Mit Sack und Pack nach Bern

Simon Zahner lebt für den Radquer-Sport. Zum neuen Weltcup in Bern reist er im Wohnmobil – mit viel Material und Personal.

Simon Zahner und sein Quermobil: Jedem Rad sein Platz, jedem Dress seine Ablage – und alles ist am Ende perfekt verstaut. Foto: Urs Jaudas

Simon Zahner und sein Quermobil: Jedem Rad sein Platz, jedem Dress seine Ablage – und alles ist am Ende perfekt verstaut. Foto: Urs Jaudas

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Die Woche beginnt bei Simon Zahner am Dienstag – mit dem ersten von drei Arbeitstagen. So nennt er die Trainingstage, die in der Woche des Radquerfahrers Platz haben. Freitag ist dann Packtag. Während der Quersaison geben die sonntäglichen Renneinsätze die Wochenstruktur vor. Im Veloraum im Keller seines Hauses verpackt der Querprofi sein ganzes Material und trägt es vor die Tür, wo der Camper abgestellt ist. Anstrengend ist die Arbeit nicht, dafür sind die drei Quervelos und fünf Taschen mit Radsätzen à je einem Vorder- und Hinterrad zu leicht.

Jetzt steht da ziemlich viel Geld vor der Haustür, 25'000 bis 30'000 Franken ist Zahners Rennmaterial wert. Die vielen Laufräder sind nötig, weil sie mit unterschiedlichem Profil bestückt sind – für jeden möglichen Untergrund, von schlammig bis trocken.

Was national Ausnahme ist,ist international Standard

Zahner braucht beim Packen keine Liste. Mit seinen 35 Jahren ist er der dienstälteste Schweizer Querprofi, er steht in seiner 14. Elitesaison. Zwei werden sicher noch dazukommen, so lange – und damit bis zur Heim-WM 2020 in Dübendorf – läuft sein Vertrag mit Hauptsponsor EKZ.

Dank dieser Verbindung kann sich Zahner heute ans Steuer seines Campers setzen. Vom Stromproduzenten wird er seit 2012 unterstützt, vor zwei Jahren unterschrieb er den ersten Mehrjahresvertrag seiner Karriere. Mit dieser Planungssicherheit – und weil die Familie Campingferien mag – kaufte er sich das Wohnmobil. In der Schweiz ist Zahner als einziger Elitefahrer damit komfortabel unterwegs. International dagegen, besonders in den grossen Radquernationen Belgien und Holland, sind Camper als Basis am Rennen Standard.

«Früher hattest du am Morgen im Hotel das letzte Mal richtig warm, danach musstest du es mit zwei Thermosflaschen warmem Tee durch den Tag schaffen», sagt Zahner. Die Schweizer Querfahrer trafen sich regelmässig nach dem Rennen vor den Duschen, die oft verschlossen waren, weil niemand daran gedacht hatte, dass ein paar wenige ohne Wohnmobil waren. Zahner vermisst die Zeit nicht: «Wenn dir dann bei der Heimfahrt aus Belgien auf Höhe Luxemburg der Dreck aus den Haaren ins Sandwich bröselt ...»

Mondän lebt Zahner trotzdem nicht. Im Gegenteil: Während die Benelux-Spitzenfahrer weiterhin im Hotel nächtigen, lebt Zahner am Rennwochenende tatsächlich im Camper, zusammen mit seiner Crew. Die besteht meist aus einem Mechaniker und einem bis zwei seiner vier Kinder. Der Älteste fährt auch schon Radquer, auf seiner Stufe erfolgreicher als der Papa bei den Profis. Das Campingleben ist einfach. Vor dem Rennen gibt es stets «Menü 1», Pasta mit Tomatensauce und Poulet – «was sich auf dem 3-Flammen-Rechaud gut zubereiten lässt».

In 14 Profijahrenerst der 3. Heimweltcup

Nun packt Zahner seine Velos in den Stauraum hinten im Bus. Darin hat er bereits alle Utensilien einer kompakten Werkstatt, dazu einen mobilen Hochdruckreiniger mit Benzinmotor, damit ­seine Helfer auch im Feld gut ausgerüstet sind. Es sind die einzigen Modifikationen am Wohnmobil, in dem sich auch Minustemperaturen gut aushalten lassen: «Wir froren jedenfalls noch nie.»

So könnte Zahner heute ganz nüchtern und entspannt nach Bern fahren – Samstag ist in seiner Woche meist Reisetag. Doch es kribbelt beim Zürcher Oberländer auch nach vielen Jahren Radquer noch. Das Rennen auf dem Gelände des Freibads Weyermannshaus ist erst sein dritter Heim-Weltcup. Das sagt eigentlich alles aus über die Schweizer Radquerszene, in der sich Zahner nun 14 Jahre als Profi durchgeschlagen hat – er ist damit mit Abstand der Dienstälteste. In seinem Debütwinter bei der Elite 2005/06 fuhr er einen Weltcup in Wetzikon, in der Saison darauf einen in Aigle – das wars.

Foto: Urs Jaudas

«Ein Weltcup ist ein anderes Paar Schuhe. Pro Saison gibt es sieben – und die WM. Diese Rennen sind zwei bis drei Nummern grösser als alle, die wir sonst fahren», sagt Zahner und zählt auf: die Medienpräsenz, die TV-Übertragung, die Zuschauer – und die Konkurrenz.

Immer wieder kam ihm während der Saisonvorbereitung das Berner Rennen in den Sinn. Auch weil damit eine gute sportliche Erinnerung verbunden ist. Bei der Hauptprobe vor einem Jahr war er auf Rang 2 gesprintet: «Der Parcours ist einer von etwa dreien diese Saison, die mir liegen», sagt Zahner, der sich selber als «der beste Kompromiss» bezeichnet. Sprich: Er ist ein Allrounder. Überall solide, nirgendwo herausragend. Auf den Wiesen rund um das grosse Schwimmbecken geht es stetig hinauf und hinab. Das Gelände bietet keine steile Rampen, Zahner ist froh darüber.

«Eine Stunde die Stimmung und Energie spüren»

Was diese Ausgangslage resultatmässig bedeuten könnte, kann und will er nicht an einer Zahl festmachen. Das liegt nicht daran, dass sein Saisonauftakt durchzogen war. Sondern an den besonderen Kräfteverhältnissen im Weltcup, wo die Benelux-Fahrer alles erdrücken. «Ich will eine Stunde lang diese Stimmung und Energie spüren», sagt er. Das soll nicht esoterisch klingen, dafür ist Zahner definitiv nicht der Typ. Aber wenn er das tut, ist er gut im Rennen. «Letzte Saison hatte ich nie so ein Supererlebnis, dass ich mir unterwegs sagte: ‹Geil, dass ich da mitfahre.›» Letztmals genoss er dieses Gefühl an der WM 2017, als er «wie im Rausch» auf Rang 9 fuhr.

Solche Glücksgefühle treiben Simon Zahner an. Er ist kein Siegfahrer, sondern derjenige, der stets solide ist. «Ich war noch nie Schweizer Meister. Aber wohl kein anderer hat so viele SM-­Medaillen daheim», sagt er.

Am Sonntagabend wird er mit Sack und Pack und Camper heimfahren. Montag ist Ruhe- und Reinigungstag. Dann beginnt die nächste Woche. Bern ist erst Nummer 4 von 18 Rennen.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 20.10.2018, 12:21 Uhr

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