«Radfahrer sind viel cooler»

Michael Woods war ein Ausnahmeläufer. Nun fährt er als Radprofi die Tour de Suisse und betrachtet den Sport mit dem Blick von aussen.

Obwohl bereits 30, ist der Kanadier Michael Woods erst am Anfang seiner Radkarriere. Diese soll deshalb dauern, bis er 38 ist. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

Obwohl bereits 30, ist der Kanadier Michael Woods erst am Anfang seiner Radkarriere. Diese soll deshalb dauern, bis er 38 ist. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

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Mit 30 Jahren ist Michael Woods in der Weltklasse angelangt. Zum zweiten Mal in seiner Karriere. In seinem ersten Spitzensportlerleben war der Kanadier Mittelstreckenläufer mit ausserordentlichen Anlagen, schon mit 18 lief er die Meile unter 4 Minuten. Dann beendeten Ermüdungsbrüche in Serie im Fuss seine Läuferkarriere. Doch der Sportler Woods war nicht fertig. Er sattelte um – aufs Rennrad, bestritt mit 25 die ersten Radrennen. Vergangenes Jahr erhielt er einen Vertrag im Worldtour-Team Cannondale-Drapac. Im Frühling wurde er Neunter bei Lüttich–Bastogne–Lüttich.

Sich mit 25 in den Kopf zu setzen, es als Radrennfahrer bis ganz nach oben zu schaffen, ist ziemlich keck.
Ich war naiv und ignorierte die Tatsache, wie schwer es sein würde. Wenn ich gewusst hätte, was ich jetzt weiss: Ich hätte es nicht geschafft. Zudem hatte ich in Kanada kein Radsportumfeld. Da war niemand, der mir sagte: Mit 25 Radprofi werden, das ist nicht möglich.

Die Geschichte, wie Ihr Teamchef Jonathan Vaughters auf Sie aufmerksam wurde, ist ziemlich lustig.
Das ist wahr. JV hatte als Profi den Streckenrekord auf der längsten geteerten Strasse der Welt aufgestellt, hoch auf den Vulkan Haleakala auf Maui. Später wurde die Zeit von seinem Fahrer Ryder Hesjedal unterboten. Ich las in einem Magazin davon und dachte mir, das wäre ein Weg, auf mich aufmerksam zu machen – ich war damals noch ein Niemand. Zudem wollte ich meiner Freundin auf Hawaii den Heiratsantrag machen. Am Tag meines Versuchs hatte ich viel Glück, der Wind war ideal – ich unterbot Ryders Zeit um eine Minute. Noch am gleichen Tag kontaktierte mich JV auf Twitter, schrieb, er würde mich nun beobachten. Danach erzielte ich weitere gute Resultate, zwei Jahre später nahm er mich unter Vertrag.

Das war vor einem Jahr. Wie ist es nun für Sie im Peloton?
2016 fühlte ich mich wie ein Eindringling. Wenn ich Glück hatte, fand ich mich in einer guten Position wieder, und mir gelang ein Resultat. Aber auf jedes Mal Glück verpatzte ich es zehnmal völlig – oder stürzte. Heuer kann ich mich viel besser im Feld positionieren, bewege mich selbstbewusster in diesem. Auch darum kommen nun die Resultate.

«Im Laufen ist die grösste Gefahr, dass du einen Kratzer davonträgst. Im Radsport dagegen ist der Tod eine Möglichkeit.»

Als Junger ist man bereit, bei Positionskämpfen im Feld grosse Risiken einzugehen. Wird das mit 30 Jahren nicht schwieriger?
Doch, ich habe bereits zu viel, wofür es sich zu leben lohnt. (lacht) Das ist einer der grössten Unterschiede zwischen meinem alten und meinem neuen Sport. Im Laufen ist die grösste Gefahr, dass du stolperst und einen kleinen Kratzer davonträgst. Im Radsport dagegen ist der Tod eine Möglichkeit. Ich kann mich erinnern, dass ein Sprinter mal gefragt wurde, wie er im Finale immer seine Position behaupte. Er sagte: «Ich halte Ausschau nach Fahrern, die verheiratet sind und Kinder haben.» Weil er weiss, dass er die abdrängen kann. Ich habe das Gefühl, dass ich in die Kategorie gehöre: Ich bin verheiratet, ich möchte Kinder.

