Materialschlacht für einen Tag

Für kein Radrennen wird so viel Aufwand betrieben wie für Paris–Roubaix. Fabian Cancellara gehörte in den vergangenen zehn Jahren zu den treibenden Kräften.

So sieht Cancellaras Rennmaschine aus. (Grafik: SonntagsZeitung).

So sieht Cancellaras Rennmaschine aus. (Grafik: SonntagsZeitung).

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Für die Abschiedsvorstellung von Fabian Cancellara hat sein Team Trek alle Kräfte mobilisiert. Am Montag wurde sein neues Rad präsentiert, die Weiterentwicklung des Pavévelos aus der Fabrik des US-Konzerns.

Ein völlig neues Fahrrad, eigens für Paris–Roubaix, das ist für den 35-Jährigen längst Gewohnheit. Kein anderes Rennen löste in den vergangenen Jahren mehr Innovationen aus als der Kopfsteinklassiker. Deutlich wird dies beim Direktvergleich von Cancellaras heutigem Rad mit jenem von 2006, auf dem er in Roubaix zum ersten Mal gewann. Damals fuhr er ein Cervélo P3. Während der Rahmen bereits damals einen etwas längeren Radstand und damit eine komfortablere Geometrie aufwies als die üblichen Rennvelos, waren vor allem die Laufräder von ganz anderer Machart. Damals galt es als unmöglich, mit Vollcarbonlaufrädern über das unebene Pavé zu brettern, Versuche waren reihenweise gescheitert, früher oder später zerbarsten alle Felgen.

Für Roubaix wechselte deshalb jeweils das ganze Peloton zurück auf handgespeichte Laufräder aus Aluminium. Diese waren zwar viel widerstandsfähiger, rollten aber bei weitem nicht so gut wie die Carbonfelgen. Was einen höheren Kraftverschleiss auf den ersten 100?Kilometern bedeutete, die durchgehend auf Asphalt zurückgelegt werden. «Genau das möchte man vermeiden. Je mehr Energie du in diesem Rennen sparst, umso besser. Darum ist es unser Ziel, die Fahrt so angenehm wie möglich zu machen», sagt Matt Shriver, der Technische Direktor im Team Trek-Segafredo. Mit dem iPad werden die Velos auf Motoren untersucht

Gewisse Teams experimentierten damals gar mit geplanten Velowechseln, bereiteten ein Rad für die Anfangsphase und eines fürs Pavé vor. Doch wann war der richtige Augenblick für den Wechsel? Wann das Risiko am kleinsten? Die Methode setzte sich nicht durch.

Derweil arbeiteten die Laufradhersteller weiter. 2010 war es so weit: Cancellara riskierte einen Start mit Carbonfelgen – und gewann zum zweiten Mal. Er konnte sich die viel steiferen Laufräder auch leisten, weil beim Rahmenbau Fortschritte gemacht worden waren. Der damalige Teamausrüster Specialized hatte das Modell Roubaix entwickelt, welches in der Gabel und den Sattelstreben Dämpfungselemente eingebaut hatte. Diese kompensierten die weniger nachgiebigen Laufräder, Cancellara gelang so die viel diskutierte Soloflucht über 50?Kilometer.

Es waren aber nicht die Laufräder, über welche im Nachgang dieses Coups ausführlich debattiert wurde, sondern Cancellaras Fahrrad als Ganzes. Es wurde gemutmasst, ob im Rahmen ein Motörchen versteckt gewesen sei, so gross war der Niveauunterschied vom Berner zur Konkurrenz. Videos zuhauf wurden analysiert, aber ein Beweis für den angeblichen Betrug war in diesen nicht zu finden.

Das Thema schlummerte danach für eine Weile vor sich hin, ehe es zuletzt wieder aktuell geworden ist. Vergangene Saison begann die UCI, bei den grossen Rennen ausgewählte Velos zu kontrollieren. Was die Teams anfänglich als Affront empfanden, gehört heute zum Protokoll. Auch an der Flandernrundfahrt wurde am Start eine Grosskontrolle durchgeführt. Mit einem iPad-Aufsatz werden die Trittlager der Fahrräder auf magnetische Felder untersucht, wie sie ein Motor aufweist. In Verdachtsfällen werden die Kurbeln abmontiert und das Tretlager mittels Kamera untersucht.

