Im Drive-in der Rennfahrer

Während einer Etappe wird es in der Regel zweimal hektisch: bei Attacken und zu Rennhälfte, wenn die Verpflegung ansteht.

Bei Streckenhälfte fährt das Peloton durch die Verpflegungszone. Die Helfer halten den Fahrern die Stofftaschen hin, genannt Musettes. (Foto: Urs Jaudas)

Bei Streckenhälfte fährt das Peloton durch die Verpflegungszone. Die Helfer halten den Fahrern die Stofftaschen hin, genannt Musettes. (Foto: Urs Jaudas)

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Was zieht nur all diese Zuschauer an? Eine leicht ansteigende, schnurgerade Landstrasse. Links und rechts Wiesen, weiter vorne ein Parkplatz, wenig Gründe, um hier haltzumachen.

Wären da nicht diese gelben Schilder, die ein paar 100 Meter weiter unten den Beginn der Verpflegungszone der Tour de Suisse signalisieren. Ein gekreuztes Besteck ist das international verständliche Symbol, schiesst aber etwas übers Ziel hinaus. Denn Messer und Gabel sind für den Rennfahrerlunch nicht nötig, für solche Extravaganzen ist bei einem Tempo von meist über 40 km/h keine Zeit.

Als Extra eine Dose Cola

Die Zwischenverpflegung ist arm an Überraschungen, wie die Auslegeordnung beim Team Dimension Data zeigt: Da gibt es zwei Sportriegel, zwei Kohlenhydratgels, einer davon mit Koffein, zwei in Silberpapier eingewickelte Reisküchlein, zwei Bidons (1 Wasser, 1 Sportgetränk) sowie eine kleine Dose Cola. Kurz zusammengefasst: ganz viele Kohlenhydrate, ganz viel Zucker, schnell und einfach zu konsumieren. Das erinnert stark ans Angebot im Fast-Food-Lokal. Und ist nicht die einzige Parallele: Die Fahrer geniessen im Rennen wie im Schnellimbiss ihren persönlichen Drive-in. Oder präziser: ihren Drive-through.

Zumindest die kleinen silbernen Päckchen haben etwas Liebevolles, wurden sie doch in Handarbeit von den Teamhelfern verpackt, im Jargon Soigneure genannt. Entweder sind es Reisküchlein, gesüsst mit Honig oder braunem Zucker und aromatisiert mit Zimt, Beeren, Erdnussbutter oder was den Helfern sonst gerade in den Sinn kommt. Manchmal packen sie auch kleine Schinkenbrötchen ein oder ein Stückchen Kuchen.

Genug zu essen für mehrere Stunden: Der Inhalt einer Musette. (Foto: Urs Jaudas)

All die süssen Ess- und Trinkwaren stecken sie in eine Musette, auf Deutsch Brotsack, einen Stoffbeutel mit Schulterschlaufe, bedruckt in den Farben des Teams.

Als Felix Fariña, Soigneur bei Dimension Data, seine Musettes fertig zusammengestellt hat, stellt er sie in eine riesige Kühlbox. Diese füllt den Grossteil des Teamauto-Kofferraums und ist zur Hälfte mit Eis gefüllt – kühle Getränke sind ein Muss.

Eissocke gegen die Hitze

An einem Rennen wie der Tour de Suisse, wo fast jedes Dorf eine Tankstelle mit Shop hat, ist Eis kein rares Gut. Aber wenn es am nötigsten ist, sprich in der Julihitze der Tour de France, müssen die Helfer in strukturschwachen Regionen manchmal weite Wege gehen, damit die Getränke ihrer Athleten kühl sind.

Wenn die Sonne niederbrennt, brauchen sie das Eis nicht nur für die Getränke. Dann kommt zu den Esswaren und Getränken auch noch eine Eissocke in die Musette: Dafür füllen sie einige Würfel in einen dünnen Damenstrumpf und verknüpfen diesen. Die Fahrer stecken sich den Strumpf dann in den Nacken, wo das Eis langsam vor sich hinschmilzt.

Wenn sie denn die Musette erwischen. Das allein ist eine kleine Kunst respektive die Zusammenarbeit zwischen Fahrer und Helfer. Letztere ziehen sich, um besser erkannt zu werden, eine Teamweste an. Ausser jenen von Ineos. Sie tragen neongrüne Westen und halten neongrüne Musettes in die Höhe, weil Neon auch im Teamfarbenchaos noch heraussticht.

Was gibt es heute? Valerio Agnoli wühlt in seiner Musette. (Foto: Keystone)

Die Übergabe ist ein heikler Moment: Kriegt der Fahrer die Tasche nicht richtig zu fassen, besteht die Gefahr, dass sie zu Boden fällt und dort für Sturzgefahr sorgt. «Das passiert aber selten. Ich sehe das höchstens einmal im Jahr», sagt Soigneur Fariña. Eines der bekanntesten Sturzopfer war Fabian Cancellara an der Flandernrundfahrt 2012. Der Berner Topfavorit fuhr über einen auf der Strasse rollenden Bidon, stürzte und zog sich dabei einen Schlüsselbeinbruch zu.

Aber die Stürze sind die Ausnahme, in der Regel bleibt es bei heiklen Momenten. «Vielen jüngeren Fahrer fehlen die Automatismen, die in der Verpflegungszone nötig sind», sagt Routinier Michael Schär. Da würden Gels und Riegel achtlos weggeworfen. «Nach mir die Sintflut», so Schär. Besonders die Musettes können wegen des langen Schulterbändels heikel sein, wenn sie in die Speichen geraten. Darum wickeln die Fahrer diesen auf und werfen die Taschen dann an den Strassenrand.

Womit wir wieder bei den vielen Zuschauern wären. Sie sind Souvenirjäger. Die Verpflegungszone kommt für sie dem Paradies nahe. Sobald sich die Fahrer nämlich ihre Musette umgehängt haben, beginnen sie damit, auszusortieren: Alles, was sie nicht brauchen, schmeissen sie weg. Und das ist einiges: Die Esswaren einer Tasche würden locker für vier, fünf Stunden Fahrt reichen. Doch so lange dauert meist die ganze Etappe. «Der Inhalt reicht für zwei, oft teilen wir ihn uns deshalb. Auch mal mit einem Fahrer einer anderen Mannschaft», so Schär.

Küng verpflegt sich selber

Noch mehr freuen sich Fans über leere Bidons, die die Fahrer hier ebenfalls wegwerfen – und wenig später auch die Musettes, welche die Zuschauer dann prall gefüllt mit den aufgesammelten Souvenirs heimtragen.

Letztes Jahr an der Tour konnte Stefan Küng einmal einen Sturz nur mit einem Bocksprung über den Lenker vermeiden, nachdem er einen unaufmerksamen Soigneur touchiert hatte. Wenn nicht gerade eine Bergetappe ansteht und jedes Gramm zählt, steckt er sich deshalb lieber vor dem Start genügend Gels in die Trikottasche und ist so unabhängig von der Verpflegung von aussen. Hektisch sind ihm die Rennen auch so noch genug.

Erstellt: 20.06.2019, 23:40 Uhr

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