Nun sprachen wir nur über die negativen Seiten des Radsports. Was mögen Sie an ihm?
Ich mag es, wie dynamisch er ist, gerade vom Laufsport herkommend. Da gewinnst du nur, wenn du der Schnellste von allen bist. Im Radsport musst du nicht unbedingt der Stärkste sein für einen Sieg. Zudem ist jeder Tag anders. Die Distanz, das Terrain, das Wetter. Das macht es auch zu einer viel grösseren mentalen Herausforderung, was ich mag. Und auch der Rahmen: Wir bestreiten ein Rennen, das wirklich durch die ganze Schweiz führt; fahren über grosse Pässe – was mir sehr viel Spass macht, seit ich meine Abfahrerqualitäten entdeckt habe. Da profitiere ich von meinen Erfahrungen im Skisport und Eishockey.

Das praktizierten Sie auch?
Nun, ich fuhr nie Rennen, aber ich war im Skiclub, fuhr als Jugendlicher zwei Mal wöchentlich.

Und mit Eishockey hörten Sie auf, weil Sie mit Ihren 1,75 Metern nicht mehr weiterwuchsen?
Ich spielte bis 17, war auch ziemlich gut. Aber nicht gut genug, um es professionell zu betreiben. Darauf fing ich an, mich aufs Laufen zu konzentrieren.

So spät?
Ich fing mit 14 an, machte es aber bis 17 nur nebenher.

Dann war der Wechsel zum Radsport Ihr zweiter später Sportartenwechsel.
Aber wegen meinen erwähnten Sporterfahrungen war diese Umstellung viel einfacher. Es geht auf dem Rad auch darum, die Geschwindigkeit zu kontrollieren – das kenne ich vom Skifahren. Und vom Eishockey profitierte ich bezüglich der Taktik.

Kommen wir zum Vergleich: Wenn Sie zwischen dem Laufen und dem Radfahren entscheiden müssten . . .
(ohne Zögern) Radfahren. Aus vielen Gründen. Laufen ist ein wunderbarer Sport, so einfach, simpel, das liebe ich. Diese Reinheit vermisse ich. Als ich in Europa Rennen lief, brachte ich nur ein paar Laufschuhe mit. Dagegen jetzt: Wenn ich ins Trainingslager reise, muss ich mein Rad mitbringen, mein Zeit­fahrrad, all die Kleider. Und dann gibt es Defekte am Rad.

Und trotzdem der Radsport.
Jetzt fällt mir die Wahl sehr leicht. Auch weil es finanziell viel lukrativer ist. Radsport ist viel professioneller. Es gibt mehr Fans, TV-Übertragung. Ich vermisse es definitiv nicht, als Läufer nichts zu ­verdienen und zugleich zu leiden. (lacht)

Wie unterscheidet sich der Schmerz?
Weil das Velo so effizient ist, kannst du physisch komplett explodieren, aber es rollt immer weiter. Wenn dir das im Laufen passiert, geht nichts mehr, das Rennen ist vorbei. Du kriegst vom Körper diese Signale, die dir sagen: «Jetzt platzt du dann, jetzt dann, wirklich!» Derweil du auf dem Rad manchmal diesen Punkt erreichen musst, um alle anderen abzuhängen, dich dann etwas erholst und so schneller weiterfährst als sie.

Wo litten Sie physisch am meisten?
Wenn wir eine Schmerzspitze suchen, war es beim Laufen. Wenn ich das ­Laktat unter der Stirn spürte, mich übergeben musste, fast ohnmächtig wurde. Eine solche Spitze erlebte ich auf dem Rad noch nie. Das wäre auch gefährlich, ­wegen der Sturzgefahr. Vom mentalen Stress her, mit all den äusseren Ein­flüssen, währenddem du am Limit fährst, ist aber definitiv das Rad­fahren härter.

Heute laufen Sie gar nicht mehr?
Doch, in der Saisonpause, zusammen mit meiner Frau, easy. Ich wollte dieses Jahr wollte ich wieder mehr laufen, einfach weil ich der Meinung bin, dass es mir gut tut. Als Radfahrer ist dein Körper keinen Schlägen ausgesetzt. Das ist für die Knochengesundheit nicht gut. Am Giro lief ich während 21 Tagen wohl kaum mehr als ein Kilometer. Nur zum Hotelzimmer, zum Bus. Radfahrer sind nicht die gesündesten Leute. Das Laufen macht dich robuster. Und letztlich sind wir Menschen ja zum Laufen gemacht.

