Froomes grösste Prüfung kommt noch

Der vierte Tour-Gesamtsieg ist Chris Froomes wichtigster. Nie wurde er von der Konkurrenz stärker gefordert. Doch das nächste Jahr dürfte für den Briten noch schwieriger werden.

Chris Froome in Paris beim Arc de Triomphe angekommen. Er gewinnt die Tour zum dritten Mal in Folge. Bild: Reuters

Chris Froome in Paris beim Arc de Triomphe angekommen. Er gewinnt die Tour zum dritten Mal in Folge. Bild: Reuters

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Wer nur die Zahlen anschaut, kann zu einem einfachen Schluss gelangen: Chris Froome gewann diese Tour vor drei Wochen in Düsseldorf. 51 Sekunden fuhr er im Auftaktzeitfahren auf Rigoberto Uran heraus, mit 53 Sekunden Rückstand beendete der Kolumbianer das Rennen in Paris als Zweiter.

Doch die Folgerung greift zu kurz, auch wenn sie einen wahren Kern hat: Froome gelangte zum vierten Gesamtsieg, weil er im Zeitfahren seinen Herausforderern überlegen war. Er war über die drei Wochen erneut der kompletteste Fahrer, geradezu unerbittlich konstant. Mit einer 22-sekündigen Ausnahme. So viel Zeit büsste er in den Pyrenäen auf Romain Bardet ein, als die Zielrampe richtig steil wurde.

Am Berg ebenbürtig

Ansonsten waren sich die Allerbesten in den Bergen ebenbürtig. Das ist die überraschende Erkenntnis aus dieser Tour. Froome konnte bergauf nicht mehr dominieren wie bei seinen drei vorangegangenen Triumphen, als er die Rennen mit seinen Antritten schon früh entschieden hatte. Das liegt allerdings weniger an Froome als an seinen Herausforderern. In den vergangenen drei Wochen gab es eine ganze Reihe von Fahrern, die ihm gewachsen war – oder zeitweise gar überlegen.

Die Differenz war allerdings nie grösser als die erwähnten 22 Sekunden. Die Tatsache ist trotzdem bemerkenswert nach den Jahren der erdrückenden Froome-Dominanz. Sie macht den Sieg des Briten zu dessen wertvollstem, weil er sich gegen eine fast ebenbürtige Konkurrenz durchsetzte.

Zugleich verpassten seine Herausforderer eine Chance. Nie war Froome bergauf verwundbarer. Das mochten die Konkurrenten realisieren, viele von ihnen waren jedoch mental nicht bereit, alles zu riskieren für den ganz grossen Coup, den Sieg über den Titelverteidiger.

Mit 54 Sekunden Vorsprung: An Chris Froome kommt keiner vorbei. (Video: Tamedia/AP)

Froome seinerseits zeigte mit seiner Demonstration beim abschliessenden Zeitfahren in Marseille, dass es keine Phrasen gewesen waren, als er vor dem Tour-Start gesagt hatte, er wolle erst zum Ende des Rennens hin seine Topform erreichen. Und so würde es nicht verwundern, wenn er im August auch endlich die Vuelta gewinnen sollte, an welcher er sich schon mehrfach vergeblich versucht hat.

Froome ist keiner, der die Geschichte seines Sports von Kindsbeinen an aufgesogen hat, die Heldenepen aus vergangenen Zeiten. Seine ersten Tour-Erinnerungen sind die Jahre von Lance Armstrong. Aber er ist sich sehr wohl bewusst, dass die sieben Siege des Texaners aus den Büchern gestrichen worden sind und ihm so noch ein Sieg fehlt, um in den Kreis der ganz Grossen, der Rekordsieger aufzusteigen.

Er dürfte sich ebenso bewusst sein, dass er diesen geschichtsträchtigen Sieg so rasch als möglich anstreben sollte. Denn im Vergleich zum 32-Jährigen haben seine Konkurrenten noch deutlich mehr Steigerungspotenzial.

Dumoulin und die Franzosen

Romain Bardet etwa, der in Marseille noch fast vom Podest gerutscht wäre, gab hinterher zu, in diesem Jahr kaum auf dem Zeitfahrvelo gesessen zu sein – weil er es nicht mag. Was er hingegen sehr mögen würde: Frankreichs erster Tour-Sieger seit 1985 zu werden. Ob er bereits nächstes Jahr dazu in der Lage sein wird, ist allerdings fraglich. Tour-Organisatorin ASO wird kaum zwei Mal in Folge eine Strecke mit derart wenigen Zeitfahrkilometern präsentieren.

Zumal sich in diesen Prüfungen ein neues, attraktives Duell entwickeln könnte: zwischen Froome und dem Holländer Tom Dumoulin. So sehr die ASO dieses Jahr versuchte, es mit einem ausgeglichenen Parcours Froome so schwierig wie möglich zu machen, so sehr wird sie für 2018 einen Zweikampf mit dem Sieger des Giro d’Italia anstreben. Nicht zu vergessen Richie Porte, der bis zu seinem Sturz sehr wohl den Eindruck gemacht hatte, als könne auch er Ex-Teamkollege Froome fordern.

Die wirklich grossen Hoffnungen setzt die ASO hingegen in ihre Landsleute. Neben Bardet haben auch Thibaut Pinot und Bergkönig Warren Barguil das Potenzial, Bernard Hinault als letzten einheimischen Tour-Sieger abzulösen. Machen sie den nächsten Schritt – etwas Besseres könnte dem Rennen nicht passieren. Selten war die Tour populärer als in den Jahren mit innerfranzösischen Rivalitäten, als sich das Land in zwei Lager teilte, bei Anquetil gegen Poulidor oder Hinault gegen Fignon.

Für ein solches Szenario kommt 2018 aber zu früh. Stattdessen wird dieses noch einmal lauten: alle gegen Chris Froome. Auf dass die Herausforderer dann auch selber an ihre Chance glauben.

Erstellt: 23.07.2017, 19:31 Uhr

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