«Ich will völlig kaputt ins Bett»

Silvan Dillier (27) erlebte nach Rang 2 bei Paris–Roubaix keine normale Woche. Der Effort wirkt noch nach –physisch, aber auch emotionell.

Zwei Hände mit neun Blasen: Die schmerzhafteren Andenken an Silvan Dilliers Ritt in Roubaix. Foto: Manuel Geisser

Zwei Hände mit neun Blasen: Die schmerzhafteren Andenken an Silvan Dilliers Ritt in Roubaix. Foto: Manuel Geisser

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Wie schwer fiel es Ihnen, sich nach dem Coup in Roubaix auf Ihr ­eigentliches Frühjahrsziel zu ­konzentrieren, das Amstel Gold Race?
Sehr schwer. Es ging darum, mich möglichst gut zu erholen, Medientermine wahrzunehmen. Aber nach meiner Reise nach Belgien am Donnerstagabend habe ich dann vor Ort Zeit, mich mit dem Gold Race auseinanderzusetzen.

Wie geht es Ihnen körperlich nach der Pavé-Rüttelpartie?
Die Beine sind nicht das Schlimmste – mehr die übrige körperliche Müdigkeit. Das kannte ich so nach einem Velorennen nicht. Sonst sind die Beine müde oder nach einer Grand Tour der Kopf. Nun war ich einfach allgemein schlapp.

Sie tragen ausser im Winter nie Handschuhe: Haben Sie das für einmal bereut?
(lacht) Als ich Fotos von anderen Fahrern sah, die ihre Handschuhe auszogen und die Haut gleich mitkam… Da habe ich es nicht wirklich bereut.

Aber auch Ihre Hände wurden ziemlich malträtiert.
Ich habe grosse und kleinere Blasen, einige sind aufgeplatzt. Wenn ich alle zähle: eine, zwei, drei (…) acht – neun Blasen.

Wie fühlt sich der Kopf an nach dem Exploit?
Der ganze Rummel um dieses Resultat ist unglaublich – es war ja kein Sieg! Nach meinem Giro-Etappensieg letzte Saison dachte ich, viel extremer könnte es nicht werden. Aber: Es kam nun noch viel, viel mehr auf mich zu.

Was überraschte Sie am meisten?
Krass ist, was in den sozialen Medien ­abgeht. Nach dem Rennen schrieb ich einen Tweet: Normalerweise sehe ich nach 20 Minuten, dass ihn drei Leute geliked haben. Nun war es wie bei Federer: Ich konnte zuschauen, wie die Likes reinkamen, am Schluss waren es über 11'000. Das ist schon speziell.

«Im Carrefour de l’Arbre fingen irgendwann meine Ohren an zu pfeifen, weil die Zuschauer so laut waren.»

Im März brach bei einem Sturz Ihr Mittelfinger. Wie kommt es, dass Sie nun trotzdem so gut in Form sind?
Ich hatte Ende Januar auf Gran Canaria zwei Wochen richtig, richtig, richtig viel trainiert. Einmal in 7 Tagen 41 Stunden. Das meiste, was ich von anderen Profis gehört habe, sind 35 Stunden. Zum Vergleich: Normal sind es etwa 25 Stunden pro Woche. Danach war ich so fit wie noch nie. Der Fingerbruch war vielleicht gut, die Pause gab mir einen «Reboost». Die Form kam schnell wieder. Aber power­mässig bin ich noch nicht auf dem Niveau von damals. Doch das sind alles nur Zahlen und Nummern. Ebenso zählt, wie frisch der Kopf ist, wie bereit du bist, deine Schmerzgrenze zu überschreiten.

Am Dienstag schauten Sie sich das Rennen noch einmal im TV an. Machen Sie das oft?
Spezielle Rennen schon. Manchmal zusammen mit meinen Eltern – sie interessiert, was ich in gewissen Situationen dachte. Etwa als auf dem Pavé kurz mein Hinterrad ausbrach. Oder wie sich die Spitzengruppe formierte. Oder im Carrefour de l’Arbre: Irgendwann fingen meine Ohren an zu pfeifen, weil die Zuschauer so laut waren.

Was ruft das für Emotionen hervor?
Der Moment selber, als ich das Rennen fuhr, war so intensiv, dass ich es zu Hause viel lockerer erleben konnte. Es kamen also nicht gerade die Tränen. Aber klar: Das sind schöne Bilder, schöne Momente. Es erinnert dich: Für so ein Resultat musst du kämpfen. Wie meine Hände schmerzten. Auch meine Handgelenke schmerzen jetzt noch, zweimal haute es mir dermassen eins rein, dass ich dachte, eines sei gebrochen.