Sie betreiben und betrieben zwei sehr dopinggeplagte Sportarten.
Als ich lief, hatte ich den Eindruck, dass die Leichtathletik so viel sauberer war als der Radsport. Jetzt ist es genau umgekehrt. Wenn ich zurückschaue auf all die Rekorde, gerade auf jene, die in den frühen 2000er-Jahren aufgestellt wurden. Kenenisa Bekeles über 5000 und 10'000 Meter, der von Hicham El Guerrouj über 1500 Meter. Die wurden alle gelaufen, bevor es Epo-Tests gab. Und jetzt mit den Korruptionsskandalen der IAAF, dem Rusada-Fall in Russland – du fängst an zu glauben, dass der Laufsport viel dreckiger ist. Ich glaube, der Radsport ist derzeit eine der saubersten Sport­arten – mit dem biologischen Pass, der Veränderung der Kultur. Auch wenn immer noch Leute betrügen.

«Wäre ich an der Universität erfolgreicher gewesen, hätte ich einen anständigen Job – und nie zum Radsport gefunden.»

Wie unterscheiden sich die Sportsleute charakterlich?
Radfahrer sind viel cooler. (lacht)

Entspannter?
Genau.

Auch weniger intellektuell?
Viele Läufer besuchen die Universität. Für einen jungen Radfahrer geht das fast sicher mit dem Karriereende einher.

Weil das Training so viel ­zeitintensiver ist.
Als Läufer trainierte ich in einer intensiven Woche vielleicht zwölf Stunden. Wenn ich nun durch mein Trainingstagebuch des Jahres schaue, ich werde wohl keine einzige Woche mit nur zwölf Stunden ­finden.

Vermissen Sie manchmal die intellektuelle Herausforderung?
Manchmal, ja. Wir haben einige kluge Köpfe im Team, ich unterhalte mich gerne mit denen. Aber vor zwei Jahren realisierte ich, dass ich viel weniger las als früher – ich hatte meinen Abschluss in englischer Literatur gemacht –, darum habe ich nun wieder damit angefangen. Zudem versuche ich Spanisch zu lernen, einfach den Kopf frisch zu halten.

Hatten Sie einen Plan B, als Ihre Laufkarriere vorüber war, ehe Sie mit 25 den Radrennsport fanden?
Nicht wirklich. Ich hatte bis dahin ausgeblendet, dass es ein Leben ausserhalb des Laufens gab. Ich bereue es ein Stück weit, dass ich nicht voll vom Uni-Angebot profitiert habe. Andererseits: Wäre ich an der Universität erfolgreicher gewesen, hätte ich danach auch einen anständigen Job gefunden. Und nie zum Radsport gefunden. So aber hangelte ich mich von einem Gelegenheitsjob zum nächsten – und hatte keine Mühe, diesen für die Chance Radrennsport aufzugeben.

Was war der übelste Job?
Ich führte ein Laufsportgeschäft, als ich schon mit dem Laufen aufgehört hatte.

Wie ein trockener Alkoholiker im Weinhandel.
Das Schlimmste daran war: Ich arbeitete quasi im McDonald’s unter den Laufsportgeschäften. Da kamen Leute, die den Marathon in fünf Stunden liefen. Ich fühlte mich wie ein «Michelin»-Sternekoch, der bei McDonald’s arbeitete.

Nun fühlen Sie sich komplett ­integriert als Profiradsportler?
Manchmal trage ich am Morgen im ­Hotel immer noch meinen Koffer zum Bus. Dann rufen die Teamhelfer: «Was machst du da?!» Oder ich nehme die Treppe hoch zum Zimmer: «Nimm gefälligst den Lift!» Solche Dinge.

Sie haben immer noch diese ­normale Seite.
Ja. Und ich möchte Sie auch nicht verlieren, auch wenn ich noch acht Jahre weiterfahren will, bis 38. Physisch kann ich mich immer noch verbessern, und erst recht fahrerisch. Aber ich will mich wie ein Mensch benehmen, nicht wie ein Radprofi, der diese komischen Angewohnheiten hat. Sodass ich mich in der Welt nie mehr verloren fühle – wie ­damals am Ende meiner Laufkarriere.

Erstellt: 14.06.2017, 22:33 Uhr

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