Jolanda Neff darf weiter machen, was sie will

Die Mountainbikerin ist erstmals in einem grossen Team untergekommen. Dieses erfüllt ihr viele Wünsche. Und drückt auch mal ein Auge zu.

Jolanda Neff startet erstmals in einem grossen Team in die Weltcupsaison. (Bild: Daniel Ammann)

Jolanda Neff startet erstmals in einem grossen Team in die Weltcupsaison. (Bild: Daniel Ammann)

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Im riesigen Aufenthaltsraum des Team Trek könnte man Jolanda Neff fast übersehen. Fast, denn obwohl sie da unscheinbar am Tisch sitzt und eine grosse Portion Grünzeug in sich hineinschaufelt, ist sie doch das Zentrum der Aufmerksamkeit in dieser riesigen Teambox unweit der Rennstrecke. Wenig später steht sie auf und setzt sich wieder auf ihr Bike, um die Beine noch etwas zu bewegen nach dem Effort des Freitagabends. Am Short Race, dem Prolog vor dem Weltcup vom Sonntag, wurde sie Zweite.

Neff nimmt den temporären Raum ein – konstruiert aus einem grossen Zelt und Fahrzeugen –, als kenne sie nichts anderes. Das Gegenteil ist der Fall. Es ist das erste Mal, dass sie hier sitzt, die Annehmlichkeiten geniesst, die das Team Trek seinen Bikerinnen und Bikern am Weltcup bietet.

An die grosse Bikebühne mag sich die 26-Jährige gewöhnt haben, sie startet bereits in ihre sechste Saison in der Elite. Aber die Betreuung, die sie bei Trek erhält, ist eine neue Erfahrung. Neff wechselte auf diese Saison hin ins US-Team. Der Wechsel an sich ist für sie nichts Neues, Trek bereits das vierte Team ihrer Profikarriere. Doch die drei Equipen davor waren alle viel kleiner gewesen. Neffs neue Teambasis an den Weltcuprennen sagt da alles: Es ist die grösste aller Teams.

Von Beginn an Teamleaderin

Die Rheintalerin wechselte nicht als irgendeine Fahrerin zu Trek, sondern als neue Teamleaderin. «Sie wollten mich unbedingt, weshalb sie mir auch gewisse Freiheiten einräumten», sagt Neff. Konkret konnte sie ihre persönlichen Sponsoren behalten. Einer ist mit seinem Logo auf dem Bike präsent («das hat sonst niemand»), der andere auf der Stirnseite des Helms – normalerweise sind persönliche Sponsoren seitlich angebracht.

Doch das sind nur die Marketingdetails. Neff vermochte auch durchzusetzen, dass ihre Physiotherapeutin vom Team engagiert wurde. Dass weiterhin ihr Vater Markus ihr Training obsieht, war Grundvoraussetzung.

Bergab Fortschritte gemacht dank dem Freund

Am Teamtisch neben Neff sitzt Tracey Moseley, ihre neue Bezugsperson bei Trek. Für die ehemalige Downhill-Weltmeisterin wurde auf diese Saison hin eine neue Position geschaffen: Sie ist das Bindeglied zwischen Fahrerinnen und Management. Kein Team ist weiblicher geprägt als das Cross-Country von Trek: Es besteht aus vier Fahrerinnen und einem Fahrer.

Für den Wechsel zu Trek sprach aus Neffs Sicht auch, dass die Amerikaner in allen Raddisziplinen aktiv sind. Sie fuhr im Winter Radquer, dann einige Frühjahrsklassiker mit dem Strassenteam. Doch nun liegt ihr Fokus ganz auf dem Mountainbike.

Vor den Querrennen war sie dem Winter entflohen. Sie verbrachte Zeit im sommerlichen Neuseeland, der Heimat ihres Freundes, dem Downhillprofi Luca Shaw. Entsprechend übte sie sich auf gemeinsamen Ausfahrten bevorzugt im Bergabfahren – und staunte ob den Fortschritten, die sie da machte. «Ich fühle mich in den Abfahrten unglaublich sicher und schnell», sagt sie. Dazu muss man sagen, dass Neff bereits zuvor bergab eine der besten Cross-Country-Fahrerinnen war.

Typisch Neff war der Moment im Frühling, als sie mit Shaw in den USA weilte. Er für ein Downhill-Rennen, sie als Begleiterin. Spontan entschied sie sich ebenfalls zu starten, die nötige Schutzausrüstung musste sie sich ausleihen. Die Knieschoner waren beide links – und Grösse L/XL. Wenn Neff jeweils unten ankam, waren sie ihr zu den Knöcheln runtergerutscht. «Da waren auch noch zwei Weltcupfahrerinnen. Doch die eine brach sich im Training die Schulter, die andere die Hand», erzählt Neff. Worauf sie auf einen Start verzichtete? Nicht Jolanda Neff: Sie gewann das Rennen. Und berichtete im Nachhinein dann auch dem Team von ihrem Ausflug.

Nach anfänglichem Stirnrunzeln nahmen sie die Geschichte bei Trek mit Humor –und schickten ihr eine Downhill-Ausrüstung, damit sie beim nächsten Ausflug auch richtig gekleidet wäre.

Klare Ansage des Sponsors: Neff soll die beste Bikerin sein

Auch Athletenbetreuerin Moseley muss schmunzeln. «Weniger als eine Handvoll ihrer Konkurrentinnen hätten überhaupt die Fähigkeiten, so ein Downhillrennen zu bestreiten. Und noch weniger würden starten, weil sie an die Konsequenzen denken würden», sagt sie.

Was nicht heisst, Trek sei mit Neff zufrieden, solange diese nur Spass hat. «Wir wollen, dass sie die weltbeste Mountainbikerin ist», sagt Moseley. Dieses Jahr, und erst recht nächstes, wenn die Olympischen Spiele in Tokio anstehen und es um den einzigen Titel geht, der Neff noch fehlt.

Was Moseley bislang gesehen hat, stimmt sie für Neffs Zukunft sehr optimistisch. «Ich habe das Gefühl, da kommt noch so viel», sagt sie und erzählt von ihrem Erstaunen, wie unspezifisch Neff an die Sache herangehe: «Sie liebt einfach, Rad zu fahren. Das ist erfrischend und aufregend.» (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 18.05.2019, 22:25 Uhr

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