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Radquer fürs Volk

Die neue Sparte Gravel transportiert das spielerische Fahrgefühl erfolgreich zu den Hobbyfahrern – auch an der WM in Dübendorf.

Über Feld und Stein: Ein sogenannter Gravel Ride auf dem Flugplatz Dübendorf.
Über Feld und Stein: Ein sogenannter Gravel Ride auf dem Flugplatz Dübendorf.
Urs Jaudas

Was bringt 170 Leute dazu, sich am Freitagnachmittag zu einer gut einstündigen Velotour zu versammeln? «Gravel» – Englisch für «Kies» –heisst das magische Wort. Die 170 haben sich auf dem Gelände der Radquer-WM auf dem Flugplatz Dübendorf eingefunden, um gemeinsam 30 Kilometer über Felder und durch Wälder zu fahren, einen Gravel Ride zu bewältigen. Die Radquer-Profis trainieren zeitgleich nebenan, auf dem WM-Parcours.

Deutlicher lässt sich die Nähe und Differenz von Gravel und Radquer nicht aufzeigen: Auf dem Rennkurs ist Explosivität und Maximalkraft gefordert, um die vielen kurzen, aber steilen Rampen zu bewältigen. Zudem sind die Radquer-Pneus relativ schmal, was besonders die Kurven im Dreck zur Herausforderung macht. Die Gravel-Strecke hingegen geht über sanfte Steigungen, man rollt angenehm dahin, wozu auch die viel breiteren Pneus dieser Velo beitragen.

Generell gilt für die Gravelbikes: Sie sind zwar eng verwandt mit ihren Geschwistern von der Strasse und dem Quer. Unterscheiden sich aber in mehreren Punkten. Unter den vielen verschiedenen Modellen am Gravel Ride ist auch eines vom Schweizer Hersteller Open Cycle zu sehen. Es sticht nicht heraus, obwohl es einen schönen Anteil am Gravel-Boom hat.

Komfortabel und leicht rollen

Vom Renommee, das das Open in der Gravel-Szene geniesst, ist am Hauptsitz des Unternehmens in Kleinbasel wenig zu spüren –abgesehen von einigen Awards von Bikemagazinen, die auf dem Fenstersims in den überschaubaren Büroräumen verstauben. Bei Andy Kessler hat der Staub hingegen keine Chance, viel zu wirblig ist der Mitinhaber. Nach jahrzehntelanger Berufserfahrung in der Radindustrie gründete er 2012 Open Cycle, zusammen mit dem niederländischen Rahmenguru Gerhard Vroomen. Dieser hatte sich zuvor mit Cervélo in der Rennvelo-Welt einen grossen Namen gemacht. 2015 lancierten sie das Open-Modell UP, eines der weltweit ersten Gravelbikes. Ohne sich bewusst zu sein, dass ihr Timing perfekt war für diese neue Nische.

«Wir sind mit dem Rennvelo schon immer so gefahren: Sahst du einen Feldweg, fuhrst du auf diesem einfach drauflos. Irgendwann musstest du dann das Velo meist tragen oder schieben», sagt Kessler. Das UP sollte solche für Rennvelos unfahrbare Passagen fahrbar machen –zugleich aber dessen Dynamik beibehalten. Vroomen gelang das, indem er einen Rahmen entwarf, der zwar an ein Rennvelo angelehnt ist, es aber zulässt, dass man mit viel breiteren Reifen fährt. Die 40- Millimeter-Pneus, mit denen ein Open oft ausgerüstet wird, sind fast doppelt so breit wie der einstige Rennvelostandard (23 mm).

Dreck auf breiten Reifen: Die meisten fahren mit 40-Millimeter-Pneus.
Dreck auf breiten Reifen: Die meisten fahren mit 40-Millimeter-Pneus.

Damit lässt sich leichter über Steine und Wurzeln rollen. Zugleich ist der Komfort um ein Vielfaches höher. Besonders in den USA stiess das auf Begeisterung, wo fast unendlich lange Feuerschneisen, sogenannte Fire Roads, nach solchen Velos schrien und sich bald eine alternative Rennszene entwickelte.

