Radfahrer im Graubereich

Das britische Team Sky hat sein Versprechen, besonders sauber zu sein, nicht gehalten. Der Sport unterliegt eben doch nicht höheren Normen als wir alle.

«Ethisch nicht vertretbar»: Das Team Sky um Leader Chris Froome benutzte zur Leistungssteigerung ein Kortisonpräparat, das eigentlich gegen Heuschnupfen eingesetzt wird. Bild: AP/Benoit Tessier

«Ethisch nicht vertretbar»: Das Team Sky um Leader Chris Froome benutzte zur Leistungssteigerung ein Kortisonpräparat, das eigentlich gegen Heuschnupfen eingesetzt wird. Bild: AP/Benoit Tessier

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Statt um die Rennen in Italien und Frankreich drehen sich die Diskussionen im Radsport derzeit wieder einmal um: nein, nicht um Doping – aber nur haarscharf nicht. Sondern um die Frage, wie sehr man den Spielraum ausreizen darf oder sollte, ohne die Grenze zu überschreiten.

Das Team Sky, eigentlich ein Vorzeigeunternehmen mit fünf Tour-Siegen in den vergangenen sechs Jahren, muss sich gerade an mehreren Fronten verteidigen. Es geht um substanzielle Anschuldigungen.

Da wäre Teamleader Chris Froome, in dessen Urin während der letzten Spanien-Rundfahrt (die er gewann) eine doppelt so hohe Konzentration eines Asthmamittels wie erlaubt festgestellt wurde. Das irritierte insbesondere, weil die Forschung bislang davon ausging, dass mit einer überhöhten Einnahme keine Leistungssteigerung erzielt werden könne. Oder etwa doch?

«Der Fan ist immer wieder bereit, an das Gute zu glauben.»

Es ist nun an Froome, zu beweisen, dass der viel zu hohe Messwert ohne Absicht zustande gekommen ist, sprich er nichts Unlauteres gemacht hat. Der Fall ist nach wie vor offen, und Froome fährt weiter Rennen, sehr zum Unmut seiner Konkurrenten, könnte er doch durchaus nachträglich gesperrt werden und so diese Wettkämpfe verfälschen.

Dazu sieht sich sein Team generellen Verdächtigungen ausgesetzt. Eine Kommission des britischen Parlaments kam diese Woche zum Schluss, dass das Team ein bei Heuschnupfen eingesetztes Kortisonpräparat nicht nur aus medizinischen Gründen, sondern zu leistungssteigernden Zwecken gebraucht hat: Das Produkt soll helfen, Gewicht zu verlieren – und bei der Erholung. Sky benützte das Mittel zwar mit Bewilligung. Aber ethisch, so die Kommission, sei dies nicht vertretbar.

Das mag von aussen betrachtet eine etwas merkwürdige Kritik sein. Schliesslich gilt im Spitzensport oft das Credo: Erlaubt ist, was nicht verboten ist – sprich nicht auf der Dopingliste aufgeführt. Doch das Team Sky wird differenzierter beurteilt, was die Briten sich selber zuzuschreiben haben. Sie waren 2010 als Aussenseiter angetreten, mit dem hehren Ziel, den Strassenradsport zu revolutionieren. Teamchef David Brailsford hatte als Chef des britischen Radverbands auf der Bahn mit einer technologiegetriebenen Herangehensweise grosse Erfolge gefeiert. Nun wollte er auch auf der Strasse reüssieren.

Die Briten wollten das Sauberteam sein, ohne eine Person mit unsauberer Vergangenheit. Doch nach einer völlig misslungenen ersten Saison buchstabierten Sky und Brailsford zurück. Man hatte realisiert: Auf der Strasse war die Kon­kurrenz kompromissloser. Das Team hatte sich mit seinen schwarzen Trikots einen dunklen Look verliehen, aber sehr weiss verhalten, also sauber. Nun entschied es sich, für den Erfolg auch in die Grauzonen vorzustossen – etwa mit dem Heuschnupfenmedikament, das vom Radweltverband bereitwillig gutgeheissen wurde.

Das saubere, technokratische Image

Doch in der Öffentlichkeit behielt Sky sein sauberes, technokratisches Image, Teamchef Brailsford erklärte die Leistungssteigerungen mit den sogenannten «marginal gains», kleinen Gewinnen, für die er jedes Detail des Radteams analysierte. Man brachte für die Fahrer eigene Matratzen zu den Rennen und einen Koch. Oder liess die Fahrer hinter der Ziellinie auf Trainingsrollen weiterstrampeln, um die Erholung sogleich anzukurbeln. All diese Massnahmen sollten sich zu einem Prozent Leistungssteigerung kumulieren. Was mehr als genug ist, um eine Tour zu gewinnen.

Realistischerweise dürfte aber das Ausloten der Graubereiche einen grösseren Anteil an den Erfolgen gehabt haben. Diese Erkenntnis ist für den Sportfan schmerzhaft. Denn trotz allen schlechten Beispielen der Vergangenheit ist er bereit, immer wieder auf ein Neues an das Gute, das Hehre im Sportler zu glauben.

Das Beispiel Sky zeigt vor allem eines: Der Sport, so gern wir seine Bedeutung auch überhöhen, ist so fern von Schwarz und Weiss wie unser Dasein, wo die täglichen Entscheidungen oft Nuancen von Grau enthalten. Und nur in ganz wenigen Fällen weiss sind. Und manchmal auch schwarz.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.03.2018, 20:34 Uhr

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