Heute wäre selbst der Weltmeistertitel kein Zufall

Der Berner Mountainbiker Mathias Flückiger feiert 2019 im Weltcup so viele Erfolge wie zuvor während zehn Jahren. Der grosse WM-Coup ist am Samstag ein realistisches Ziel.

Seit Mathias Flückiger nicht mehr an den Sieg denkt, fährt er konstanter. Foto: Lynn Sigel (EGO-Promotion)

Seit Mathias Flückiger nicht mehr an den Sieg denkt, fährt er konstanter. Foto: Lynn Sigel (EGO-Promotion)

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Zehn Jahre sind eine lange Zeit. Zehn Jahre lang galt Mathias Flückiger als der Nächste. Zehn Jahre lang hiess es vom Berner, sein erster Weltcupsieg stehe unmittelbar bevor. Zehn Jahre lang wurde nichts daraus. Bis zu diesem Sonntag im August 2018, als in Mont-Sainte-Anne erstmals alles zusammenpasste: Flückiger tanzte geradezu auf dem schwersten Parcours des Weltcups, obwohl der Regen diesen noch schwieriger gemacht hatte. Niemand konnte an diesem Tag mit ihm mithalten. Das Material spielte mit, und auch Flückiger selber hinderte sich nicht daran, endlich dieses seit zehn Jahren im Raum stehende Versprechen wahr zu machen: Er feierte seinen ersten Weltcupsieg.

Im vorangegangenen Jahrzehnt war stets etwas dazwischengekommen. Sehr oft der Athlet sich selber. Flückiger ist ein Tüftler und Grübler. Als gelernter Landmaschinenmechaniker versteht er das Mountainbike mit all seinen Funktionen bis ins kleinste Detail. In seiner freien Zeit überlegte er sich oft, wie dieses oder jenes Teil an seinem Bike noch optimiert werden könnte. Damit es noch besser funktionierte. Oder leichter wäre als jenes der Konkurrenz.

Seine ausgeklügelten Konstruktionen waren den Serienprodukten meist überlegen. Nur: Regelmässig funktionierten die Einzelanfertigungen ausgerechnet im entscheidenden Moment nicht oder gingen kaputt – wieder war ein Rennen futsch.

Und wenn es nicht ein Teilchen am Velo war, bremste sich Flückiger selber aus. Einmal startete er ohne Bidon zu einem WM-Rennen, um in der Startphase das zusätzliche Gewicht nicht mittransportieren zu müssen. Doch dann verpasste er die Flaschenübergabe. Der so erlittene Flüssigkeitsverlust brachte ihn um ein Topresultat. Ein anderes Mal wurde der hervorragende Techniker in einer Abfahrt übermütig: In Führung liegend riskierte er zu viel und landete zwischen den Bäumen –statt einen Sieg.

Das «Pech» mit Schurter

Flückiger ist nicht allein mit seinem Schicksal. Im Mountainbikesport gibt es seit je Ausnahmekönner, die das Geschehen dominieren, die den Herausforderern nur sehr wenig zugestehen. Flückigers «Pech» war es, dass seine Karriere mit jener von Nino Schurter zusammentraf, dem zwei Jahre älteren Bündner, der ihren Sport seit gut zehn Jahren dominiert.

Schurter ist immer noch da, unverändert stark. Umso erstaunlicher ist es, was der eine Weltcupsieg bei Flückiger ausgelöst hat. Ende letzter Saison lautete die Bilanz aus Flückigers Weltcupkarriere: 1 Sieg, 4 Podestplätze. In der Saison 2019 lautet sie: 1 Sieg, 4 Podestplätze.

«Nino war innerlich unerreichbar für mich. Wenn es drauf ankam, wandte sich das Schicksal stets gegen mich.»

Der 30-Jährige war in diesem Jahr so erfolgreich wie zuvor in einem ganzen Jahrzehnt. «Etwas theoretisch zu wissen, reicht Math nicht. In seinem Leben braucht er immer den Beweis», sagt Ralph Näf, einst Konkurrent und nun Flückigers Teamchef. Näf erlebt seinen Fahrer nicht mehr als Suchenden, der bei jedem Weltcup mit aller Kraft den Sieg erzwingen will. «Nun ist für ihn klar: Er kann grosse Rennen gewinnen.» Flückiger selber formuliert es so: «Ich denke nicht mehr an den Sieg, sondern versuche einfach, meinen Job so perfekt wie möglich zu machen. Dadurch bin ich viel konstanter geworden.»

