«Momoll du – könntest du heute nicht mehr machen»

Kein anderer Sportanlass pflegt seine einstigen Helden so liebevoll wie die Tour de Suisse. Auf Achse mit Beat Breu.

Beat Breu hat viele Velorennen gewonnen und Tausende Geschichten erlebt. Also erzählt er davon und lacht, wie er immer lacht: sehr laut. Foto: Michele Limina

Beat Breu hat viele Velorennen gewonnen und Tausende Geschichten erlebt. Also erzählt er davon und lacht, wie er immer lacht: sehr laut. Foto: Michele Limina

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Der erste Versuch misslingt. Beat Breu will den Wagen im Gras am Hang parkieren, es ist steil, er knorzt das Auto hoch und lässt die Kupplung schleifen – es stinkt nach Gummi. «Gopfridstutz, hier geht es nicht.» Zweiter Versuch ein paar Hundert Meter weiter, im Dorf Herdern TG. Jetzt klappt es, Breu sagt: «Alle aussteigen, die Fahrer kommen bald.» Köbi, Andi, Hans und Annemarie verlassen das Auto. Sie sind «very important persons» heute, auserwählt als Gäste von Breu. Der 60-Jährige fährt als Chauffeur eine Woche lang für Sponsor Vaudoise dessen VIPs durch die Tour de Suisse – und erzählt von früher.

Der Mann war ein Grosser in seiner Zeit, den 80er-Jahren. Damals gab es keinen Federer, keinen Shaqiri, es gab die Skifahrer und ihn. Er gewann zweimal die Tour de Suisse, einmal an der Alpe d’Huez die Königsetappe der Tour de France, des Wimbledon der Radsportler. Was hat er die Kehren hinauf gelitten, den Franzosen Alban im Nacken, den Sieg vor Augen.

35 Jahre später schaut er zu, wie sich die Fahrer in Herdern die Steigung hinaufquälen. Breu weiss, wie sie sich fühlen. Das Herz pumpt, will aus dem Hals springen, die Augen schieben sich in ihre Höhlen zurück, Muskeln brennen. Der Hinterste scheint den Anschluss zu verlieren. «Loda», sagt Breu, «der schwimmt, den luuupfts.» Tatsächlich, die anderen fahren ihm davon. Breu: «Eeendstation.»

Breu kann leiden – und wie

Wenn Breu während seiner Profikarriere etwas konnte, dann das: leiden. «Jaja, das muss dir gegeben sein. Das kannst nicht trainieren.» Breu erzählt vom Radfahrerleben, von den Pässen und Trainingsfahrten. Er hätte auch vom Leben danach erzählen können. Nach der Karriere versuchte er sich als Komiker, rappte und führte das Longhorn City, eine Sexbar – das lief alles nur mässig. Der Bruder verprasste sein ganzes Geld, Breu ging pleite. In den Beizen riefen «primitive Leute primitive Sachen» über den Tisch. Tage voller Nordwind. Breu litt. War wütend auf die Welt.

Sie reden von damals, als sie noch Siegerküsse bekamen.

Trotz Kummer und Zorn – an die Tour de Suisse ist er immer zurückgekehrt, auch nach der Karriere. Wie fast all seine Fahrerkollegen. Es gibt wohl keinen anderen Anlass im Schweizer Sport, der seine einstigen Helden so liebevoll pflegt. Tag für Tag, auf zehn Etappen durch die Schweiz, in Festzelten und auf Bühnen.

Die Helden dürfen mit den VIPs die Strecke abfahren, ihnen von früher erzählen, als alles ganz anders war, viel langsamer und gemächlicher. Die VIPs passen zu den Helden von damals, es sind keine Bankiersgattinnen oder Wirtschaftsbosse, sondern Röbi, der Versicherungsbroker, und sein Freund, der Andi, sein Plus eins.


Bilder: Die Landesrundfahrt in Bildern


Röbi und Andi aus dem Festzelt wurden Breus Wagen zugeteilt, sofort ist man per Du. Breu sieht auf dem Weg zum Auto Hans und Annemarie, er kennt sie von früher und sagt, kommt doch auch mit, ich habe noch Platz im Auto. Hans hat einmal mit Breu gewettet, vor 30 Jahren war das: Wenn er die Etappe nach Arosa gewinne, dann dürfe er mit einem seiner schwarzen Panther zur Siegerehrung. Hans betrieb damals eine Raubkatzenshow und war gerade in der Gegend. Natürlich gewann Breu, und plötzlich hatte er einen schwarzen Panther an der Leine. Breu kann den Lacher nicht mehr zurückhalten, prustet los, lacht, wie er immer lacht: sehr laut. «Momoll du. Könntest du heute nicht mehr machen.»

Breu hat in diesen Momenten, wenn er erzählt und erzählt, etwas von einem Seemann, der seine Geschichten loswerden muss, weil er wieder einmal festen Grund unter seinen Füssen hat. Mag er die Wirklichkeit nicht, oder lebt er so gern im Gestern?

Breu trägt Schuhe und Polohemd vom Sponsor, die Uhr hat ihm seine Frau geschenkt, sie hat sie auf der Strasse gefunden, doch die Hose, sagt Breu, die habe er selbst gekauft. Breu kramt ein Goldkettchen mit Goldplättchen unter dem Hemd hervor. Die Tour-Organisatoren schenkten es ihm, als er die Karriere beendete – seither trägt er es jeden Tag. Breu zeigt es Hans, der schaut es sekundenlang an, als stünde dort eine schöne Geschichte. «Vielen Dank für deine grossartigen Leistungen» ist eingraviert. Breu wurde damals als «Lieblingssohn der Tour de Suisse» verabschiedet. Und gute Söhne, das weiss man, kehren immer wieder zu den Eltern zurück.

