Mit Vollgas durch den Berner Badi-Morast

Beim Radquer-Weltcup, der am Sonntag im Berner Freibad stattfindet, dürften die Belgier dominieren.

Staubig wie im vergangenen Jahr wird es dieses Mal in der Berner Badi Weyermannshaus kaum. Foto: Ulf Schiller (Freshfocus)

Staubig wie im vergangenen Jahr wird es dieses Mal in der Berner Badi Weyermannshaus kaum. Foto: Ulf Schiller (Freshfocus)

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Wer am Sonntag gewinnt, ist noch offen. Sicher ist hingegen, dass sich der Waschgang danach lohnen wird. Regen und Nässe und damit Schlamm und Morast sind angesagt für die zweite Austragung des Radquer-Weltcups im Berner Freibad.

Das passt, schliesslich bietet die Schweiz in dieser Saison so viel Radquer-Weltklasse wie lange nicht mehr. Da soll es das dreckige Original sein – und nicht eine sonnig-trockene Version.

Der Weltcup kehrte 2018 nach achtjähriger Absenz in die Schweiz zurück. Auf eine WM, die im Januar in Dübendorf stattfindet, musste die Szene deutlich länger warten: 24 Jahre sind seit der Weltmeisterschaft in Eschenbach vergangen.

Viel mehr als nur Eliterennen

Simon Zahner, mit 36 der älteste Schweizer Quer-Profi, war damals 12. Entsprechend sagt er: «So eine Saison, mit zwei Höhepunkten in der Schweiz, habe ich noch nie erlebt. Und werde ich auch nie mehr.» Entsprechend ist seine Vorfreude gross. Besonders auf die WM, unweit seines Wohnorts im Zürcher Oberland. Doch das Berner Rennen im Weyermannshaus ist für ihn ebenfalls ein Höhepunkt. «Es war eine Stimmung wie sonst nur an den grossen belgischen Rennen. Am liebsten hätte ich unterwegs angehalten und das etwas genossen. Aber das kannst du ja nicht.»

Die Eliterennen sind in Bern nur Teil des Events. Ebenso wichtig sind Kinder- oder Hobbyrennen.

Denn Radquer heisst: Eine Stunde Vollgas, danach sieht man, wozu es gereicht hat. Die Ausbeuten der Schweizer sind mager. Zahner spricht von einem 20. Platz als Zielgrösse. Im UCI-Ranking ist er auf Position 53 klassiert. Alle 18 Belgier, die in Bern antreten, liegen vor ihm. «Im Radquer sind Belgien und der Rest zwei Welten. Wir betreiben einen anderen Sport, der auf diesem Level sehr toll ist», sagt Christian Rocha. Er organisiert seit fünf Jahren die EKZ Cross Tour – und den Berner Weltcup. Dabei sind die Eliterennen für Rocha nur ein Teil des Events, aber nicht alles. «Nur damit 15 Belgier sich in den Top 20 klassieren können, machen wir das nicht», sagt er. Die Kinder-, Hobby- und Nachwuchsrennen sind ihm ebenso wichtig. Darum zieht sich der Event im Weyerli übers ganze Wochenende.

Durchlauferhitzer Bezahl-TV

An den Weltcups treffen die beiden Radquer-Welten zusammen, und dann wird deutlich, wie sehr Belgien diesen Sport dominiert –oder wie Pessimisten sagen: erdrückt. In Belgien gibt es zwei nationale Serien, an vielen Wochenenden finden samstags und sonntags Rennen statt –übertragen im Bezahl-TV, das den Durchlauferhitzer als Sponsor von Teams und Rennen am Laufen hält.

Die vielen lukrativen belgischen Rennen machen auch dem Weltcup zu schaffen. «Er sollte die wichtigste Serie sein», sagt Philip Roodhooft, eine der grossen Figuren der belgischen Szene. Zusammen mit seinem Bruder unterhält er gleich vier Quer-Teams, das bekannteste ist Corendon-Circus mit Mathieu van der Poel. Im Gegensatz zum Vorjahr verzichtet der Superstar auf einen Start in Bern, er erholt sich noch von der langen Strassen- und Bikesaison, gleich wie der Vorjahreszweite Wout van Aert.

«Wenn du gute Fahrer siehst, die kein Team haben, und zugleich Unternehmen kennst, die in den Sport investieren wollen – da musst du handeln. Davon profitiert am Schluss der ganze Radquersport», sagt Roodhooft. Es ist seine belgische Sicht. Denn mit dem ganzen Sport meint er den belgischen Radquersport. Zugleich akzentuiert sich so das Problem des auf Belgien zentrierten Sports. Denn belgische Sponsoren wollen belgische Fahrer an belgischen Rennen im belgischen Fernsehen. Internationale Konkurrenz? Nebensache.

Insofern ist es nur konsequent, dass es eine belgische Firma ist, die künftig den Quer-Weltcup organisiert. Nur: Was haben die anderen Länder von so viel Belgien? Heuer finden drei von neun Weltcups dort statt. Nächste Saison sollen es acht von 16 sein – auch der Weltverband UCI möchte seinen Teil vom lukrativen Kuchen. Zugleich sagt Roodhooft: «Es braucht eine Balance zwischen Rennen in Belgien und dem übrigen Europa. Zu viel Belgien nimmt den anderen den Sauerstoff.» Dem Schweizer Journalisten gegenüber ist das leicht gesagt. Doch die geschäftlichen Gebaren sind andere. Roodhoofts Teams boykottierten zuletzt die zwei Weltcups in den USA. «Wir sahen dort keine Entwicklung», sagt er.

Schweizer Sponsoren fehlen

Das Schweizer Radquer-Pflaster bleibt trotz des leisen Aufschwungs hart. Rocha rechnet für Bern mit 15'000 Franken Verlust, hofft diesen mit Solidaritätsbändchen abzudämpfen, die die Zuschauer kaufen können.

In Dübendorf haben die Organisatoren drei Monate vor WM-Start sogar noch grössere Brocken vor sich: Auf ihrer Website sind die für die grossen Sponsoren vorgesehenen Felder noch alle blank.

Erstellt: 19.10.2019, 15:00 Uhr

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