Konstanz heisst dann eben fünf Top-3-Ergebnisse in sechs Weltcuprennen. Und für die WM besonders pikant: zweimal vor Schurter klassiert. Der Titelverteidiger mag auch dieses Mal als Favorit ins Rennen gehen. Aber Flückiger glaubt mittlerweile nicht nur an seine Chance, er ist sich dieser auch bewusst. «Ich träumte schon früher vor Weltmeisterschaften von einer Medaille – oder gar vom Titel. Rückblickend muss ich sagen: Das wäre ein Riesenzufall gewesen, eine Sensation. Nun bin ich in einer Situation, wo das nicht mehr so ist.» Einmal kam es zur Sensation: 2012 fuhr er aus dem Nichts zu WM-Bronze, hinter Schurter und Bruder Lukas.

Mountainbiker Mathias Flückiger träumt vom WM-Titel. Foto: Armin M. Küstenbrück (EGO-Promotion)

Anfang Saison war es, als Flückiger erstmals spürte, dass er Schurter nun beikommen könnte. Beim Vorbereitungsrennen in Grenchen setzte sich im Endspurt zwar Schurter durch. Doch unterwegs hatte Flückiger einen Erleuchtungsmoment. Schurter attackierte, wie er das immer tut – doch Flückiger konnte dranbleiben. Wenig später griff er an und kam weg – Flückiger war so baff darüber, dass Schurter wieder aufschliessen und das Rennen letztlich doch gewinnen konnte. Den ersten Weltcup gewann dann aber Flückiger, und beim vorletzten in Val di Sole, wo die Strecke jener der WM ähnelt, vermochte er Schurter ebenfalls zu distanzieren. «Lange war er innerlich unerreichbar für mich. Wenn es darauf ankam, wandte sich das Schicksal stets gegen mich. Nun ist Nino für mich schlagbar, es ist möglich.» Er fügt aber sogleich an, auch angesichts der Duelle im Weltcup 2019, wo es 4:2 für Schurter steht: «Das heisst nicht, dass ich ihn sowieso schlage. Niemand ist so schwer zu besiegen wie er.»

Strecke bringt alle ans Limit

Dass hier nur von Flückiger und Schurter die Rede ist, hat einen einfachen Grund: Von den 18 Weltcuppodestplätzen gingen 2019 je fünf an Flückiger und Schurter –und vier weitere an Mathieu van der Poel. Doch das Multitalent aus den Niederlanden verzichtet zugunsten der Strassen-WM auf eine Teilnahme, weshalb alles ausser ein Duell der beiden Swiss-Cycling-Fahrer um Gold am Samstagabend (20.35 Uhr, SRF 2) überraschen würde.

Für Flückiger ist es auch eine Gelegenheit, den letzten Makel auszumerzen, den es bei seinem ersten Weltcupsieg gab: Zum Duell mit Schurter kam es damals nicht, der Dominator war mit einem Kettenriss aus der Entscheidung gefallen. Wobei auch das in Mont-Sainte-Anne dazugehört. «Es ist eine extrem geile Strecke, sie bringt Material und Fahrer ans Limit», sagt Teamchef Näf, der sich auf das WM-Rennen freut: «Vor einem Jahr hatte Math hier einen Supertag. Aber im Vergleich zur Form, die er heute hat: Da liegen Welten dazwischen.»

Erstellt: 30.08.2019, 23:03 Uhr

Neffs schwierige Beziehung zum Tag X

Die Konstante unter den Bikerinnen hat einen Namen: Jolanda Neff. Seit sie 2014 frühzeitig von der U-23 in die Elitekategorie wechselte, gewann sie jedes Jahr den Gesamtweltcup. Nummer 6 in dieser Serie ist praktisch nur noch Formsache. Doch so gut die Rheintalerin darin ist, ihre Form über die ganze Saison auf hohem Niveau zu halten, so schwer tut sie sich, am Tag X noch das halbe Prozent drauflegen zu können. Nur 2017 schaffte sie es bislang, im wichtigsten Rennen der Saison ihre Bestleistung abzurufen und den WM-Titel zu gewinnen. An den Weltmeisterschaften und bei Olympia hingegen kämpfte sie stets unglücklich.

Um am Samtag (18.05 Uhr/SRF 2) zu reüssieren, schaltete sie im Juli erstmals ein Höhentrainingslager im Engadin ein, von dem sie sich einen Extraschub erhofft. Dass ihr Titelkämpfe durchaus liegen, zeigt sie jeweils an den (schwächer besetzten) Europameisterschaften: Jenen Titel gewann sie heuer zum vierten Mal. (ebi)

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