergleichen.
Nein, aber für mich ist es ein grosser Schritt. Ich habe etwas gemacht, was nicht alltäglich ist. Und dass ich mich überhaupt dazu entschlossen habe, war mit Stolz verbunden. Ich hätte auch sagen können, ich sitze noch etwas daheim, geniesse es und lasse ein wenig meine Projekte laufen.

Das wollten Sie aber nicht.
Ich schaue die Ausbildung als zusätzliches Tool an, das ich in die Projekte, mit denen ich verbunden bin, mitnehmen kann. Klar hatten wir an einem Tag Controlling, das war für mich Horror, und da hatte ich den ganzen Tag Kopfweh. Aber das gehörte auch dazu. Gewisse Abläufe kann ich nun besser verstehen oder analysieren. Und das ist das Wichtigste. Grundsätzlich gilt: Schuster bleib bei deinem Leisten. Hier kann man Theorie und Praxis gut verbinden, und ich konnte meine Projekte an die Infos angliedern. Das hat mich weitergebracht.

Welche Qualitäten aus Ihrer ­Sportlaufbahn kommen Ihnen in einem Schulzimmer entgegen? Dass Sie gelernt haben, zu beissen?
Beissen muss man nicht unbedingt. Eher kämpfen, wenn die Müdigkeit kommt. Schauen, dass man trotzdem konzentriert bleibt. Aber dafür muss man etwas tun. Zum Beispiel in der Pause rasch zwei, drei Schritte machen, damit ich wieder wach bin, um die ­Informationen aufzunehmen.

Sind Sie auch im Schulzimmer ein Leader?
Ich würde nicht sagen, ich sei der Anführer dieser Truppe, nein. Ich hebe ­sicher gerne die Hand, sage einmal ­etwas, bringe Beispiele aus meinem eigenen Sportlerleben rein. Es ist aber genauso interessant, wenn andere ihre Erfahrungen weitergeben, aus ihren ­Bereichen.

Der Schweiger sind Sie aber auch nicht.
Nein, ich bin sicher nicht einer, der nur dasitzt und zuhört, ich bin eher aktiv. Ich habe gesehen, dass ich in 16 Jahren Sport nicht viel verloren habe, im Gegenteil. Ich habe in den letzten vier Jahren sportlich im Verhältnis weniger gewonnen, aber dafür in viel hinein­gesehen, was hinter den Kulissen ablief. Gerade auch, was die Sportorganisation bei Trek, meinem letzten Team, anbelangt. Nun habe ich das Wissen, jetzt fehlt noch die Erfahrung, und die kann ich in den Events holen. Ich gebe nicht nur mein Gesicht, ich bin aktiv dabei. Nach «Chasing Cancellara» (siehe Box) war ich zum Beispiel beim Debriefing dabei. Ich bin immer unterwegs, ich sitze nicht nur zu Hause herum. Das wäre nicht ich.

Man vergisst es leicht: Seit Ihrem Triumph in Rio ist gerade einmal ein Jahr vergangen.
Das ist die moderne, digitale, schnelle Welt.

Das berüchtigte Loch danach: ­Haben Sie es gespürt?
Nein, vielmehr habe ich eher einen «zum Gring übercho». Ich habe mich etwas überlastet. Ich hatte das Gefühl, es läuft zu wenig, ich mache zu wenig. Deshalb bin ich froh, dass ich dann auch gebremst habe und nun ein guter Überblick da ist. Jetzt kann ich mich diesen Themen mehr widmen und dranbleiben, und mich darin auch verbessern. Jetzt habe ich etwas in den Fingern. Da war die Schule, da sind die Projekte, mehr geht ja gar nicht.

Wie sieht es mit Freizeit aus?
Ich muss mir meine Zeit wegstehlen, und das habe ich gemacht, indem ich bremste. Viele hatten ja das Gefühl, jetzt hätte ich Zeit und könne alles machen. Ich auch, aber ich bin immer noch nicht da, wo ich mich erwartet hatte. Jetzt bin ich froh, habe ich den ganzen Sommer nichts.

An Offerten fehlte es wohl kaum.
Ich hätte während der Tour de France vieles machen können. Aber man muss einen Mittelweg suchen, alles geht nicht. Irgendwo muss man Energie tanken, die ­allgemeine Vitalität wieder fördern. Das ist bei mir etwas untergegangen, ich habe praktisch keinen Sport mehr gemacht. Das merke ich jetzt, die Motorik des ganzen Körpers ist so uoooooo (plustert die Backen auf), und jetzt probiere ich es wieder.

Was bedeutet Sport jetzt für Sie?
Bewegung, Runterfahren, Gesellschaft, der Sport gibt mir jetzt so viel. Dabei geht es nicht um ein Training, auf den Computer starren. Ich fahre einfach, eine Stunde oder drei, das Wichtige ist die Kontinuität. Das ist das A und O.