An der Bar, vor sich eine Stange

Stunden vor dem Rennen steht Breu im VIP-Zelt mit Oscar Camenzind und Markus Zberg, ehemaligen Kollegen. Zberg spricht nicht, macht er selten. Camenzind war Tour-de-Suisse-Sieger und Weltmeister, dann flog er auf: Doping. Karriere beendet, Groll auf die Welt. «Der Ösi hat mit dem Radsport abgeschlossen», sagt Breu. Und doch kehrt Camenzind jedes Jahr zurück. Wie so viele. Elmiger, Schnyder, Senn, Loosli, Montgomery – einst Rennfahrer, den meisten nicht sonderlich bekannt, nun VIP-Fahrer, TV-Kommentator oder Organisator. VIP Andi erzählt, er habe vorhin gerade mit Cancellara geschifft: «Er hat mir Hoi gesagt, auf dem Pissoir. Wo gibts das noch?»

Diese Nähe ist in Gefahr, Breu hat zu seiner Zeit den Fans vor und nach den Rennen Auskunft gegeben, manchmal vor lauter Erzählen fast den Start verpasst. Heute bleiben die Fahrer bis kurz vor dem Start im Mannschaftsbus, und nach dem Rennen verschwinden sie im Hotel. Man kennt es aus dem Fussball. Sportler werden abgeschirmt, alles ist so ernst geworden, eine Entfremdung findet statt. «Schade», sagt Breu, «es ist halt eine andere Zeit.»

Die Alten aber, sie pflegen noch immer die Nähe. An manchen Abenden in der Tour-Woche sieht man sie an der Bar. Breu mit Camenzind, die Arme auf dem Tresen, die Köpfe über einer Stange Bier. Sie reden, na klar, von früher, damals, als sie noch gewannen und Siegerküsse bekamen. Breu vermisst sie, die Siege und die Küsse – für einen kurzen Moment jedenfalls –, dann fällt ihm wieder ein, was es dafür braucht, was er dafür leisten müsste. «Nein, danke du.» Doping, das ist bei den beiden nie ein Thema. Im VIP-Auto aber schon. Hat er etwa auch?, will Andi wissen. Breu könnte schweigen, ausweichen, sich kurz fassen. Doch er holt aus. Anabolika und Hormone habe er nie gefressen. Das Zeugs, das er genommen hat, werde heute gar nicht mehr kontrolliert. Und als 1990 die Sache mit dem EPO losging, waren die anderen plötzlich viel schneller. Da wusste er: Der Breu muss aufhören.


Video: Stefan Küng, erster Leader der Tour de Suisse

In der ersten Etappe der Tour de Suisse siegt das Team BMC. Der Schweizer Rennfahrer Stefan Küng wird Leader der Etappe und erhält das gelbe Trikot. Die Freude über den Heimsieg ist riesig.


Breu hat einen Sinn für Gerechtigkeit. Einmal zettelte er eine Schlägerei unter Fahrern an, ein andermal focht er jahrelang vor Gericht um verlorene Gelder. Das Résumé seiner Kämpfe klingt ver­bittert: «Das bringt ja nichts, wirst ja nur gelinkt und beschissen.» Es sind Ver­härtungstendenzen, die verschwinden, wenn Breu durch das Zielgelände in Frauenfeld spaziert. «Loda, der Beat.» «Sali Beat.» «Hesch s Velo debi?» Breu hat seit Jahren kein Velo mehr. Die Spuren der Vergangenheit begleiten ihn – im Guten und im Schlechten.

Die über 50-Jährigen sehen den Helden von früher. Die 30- bis 40-Jährigen tuscheln und denken ans Longhorn City. Und die Teenager? Sie schauen durch Breu hindurch. Zeiten ändern sich. Wobei, einmal wird er angestupst, von zwei Buben und einem Mädchen, sie kichern, ob er nicht kurz Zeit habe, ein Foto, er habe ja Kultstatus. «Aber natürlich, sehr gern.» Radprofi Breu, der im echten Leben an zu vielen und zu hohen Pässen hängen blieb, darf einmal im Jahr schwelgen und davon berichten.

Mit einem 60er durchs Ziel

Breu könnte seine Geschichten aufschreiben, macht er nicht, überhaupt sagen ihm Buchstaben wenig, der Platz auf seinem Nachttisch ist frei, zwei oder drei Bücher hat er in seinem Leben wohl gelesen, eines über den Clown Grock. Heute lebt Breu selbst im Zirkus. Er führt ein Beizchen im Circus Royal. Was er da macht? Leute bewirten und von früher erzählen. Die Termine sind weniger geworden. Auch gut, sagt er. Noch vier Jahre bis zur Pension.

Breu biegt mit den VIPs auf die Zielgerade ein, drückt noch einmal aufs Gas, schiesst mit einem 60er durchs Ziel, die Zuschauer jubeln. Wie früher. Breu sagt «So, da wären wir, bitte aussteigen». Röbi, Andi, Hans und Annemarie klatschen. Die nächsten Gäste warten bereits, auf Breu und seine Geschichten.

Erstellt: 15.06.2018, 06:22 Uhr

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