Es braucht mehr Fälle wie den von Chris Froome

Der Anti-Doping-Kampf wird oft nur besser, wenn er ans Limit gebracht wird. Darum war die lärmige Causa Froome gar hilfreich.

Seine dünnen Beine haben ihn weit gebracht: Radstar Chris Froome. Foto: Yorick Jansens (Imago)

Seine dünnen Beine haben ihn weit gebracht: Radstar Chris Froome. Foto: Yorick Jansens (Imago)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Dopingbekämpfer sollten sich bei Chris Froome bedanken. Denn wenn ein grosser Name wie seiner für einmal im ansonsten weitmaschigen Netz der Anti-Doping-Fraktion hängen bleibt, erlebt diese einen Stresstest – bekommt also den Spiegel vorgehalten, wie gut sie aufgestellt ist und wie effektiv ihre Waffen funktionieren.

Im besten Fall lernen die sogenannten Jäger für einen sauberen Sport also von solchen Ereignissen, selbst wenn das Urteil wie im Fall von Chris Froome in einem Sieg für ihn endet. Daran muss nichts Schlechtes sein, obschon für viele der 33-jährige Radstar von vornherein schuldig war. Aber auf Gefühle dürfen sich Dopingbekämpfer nie verlassen. Sie leben von Fakten bzw. wissenschaftlichen Standards.

Mehr Transparenz

Was also sind die Lehren? Die offensichtlichste: Im letzten September gab Froome seinen auffälligen Test mit zu viel Asthmamittel Salbutamol ab. Erst seit dieser Woche steht das Verdikt fest. Eine solch lange Phase der Ungewissheit – für den Auffälligen, die Gegner, Veranstalter oder Fans – ist unhaltbar. Darum sollte in solchen Fällen künftig zwingend eine Frist festgelegt werden, bis wann ein solcher Fall behandelt wird.

Lehre 2: Mehr Transparenz. Bislang haben weder der Internationale Radsport-Verband noch die Welt-Anti-­Doping-Agentur detailliert öffentlich gemacht, weshalb sie den Argumenten von Froome folgen. Ein dürres Communiqué reichte ihnen, diesen heiss diskutierten Fall abzuschliessen. Doch einfach lapidar zu schreiben, die eigenen Experten und die beigezogenen Wissenschaftler hätten sich über die ­Informationen gebeugt, reicht nicht. Die ganze Dokumentation zum Fall Froome muss allen Interessierten zugänglich gemacht werden. Ansonsten halten sich Verschwörungstheorien wie die, dass die beiden Institutionen mit Froome paktierten.

Auch darum entschied sich im grossen Fall von Lance Armstrong die Klägerin, die US-Anti-Doping-Agentur, sämtliche ihrer Dokumente für jedermann ins Netz zu stellen.

Die Dopingbekämpfer erweitern ständig ihre Regeln, machen sich so immer angreifbarer.

Lehre 3 betrifft den Umgang mit Substanzen, die bis zu einer bestimmten Menge erlaubt sind. Dazu gehört das von Froome eingenommene Salbutamol. Früher mussten Athleten erst eine Ausnahmebewilligung vorlegen, ehe sie ein solches Medikament benutzen konnten. Mittlerweile fällt diese Hürde weg. Der administrative Aufwand war enorm. Zudem ist beim betreffenden Mittel extrem fraglich, ob es leistungssteigernd wirkt. Will man solche Fälle wie den von Froome künftig vermeiden, gibt es nur zwei mögliche Lösungen: Man verbietet solche Medikamente – oder gibt sie vollumfänglich frei.

Beide Optionen scheinen zumindest zum jetzigen Zeitpunkt gar keine zu sein. Sie weisen auf ein Grundproblem im Umgang mit vielen Substanzen hin, die auf der Dopingliste stehen: Man weiss schlicht nicht, ob sie tatsächlich leistungssteigernd sind. Denn entsprechende Studien von ausreichender Qualität fehlen in vielen Fällen, selbst bei so gängig eingenommenen Mitteln wie denjenigen von Sport-Asthmatikern.

Hin zur Schwachstelle

Darum ist der Hebel für jeden Auffälligen wie Chris Froome klar: Er sucht diese Leerstellen des Wissens. Der Gegenseite, also den Dopingbekämpfern, bleibt dann wenig mehr, als die weisse Fahne zu hissen; sie kämen vor Gericht nie zum Erfolg.

Ergo kann man den Fall von Froome auch als Anleitung für andere Sportler mit viel Geld und Support lesen: Bleiben sie in einer Kontrolle hängen, wird ihr Expertenteam entsprechende wissenschaftliche Schwachstellen schonungslos offenlegen. Daran ist an sich nichts Verwerfliches. Bloss zeigt gerade Froomes Fall, dass entsprechende seriöse Studien mit einer repräsentativen Zahl an Athleten fast nie durchführbar sind. Erstens existieren nicht Hunderte von Froomes, zweitens kann man das Setting (eine Rundfahrt, Hitze, zu wenig Flüssigkeitsaufnahme usw.) niemals simulieren.

Die Welt-Anti-Doping-Agentur versucht dieses fundamentale Problem zu lösen, indem sie ihre Regeln ständig erweitert. Bloss schafft sie damit für findige Juristen nur weitere Möglichkeiten, in die Lücken vorzustossen. Die Situation ist verzwickt.

Erstellt: 04.07.2018, 23:20 Uhr

Artikel zum Thema

Juristen entscheiden über Froomes Start

Paukenschlag für Chris Froome sechs Tage vor der Tour de France: Die Organisatoren wollen ihn gemäss Medienberichten von der diesjährigen Austragung ausschliessen. Mehr...

Froome startet an der Tour de France

Das Verfahren gegen den viermaligen Tour-Sieger wurde eingestellt. Die Rennleitung akzeptiert den Entscheid des Weltverbandes UCI. Mehr...

Fast alle verlieren

Analyse Das Verfahren gegen Chris Froome wurde eingestellt. Sein Fall offenbart auch die Limiten des Anti-Doping-Kampfs. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Grosstransport: Ein vietnamesischer Mann befördert eine Vielzahl an Gütern mit seinem Motorrad durch die Stadt Hanoi. (22. Juli 2019)
(Bild: Minh Hoang / EPA) Mehr...