«Ich fahre lieber Rennen»

Mathieu van der Poel hat mit 24 ein Palmarès, für das andere drei Profileben bräuchten. Dem grössten Radtalent der Gegenwart fehlt nur eines noch: ein Sieg gegen Nino Schurter.

Phänomen auf zwei Rädern: Van der Poel siegt auf dem Renn-, dem Quervelo und dem Mountainbike. Fotos: Getty

Phänomen auf zwei Rädern: Van der Poel siegt auf dem Renn-, dem Quervelo und dem Mountainbike. Fotos: Getty

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Schlecht schaut er aus auf der ersten Runde. Doch dann beginnen seine Beine zu drehen. Platz um Platz macht Mathieu van der Poel am Weltcup-Auftakt gut, vergangenen Sonntag in Albstadt. Am Schluss wird er Zweiter, besser war er im Weltcup noch nie. Die Freude darüber hält sich aber in Grenzen.

Bestreitet der Holländer ein Radrennen, ist er nur mit einer Platzierung zufrieden: Rang 1. Kein Wunder: Auf dem Quer- und dem Rennvelo ist er Seriensieger. Seine Frühjahrsklassiker-Kampagne beendete er mit einem eigentlich unmöglichen Sieg: Er gewann das Amstel Gold Race im Sprint, nachdem er über mehrere Kilometer eine ganze Verfolgergruppe wieder zurück an die Spitze geführt hatte.

Am Sonntag hat er in Nove Mesto die zweite Chance der Saison, einen Bike-Weltcup zu gewinnen. Auf einer Strecke, die ihm noch ein bisschen besser liegt. Sollte es auch in Tschechien nicht klappen, schaut der 24-Jährige nach vorne. Er fährt Bikerennen, weil er nächstes Jahr in Tokio Olympiasieger werden will. Nicht mehr und nicht weniger.

Was ist Ihnen wichtiger auf dem Velo: Spass haben oder gewinnen?
Ha. Das eine kommt meistens mit dem anderen: Wenn ich Spass habe, gelingt mir meist auch eine gute Leistung. Für mich ist Spass ein zentraler Faktor für grosse Sportleistungen. Da sind auch meine Disziplinenwechsel ein Vorteil: Mir verleidet nie eine. Das hält mich mental frisch.

Wer ist Ihr härtester Konkurrent, über alle drei Disziplinen gesehen?
Nino Schurter, weil es für mich am härtesten ist, ihn zu schlagen. Aber ich sage damit nicht, er sei der beste Fahrer, gegen den ich schon gefahren sei. Julian Alaphilippe war auch sehr eindrücklich, auch wenn ich ihn diesen Frühling besiegen konnte.

Was trennt Sie fahrerisch noch von Schurter?
Die Erfahrung. Aber in Tokio wird er diesbezüglich keinen Vorteil haben, da er die Strecke nicht besser kennt als ich. Wir werden mit gleich langen Waffen antreten.

Was zieht Sie an am Mountainbike-Sport?
Die Landschaften, in denen die Rennen stattfinden. Mit einem Renn- oder Quervelo kommst du da oft nicht hin. Und es ist technisch eine grosse Herausforderung, besonders die Abfahrten.

«Die Bikerennen an sich geniesse ich nicht wirklich, dafür sind sie schlicht zu hart.»

Sie mögen das Spielerische.
Ja, abwärts mag ich lieber als aufwärts. (lacht) So geht es wohl vielen Fahrern. Die Rennen an sich geniesse ich nicht wirklich, dafür sind sie schlicht zu hart. Ich liebe vor allem das Training auf dem Mountainbike und die Orte, an die dich dieses hinführt.

Die mediale und öffentliche Aufmerksamkeit ist im Mountainbike viel kleiner als im Strassenradsport. Ist das auch etwas, was Sie daran mögen?
Ja, diese Ruhe. Es ist immer noch ein kleine Welt. In den vergangenen Jahren wollte hier niemand etwas von mir, pro Tag vielleicht fünfmal für ein Foto anhalten, das wars. Auf der Strasse und im Radquer hört es nie auf.

Müssen Sie sich für Bikerennen anders vorbereiten?
Eigentlich schon. Aber ich hatte diese Saison nicht wirklich Zeit dazu. Erst musste ich mich von den Frühjahrsklassikern erholen, danach blieb nur mehr ­wenig Zeit, um mich auf den Weltcupstart vorzubereiten. Aber in ­Zukunft werde ich mir dafür mehr Zeit nehmen.

Wie unterscheidet sich das Training zum Quer?
Es ist härter, weil die Belastungen länger sind als im Quer. Dort geht es darum, aus jeder Kurve raus zu beschleunigen. Hier gibt es längere Steigungen und Abfahrten, in denen du dich auch nicht wirklich erholen kannst, gefolgt von der nächsten Steigung. Das bin ich noch nicht gewohnt – und das macht es auch hart für mich.

Gibt es in Holland überhaupt technisch anspruchsvolles Gelände, wo Sie Ihre Biketechnik verbessern können?
Bei mir in der Umgebung nicht. Wenn ich mit dem Bike trainiere, reise ich meist in die Normandie, wo es wirklich schöne Trails gibt.

Ist Mountainbike Ihre ­Lieblings-Raddisziplin?
Im Training ja. Bei den Rennen fahre ich Quer immer noch am liebsten, da bin wohl auch am besten. Ich kann da in den Rennen wirklich mein Ding durchziehen.