«Er ist weniger kompetitiv»

Mittlerweile haben die Velofahrer aber auch in Europa – ganz konkret in der Schweiz –, realisiert, welch Potenzial Gravel hat. Open-Gründer Kessler sagt: «Bis in die Voralpen sind wir ein Gravel-Land: mit all den Forstwegen in perfektem Zustand.» Klar, über diese kann man auch mit dem Mountainbike rollen. Doch richtig Spass macht das nicht, weil sie einen nicht fordern – anders mit einem Gravelbike. Dazu kommt, dass dieses auch auf Teer gut rollt.

Das Potenzial sah auch Joko Vogel. Er lancierte 2016 die Tortour Cyclocross, nun steht er, zugleich WM-OK-Chef, am Start des Dübendorfer Gravel Ride und sagt: «Ich glaube, der Graveler schätzt den Groupride. Zumal er weniger kompetitiv ist als der Rennvelofahrer und der Biker.»

Der typische Gravel-Fahrer ist nicht mehr ganz jung - und lässt sich seinen Sport etwas kosten.

Neben der Entdeckungsfreude der Velofahrer erhielt Gravel auch durch das immer grössere Verkehrsaufkommen Auftrieb: «Käufer sind oft Leute, die weg von der Strasse wollen», sagt Peti Fontana vom Veloladen Backyard, in Zürich eine der ersten Adressen für Gravelbikes. Bei Backyard stehen direkt neben dem Eingang sieben verschiedene Modelle aufgereiht. Das Segment macht hier derzeit rund 20Prozent der verkauften Velos aus. «Aber wir sind da nicht repräsentativ. Bei uns hat Gravel jenen Stellenwert, der bei anderen Veloläden das E-Bike hat», so Fontana. Das zeigt auch die Nachfrage bei Bikeworld, der Velosparte der Migros. Zahlen nennt der Grosshändler natürlich keine, schreibt aber auf Anfrage: «In Relation zum Gesamtabsatz nimmt Gravel weiterhin eine kleine Rolle ein.»

Dreck auf edlem Rahmen: Die meisten Quer-Bikes sind nicht ganz günstig.
Dreck auf edlem Rahmen: Die meisten Quer-Bikes sind nicht ganz günstig.

Der typische Gravel-Fahrer ist nicht mehr ganz jung –und lässt sich seinen Sport etwas kosten. Das beweist der Blick ins Teilnehmerfeld des Gravel Ride, Kessler und Fontana bestätigen es. Ein Open etwa ist nicht günstig, «unter 4500 Franken macht es keinen Sinn», so Kessler. Velohändler Fontana sagt: «Weil der Einsatzbereich eines Gravelbike so gross ist, es von Rennvelo bis Bike das ganze Spektrum abdecken kann, ist die Beratung wichtig. Mehr als die Hälfte der Gravelbikes bauen wir individuell auf –das kostet.»

Zudem ist das Gravelbike kein Einsteigervelo. Den Wunsch danach verspürt nur, wer vom Velovirus bereits infiziert wurde. Es ist ein Zweit- oder Drittvelo, wenn schon ein Rennvelo und ein Mountainbike in der Garage stehen.

Besser als mit dem Rennvelo

Besonders im Winterhalbjahr macht das Gravelbike Sinn. Biken in den Bergen ist dann nicht möglich. Und Rennvelofahrten sind bei tiefen Temperaturen eher garstig. Gegen Touren auf Forstwegen hingegen spricht nichts. Wer nach geeigneten Strecken sucht, dem hat Fontana zwei Tipps: «Entweder man hält sich an einfache Bike-Touren. Oder an Wege entlang von Bach- oder Flussläufen. Da ist die Steigung meist im fahrbaren Bereich.»

Und wie entwickelt sich dieser Velospross weiter? Der Radweltverband (UCI) glaubt an ihn, Präsident David Lappartient tönte an, eine WM sei ein Thema. Peti Fontana glaubt an ein weiteres Wachstum der Sparte. Laut ihm – im Herzen ist er ein Biker – wären viele Rennvelofahrer mit einem Graveler besser bedient: «Rennvelos sind für die Chefs, die Profis. Wenn wir solche fahren, ist das, als ob der Durchschnittsautomobilist ein Formel-1-Auto fahren würde.» Und Andy Kessler von Open Cycle staunt weiter über die steigenden Absätze seines Graveler, derweil er zusammen mit Vroomen die Entwicklung eines neuen Modells vorantreibt: eines Rennvelos.

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