Dass die Motörchen existieren, ist unbestritten. Die Frage bleibt, ob je jemand so dreist war oder ist, sie in einem Rennen einzusetzen. Auf tieferer Stufe wurde die Frage Anfang Jahr beantwortet. An der Quer-WM Ende Januar wurde im Ersatzvelo der belgischen Nachwuchsfahrerin Femke Van den Driessche ein Motor entdeckt. Bislang blieb es bei dem einen Fall.

Stirnrunzeln verursachen manche Roubaix-Fahrräder aber auch so. Während das Modell eines Sieganwärters wie Cancellara dem Modell von der Stange relativ ähnlich sieht, deponieren andere Starter zur Erhöhung des Komforts allerhand Sonderwünsche bei den Teammechanikern. Zu sehen sind etwa zusätzliche Bremsgriffe am Rennvelolenker, damit das Bremsen auch möglich ist, wenn man den Lenker auf dem Pavé oben hält. Ein Cancellara braucht dies nicht: Auf dem Kopfsteinpflaster beschleunigt er höchstens.

Mehrere Lagen Griffband für eine bessere Dämpfung ist ebenfalls ein regelmässiger Wunsch. «Kinderzeugs», sagt Roger Theel, der seit 2006 die Fahrräder von Cancellaras Teams zusammenschraubt. «Der Lenker wird dadurch so dick, dass man die Hände nur mehr obendrauf legen, aber nicht richtig kontrollieren kann.» Entsprechend hat sein Teamleader auch hier keine Sonderwünsche.Zwar dauert die Pavé-Saison mit dem Höhepunkt Paris–Roubaix jeweils nur ein paar Wochen. Die Vorbereitungen auf diese beginnen aber jeweils schon viel früher.

Im Dezember testete Cancellara den Prototypen zum letzten Mal

Zu Cancellaras festem Saisonprogramm gehörten jeweils zum Jahresende hin die Reisen nach Belgien für Materialtests. Vergangenen Dezember zum letzten Mal – die Tests hatten um einen Monat verschoben werden müssen, weil er sich nach der abgebrochenen Saison zum gewohnten Termin im November noch nicht fit genug gefühlt hatte. In der Adventszeit testete Cancellara auf dem Roubaix-Pavé ein letztes Mal den Domane-SLR-Prototyp, gab die letzten Feedbacks, danach ging der Rahmen in Produktion. Mit der Neuerung, dass nach der Dämpfung des Hinterrads, welche schon 2013 eingeführt worden war, nun auch beim Vorderrad ein Dämpfelement den Fahrkomfort erhöht.

Cancellaras Rad gehört logischerweise zur Toplinie von Trek, Kostenpunkt 14'000 Euro. Generell sind die Rennvelos, wie sie auf dem Pavé gefahren werden, bei den Endkonsumenten sehr beliebt. Sie haben eine etwas gutmütigere Geometrie als die reinen Rennvelos, sind komfortabler und geben dem Hobbyfahrer so ein angenehmes Fahrgefühl. Die Profis umgekehrt greifen aus genau diesen Gründen nur für die Holperklassiker auf die Komfortmodelle zurück. Im Rennalltag erweisen sich diese als zu gemütlich im Vergleich zu den aerodynamisch optimierten Modellen. «Das Domane SLR ist schon eher die Harley unter den Fahrrädern», umschreibt es Theel.

Während die zweite Version nun für die Kunden erhältlich ist, schauen die Ingenieure bereits nach vorne. «Die Entwicklung läuft immer weiter, etwa alle drei Jahre ist ein Modell überholt», sagt der Technische Direktor des Trek-Teams, Matt Shriver. Auch deshalb ist der Fahrradhersteller froh, ein Team sein Eigen zu wissen: «So haben wir einen viel besseren Zugriff auf die Fahrer, was bei der Weiterentwicklung ein grosser Vorteil ist», sagt er. Und bald auch auf einen Ex-Fahrer: Fabian Cancellara bleibt Trek verbunden. Künftig werden für ihn zwar die vielen Rennen wegfallen. Aber kaum die alljährlichen Materialtests in Belgien und Roubaix.

Erstellt: 10.04.2016, 09:53 Uhr

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