Und die Strasse ist irgendwo dazwischen?
Es ist eine Kombination von den beiden anderen Disziplinen. Wobei: Wenn man sich ein Quervelo anschaut, ist es schon näher am Rennvelo als das Mountainbike.

Trotzdem sind alle drei recht spezifisch. Behalten Sie beim Wechsel zwischen den drei Velos gewisse Gewohnheiten bei – im Gegensatz zu einem Spezialisten?
Ich versuche, auf dem Bike eine Sitzposition zu finden, die jener auf dem Quer- und dem Rennvelo ähnelt. Das tun Biker nicht. Die anderen beiden Velos fahre ich schon mein ganzes Leben. Da fühlt sich die klassische Mountainbike-Position komisch an.

Wenn Sie Ihr Potenzial mit Ihrem Istzustand vergleichen, wo stehen Sie in den drei Disziplinen?
Im Quer und auf der Strasse bin ich nahe bei 100 Prozent. Auf dem Bike um die 80 Prozent.

Ist diese Tatsache auch eine Hauptmotivation, warum Sie aufs Bike setzen?
Genau. Und wie ich schon oft gesagt habe: Ich möchte an den Spielen 2020 die 100 Prozent erreichen. Wir hatten immer dieses Langzeitziel. Ich glaube immer noch, dass es möglich ist.

Sie wollen dafür noch Gewicht verlieren.
Es ist nicht so, dass ich dick wäre. Aber ich wiege noch ein bisschen zu viel, um den Besten auf dem Bike bergauf folgen zu können – derzeit 76 Kilogramm. Eines meiner bislang besten Bikerennen war die WM letztes Jahr auf der Lenzerheide, wo ich Dritter wurde. Da wog ich 74 Kilo. Das war schon eine grosse Differenz, man spürt den Unterschied sofort.

Zudem spielt der Faktor Glück auf dem Bike eine kleinere Rolle als etwa auf der Strasse.
Das ist auch einer der Gründe, warum ich in Tokio auf dem Bike antrete. Wenn du eine Medaille willst, hast du da die beste Chance. Diesbezüglich ist es im Mountainbiken ein wenig wie im Radquer: Wenn du fit bist und einen starken Tag hast, stehen die Chancen sehr gut, dass du es aufs Podium schaffen wirst. Im Strassenrennen gehört auch dann noch Glück dazu, damit du nicht die entscheidende Gruppe verpasst.

«Solange ich die drei Disziplinen kombinieren kann, werde ich das tun.»

Sie bestritten im Herbst und Winter die Radquersaison. Direkt danach wechselten Sie auf die Strasse. Und nun die Bikesaison. Besteht da nicht die Gefahr, dass Ihnen mal die Energie ausgeht?
Vielleicht ist das ein Nachteil. Aber ich habe nun mal nicht nur ein Ziel, sondern verschiedene in verschiedenen Disziplinen. Ich muss mich einfach auf die grossen konzentrieren, dann passt das. Und im Moment fühle ich mich nicht müde.

Wie teilen Sie Ihre Energie ein?
Wenn meine Konkurrenten keine Rennen bestreiten, trainieren die meisten sehr hart. Ich fahre lieber Rennen, als dass ich trainiere. Auch darum bestreite ich so viele, statt einen Trainingsblock einzuschalten.

Die Reaktionen auf Ihren Sieg am Amstel Gold Race, dem wichtigsten Rennen Hollands, waren enorm. Spielten Sie nicht mit dem Gedanken, fix auf die Strasse zu wechseln?
Nein, jetzt noch nicht. Vielleicht aber irgendwann in der Zukunft. Für den Moment geniesse ich es zu sehr, in drei Disziplinen anzutreten. Ich sagte bereits letztes Jahr: Solange ich alles kombinieren kann, werde ich das tun. Wenn ich dann mal eine Grand Tour bestreiten möchte, werde ich vielleicht mit dem Mountainbike aufhören müssen.

Dann ist das eines Ihrer künftigen Ziele?
Ich denke schon.

Und wann?
Keine Ahnung. Als sie mich fragten, ob ich die Frühjahrsklassiker bestreiten wollte, sagte ich auch, «irgendwann in naher Zukunft» – nun habe ich mit dem Amstel bereits einen gewonnen. Von dem her: Vielleicht ist es schon in der Saison nach Tokio so weit.

Ein Phänomen wie Sie wirft rasch Fragen auf, ob das überhaupt sauber möglich sei. Wie gehen Sie damit um?
Es ist möglich. Es wird immer Betrüger geben. Auch im normalen Leben gibt es welche, nicht nur in unserem Sport. Wir können nur hoffen, dass sie jene Strafen erhalten, die sie verdienen.

Erstellt: 24.05.2019, 10:58 Uhr

Dominator mit Luxusproblem

Im Winter startete Mathieu van der Poel 33-mal an einem Radquer-Rennen. 31-mal gewann er. Auf der Strasse war er im Frühling ebenfalls sehr erfolgreich: Er gewann an 6 von 15 Renntagen. Das stellt ihn vor ein Luxusproblem: Welche WM soll er bestreiten – die der Biker oder die auf der Strasse? Beide finden im September statt. Zu den Favoriten gehört er so oder so; seinen Entscheid gibt er nächste Woche bekannt. (ebi)

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