Hatten Sie neue Erkenntnisse beim Zuschauen?
Die Szene mit dem Hinterrad: Es fühlte sich an, als sei ich einen Meter in der Luft. Trotzdem fühlte ich mich in jenem Moment relativ sicher. Ich war so fokussiert, wollte am Hinterrad von Sagan (dem späteren Sieger) bleiben. Die Leute vor dem Fernseher hatten wohl mehr Angst als ich auf dem Velo. Zudem: das Gefühl bevor es aufs Pavé geht. Noch ein bisschen schneller, und wir wären gesprintet. Du rast darüber, das ist ein megageiles Gefühl. Du bewegst dich wirklich vorwärts, trotz allen Erschütterungen, nichts kann dich zurückhalten.

Fanden Sie auch Fehler?
Nichts, das ich anders gemacht hätte. Ich überlegte mir, was ich hätte anders machen müssen, um zu gewinnen. Aber ich verlor gegen den dreifachen Weltmeister. Ich hätte hoffen können, dass er einen Krampf oder einen Platten hat. Aber das will man ja auch nicht.

Am Sonntag sprachen Sie von der Schwierigkeit, sich immer wieder zu überwinden, bis in den Schmerz­bereich zu gehen. Warum fügt man sich so viele Schmerzen zu?
Den Schmerz bräuchte ich nicht, ich bin nicht sadistisch veranlagt oder so. Es geht darum, etwas zu leisten, an seine Grenzen gehen, sogar ein bisschen darüber – und sich im Nachhinein darüber zu freuen. Ich will abends völlig kaputt ins Bett gehen, weil ich mit meinem Körper etwas Ausserordentliches geleistet habe. Darum bin ich im Training nach einem Ruhetag zutiefst unzufrieden.

«Du rast übers Pavé, das ist ein megageiles Gefühl. Trotz allen Erschütterungen, nichts kann dich zurückhalten.»

Auf diese Saison wechselten Sie nach 4 Jahren bei BMC zum französischen Team AG2R. Was sind die grössten Unterschiede zu den Amerikanern?
AG2R ist sehr familiär. Bei BMC war es mehr Business. Im Sinne von: «Wir treten an, um Erfolg zu haben.» Bei AG2R soll man gute Leistungen zeigen. Aber es soll doch auch noch Wichtigeres im Leben geben als den Erfolg. Ein Beispiel: Die Frau eines Teamkollegen ist schwanger, es stand der 3-Monats-Untersuch an. Dafür reiste er aus dem Trainings­lager extra heim. So etwas hatte ich bei BMC nie gesehen.

Hilft Ihnen diese Atmosphäre?
Ich bin am besten, wenn ich relaxt antreten kann. Da ist diese Mentalität besser als die viel leistungsorientiertere bei BMC. Da hiess es: «Jungs, wir sind hier, um das Rennen zu gewinnen.» Bei AG2R: «Ziel sind die Top 5.» Erreichen wir das, ist alles super – als hättest du das Rennen gewonnen.

Welche Kompromisse mussten Sie eingehen, um jener Fahrer zu ­werden, der Sie jetzt sind?
Das Gewichtsthema ist omnipräsent im Radsport. Doch irgendwann sagte ich mir: Ich kann bessere Resultate einfahren, wenn ich mehr Power habe, als wenn ich versuche, Muskeln abzubauen, daheim zu hungern, nur um etwas besser bergauf zu kommen. Also begann ich, ­seriös im Kraftraum zu trainieren, habe nun mehr Power auf der Fläche. Da hatte ich zuvor die falsche Einstellung. Du hast nur eine gewisse Zahl Profijahre. Und je länger du herumtüftelst, desto mehr deiner guten Jahre verpasst du.

Warum dauerte es bei Ihnen länger bis zum Durchbruch?
Ich bin kein Spezialist: kein Zeitfahrer, kein Bergfahrer, kein Sprinter. Ich kann alles einigermassen gut, bin aber nirgendwo absolut top. Entsprechend schwierig war es, herauszufinden, wo ich mich entwickeln kann. Jetzt bin ich dort angelangt, wo ich hingehöre.

Erstellt: 13.04.2018, 10:54 Uhr

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