Nur das Ende der Tour verlief gewöhnlich

Mit Egan Bernal gewinnt doch noch einer der Topfavoriten eine ausserordentliche Tour de France.

Der 22-Jährige Egan Bernal wird am Sonntag als erster Kolumbianer die Tour de France gewinnen. (Video: SRF)

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Es ist dem Vorgänger vorbehalten, seinem Nachfolger als Erster zu gratulieren. Als sie nebeneinander über die Ziellinie rollen, klopft Geraint Thomas Egan Bernal anerkennend auf die Schulter. Sie haben diese letzte, keine zwei Stunden lange Prüfung hoch nach Val Thorens souverän gemeistert, ohne auch nur eine Sekunde der Unsicherheit. Überhaupt ist die verkürzte letzte Bergetappe eine sehr spannungsarme Angelegenheit. Die einzige nennenswerte Verschiebung betrifft Julian Alaphilippe, den grossen Animator dieser Tour. Er wird, vom Team Jumbo-Visma mürbe gefahren, 13 Kilometer vor dem Ziel abgehängt, wodurch Thomas auf den zweiten und Steven Kruijswijk auf den dritten Gesamtrang vorrücken.

Nicht einmal auf den Tagessieg, der ihm am Freitag durch den Abbruch der Etappe vorenthalten worden war, hat Tour-Sieger Bernal Lust, weshalb dieser an Vincenzo Nibali geht. Bernal rollt kurz darauf mit den anderen Besten über die Linie.

Die Schulterklopfer von Thomas an Bernal haben etwas Väterliches, elf Jahre liegen zwischen den beiden. Da ist der Kolumbianer, der schon mit 22 das grösste Ziel seiner Karriere erreicht hat. Dort der 33-jährige Waliser, der es schafft, in der Niederlage, und das ist der zweite Platz für den Titelverteidiger, Grösse zu zeigen.

Ein trügerisches Resultat

Thomas hatte jeden Konkurrenten in diesem Rennen im Griff, nur seinen so ungemein talentierten Teamkollegen nicht. Vor einem Jahr hatte Bernal bei Thomas Tour-Sieg noch staunend die Rundfahrt für sich entdeckt. Nun bestritt er diese, als hätte er nie etwas anderes gemacht.

Wer in einigen Jahren oder Jahrzehnten die Tour-Siegerliste durchgehen wird, dem wird der Sieger dieser 106. Tour de France kaum mehr als ein Schulterzucken entlocken. Klar, irgendwann gewann dieser Kolumbianer halt mal seine erste Grand Tour.

Das nackte Resultat wird den drei vergangenen Wochen nicht gerecht, verknappt die 21 Tage auf diese sehr nüchterne Reihenfolge, unterschlägt damit, dass das Endresultat vor den drei abschliessenden Tagen in den Alpen bei weitem nicht so klar war, wie es mit etwas Abstand erscheinen wird.

Eine Tour der Hoffnungen, die Frankreich aufweckte

Diese Tour war eine der Hoffnungen. Von Beginn weg war da die Hoffnung auf Thibaut Pinot, dass er etwas Grosses erreichen könnte. Die Hoffnungen wurden weiter befeuert von Julian Alaphilippe, der sein Ding machte: Er attackierte, als gäbe es kein Morgen. So gewann er die dritte Etappe und übernahm das Leadertrikot. So attackierte er weiter, kämpfte um jede Sekunde - und bestimmte damit die Gangart dieses Rennens, weil sich die Fahrer des Gesamtklassements auf seine offensive Fahrweise einliessen und die kleinstmöglichen Siege suchten.

Keiner mehr als Pinot. Er und Alaphilippe weckten Frankreich auf, lockten die Landsleute an den Strassenrand und vor die Fernsehgeräte - vergangenes Wochenende verzeichnete France Télévision mit bis zu 7 Millionen Zuschauern Zahlen wie seit 2013 und dem Start im landschaftlich einzigartigen Korsika nicht mehr.

Dass Pinot unterwegs neben seinem brillanten Pyrenäen-Wochenende auch für mehrere Dramen sorgte - erst der Zeitverlust wegen einer Windkante, dann am Freitag die Aufgabe wegen Oberschenkelverletzung -, gehört zum ausserordentlichen Spannungsbogen des Rennens.

Bernal gewann dieses letztlich auf bemerkenswert nüchterne Weise, ihm reichten rund sieben Kilometer bergauf, auf denen er den Unterschied machte. Er schob sich mit einem ersten Angriff am Col du Galibier an der ganzen Favoritengruppe vorbei. Und fuhr tags darauf am Col de lIseran ins Leadertrikot - ehe die Etappe wegen des Hagelgewitters abgebrochen wurde.

Der drittjüngste Sieger der Tour-Geschichte

Sein Vorsprung mag mit 1:11 Minuten nicht sehr gross sein. Ausserordentlich ist dagegen das Alter des Siegers. Er ist der drittjüngste der Tour-Geschichte, vom zweitjüngsten trennt ihn nur gerade eine Woche. Und er ist auch - nach fünf Tour-Podestplätzen für die Radnation Kolumbien - ihr erster Sieger.

Natürlich wird Bernal nun eine grosse Zukunft vorhergesagt, «er hat noch viele, viele grosse Jahre vor sich», sagt etwa Teamkollege Thomas. Doch Garantien dafür gibt es keine. Der deutliche Beweis dafür ist Jan Ullrich. Der Deutsche war bei seinem Tour-Sieg 1997 nur ein Jahr älter als Bernal und wurde als angehender Seriensieger ausgerufen. Für den Rest seiner Karriere fuhr er diesem zweiten Triumph nach - ohne Erfolg.



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Erstellt: 28.07.2019, 08:47 Uhr

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