Wie erreichten Sie diese ­Kontinuität?
Die Kinder gaben sicher einen gewissen Rhythmus vor, aber man kann ja seine Prioritäten nicht nur an ihnen ausrichten, auch wenn die Familie das Wichtigste ist. Ich versuche, Montag und Freitag flexibel zu gestalten, aber je nach Terminen muss man sich halt ­anpassen. Ich muss mich an die Aussenwelt anpassen, nicht umgekehrt. ­Gewisse Dinge kann ich einfach nach meinem Gutdünken tun, aber ob ich am Abend aufs Velo steige oder am Morgen um sechs Uhr, das muss ich offen lassen. Hier in St. Gallen konnte ich am Nachmittag gehen, mit Mario ­Eggimann und anderen, das ist etwas ganz anderes. Das «fägt», in der Gruppe.

Wie gross ist der Spassfaktor heute?
Ich könnte ja sagen, ich muss nicht. Das Einzige, was ich muss, ist die Kontinuität beizubehalten. Irgendwo habe ich auch den Ehrgeiz, dass ich sportlich noch ein bisschen fit bin und nicht auf dem Velo sitze wie ein Kartoffelsack. Ein bisschen eitel darf ich ja auch noch sein. Ich gehe nicht trainieren, damit ich beim «Chasing Cancellara» und beim Triathlon der Beste bin. Um Abenteuer, Erlebnisse, Erfahrungen, darum geht es.

Sie haben seit dem Karriereende eine Fülle von Optionen. Wie picken Sie die richtigen heraus?
Das ist schwierig, weil ich so viele Möglichkeiten habe. Motivation ist die erste Priorität, nicht das Finanzielle, es muss mir Freude machen, ich muss mich verwirklichen können. Das ist wichtig, auch wenn ich schon viel gewonnen habe. Viele sagen mir, ich habe deswegen den Druck nicht. Ich antworte, dass ich mir den Druck selber mache und der schon genügend gross ist. Ich will mir beweisen, dass ich etwas kann, und es geht mir nicht um die Leute draussen. Ich bin auch nicht hier nach St. Gallen gekommen wegen des Zertifikats. Ich will weiterkommen, das ist mein Ansporn.

Den Frührentner Cancellara wird es also nicht geben?
Nein, ich will nicht daheimbleiben und die Töffprüfung machen und die Bootsprüfung, damit ich ein wenig herumgurken und meine Freizeit geniessen kann. Dafür bin ich zu jung, zu dynamisch und zu ehrgeizig und habe zu viel erlebt. Ich habe auch zu viel zu erzählen. Referate, Motivationsseminare waren noch nicht gross ein Thema, aber sie werden auch wichtig sein. Das in die Wirtschaft hineinzubringen, wäre sicher interessant.

Haben Sie genügend Zeit für all das?
Bis jetzt noch nicht. «Eis nach em angere.» Ich bin ja auch nicht von einem Jahr auf das andere Weltmeister oder Olympiasieger geworden, dafür brauchte ich viele Jahre. Ich denke, das kann man vergleichen, ich bin in einer Lernphase, wie damals als Neoprofi. Ich bin im ersten Jahr, wenn einer eine Lehre macht, braucht er dafür drei Jahre. Ich kann mir aber nicht zu lange Zeit lassen, die digitale Welt ist so extrem im Wandel. Alles geht so schnell vergessen, zack, zack, zack.

Können Sie sich vorstellen, dereinst mit Anzug und Krawatte 40 Stunden pro Woche im Büro zu sitzen?
Es ist noch zu früh, um das zu sagen.

Wovon wird es abhängen?
Das werden die nächsten Monate und Jahre zeigen. Wo stehe ich mit 40? Wo bin ich in fünf Jahren? Ob Krawatte oder leger, kann ich auch nicht sagen. Wenn ich sehe, wie viel mein Manager Armin Meier arbeitet, wie viel er unterwegs ist, das könnte ich nicht. Von Montag bis Freitag voll dran sein und dann noch am Abend, das wäre mir zu viel. Ich habe in 16 Jahren viel erlebt, habe aber auch auf vieles verzichtet.

Sind Sie sehr selbstkritisch?
Ja, und ich muss geduldiger werden. Andere sagen mir dann: Nimms doch einfach ruhig. Aber eben: Ich war auf einem ganz anderen Zug und muss mich jetzt im Neuen zurechtfinden.

Wie geht der Weg bei Ihrem ­Umbruch weiter?
Er geht weiter, ich will mich den Dingen widmen, die da sind. Alles muss sich noch mehr einpendeln. Ich habe zu viele Ideen, und es ist nicht möglich, alle umzusetzen. Damit muss ich umgehen, es ist nicht alles gut, von dem ich das ­Gefühl habe, es sei gut.

Erstellt: 09.08.2017, 22:27 Uhr

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Abbruch seiner Elektromonteurlehre belegte der zweifache Olympiasieger den Zertifikatskurs zum Sportmanager, den die Universität St. Gallen zum dritten Mal in Kooperation mit Schalke 04 anbot, und schloss ihn im Juli mit dem Zertifikat ab. Klassenkameraden waren unter anderen die ehemaligen Fussballer Mario Eggimann und Ciprian Marica. In den letzten Jahren hatten auch Christoph Spycher, David Degen oder Fränzi Aufdenblatten den Kurs absolviert, der auf vier Modul­wochen verteilt ist. Der zweimalige Schweizer Sportler des Jahres hat auch eine AG gegründet und arbeitet mit seinem Manager Armin Meier an verschiedenen Projekten wie «Chasing Cancellara», bei dem ihn Hobbyfahrer herausfordern können. (mke)

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