Rare Regenpiloten

Im Radsport gibt es Fahrer, die aufdrehen, wenn es runterschüttet – auch an der Tour de Suisse. Einer davon ist gar leistungsstärker als bei Sonnenschein.

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Etwas will Michael Albasini klarstellen, noch bevor er die erste Frage beantwortet: «Ich habe Regen nicht gern!» Es könnte sonst ja sein, dass man ihn für einen Sonderling hielte.

Wer mag schon Regen? Berufsleute, die ihre Arbeit im Freien verrichten, ganz sicher nicht. Radprofis sind da keine Ausnahme. Und trotzdem gibt es unter ihnen eine kleine Gruppe, die regelmässig in ­Erscheinung tritt, wenn die meteorolo­gischen Bedingungen mässig einladend sind – genau wie gestern, als die Tour de Suisse durchs Mittelland nach Gstaad fuhr, und allenfalls auch heute, wenn es ins Wallis nach Leukerbad geht.

«Heute ist wieder mal dein Wetter!»

Im Saanenland siegte Jesper Juul Jensen. Der Däne war wie auch Schweizer Meister Silvan Dillier Mitglied der Fluchtgruppe des Tages, Letzterer verpokerte sich im Finale aber etwas. Stefan Küng gelang es im Dauerregen erneut, sein Leadertrikot zu verteidigen.

Als Lackmustest auf Regenverträglichkeit gilt die Tour de Romandie, die in den vergangenen Jahren fast immer mit schlechtem Wetter aufwartete. Michael Albasini holte in der Westschweiz schon sieben Etappensiege, die Mehrheit nach einem verregneten Tag. Wenn Albasini auf einer Regenetappe durchs Feld rollt, hört er deshalb hier und da: «Heute ist wieder mal dein Wetter!» Albasini will sich aber nicht zum Regenfahrer reduziert sehen: «Meine Etappensiege an der Tour de Suisse oder der Vuelta feierte ich bei Sonnenschein.»

Küng: Zwei Solosiege im Regen

Ganz so gross wie Albasinis (Regen-)Palmarès ist Stefan Küngs noch nicht. Aber seine zwei grössten Erfolge als Strassenprofi feierte er im Regen: die Etappensiege 2015 und 2017 nach Solofahrten in der Romandie. «Ich bin nicht besser, wenn es regnet. Aber mir läuft es gleich gut, während viele andere schon am Start demoralisiert sind», sagt Küng.

Er lernt das im Training, geht auch bei schlechtem Wetter stets raus, versucht Indoortrainings auf der Rolle zu umgehen. «Schliesslich soll auch meine Regenjacke daheim nicht verstauben.» Bei solchen Verhältnissen trägt Küng stets ein Radkäppi, «das schützt vor dem Spritzwasser». Er schneidet bei diesem jeweils vor dem Start im Teambus den Deckel ab, damit der Kopf trotzdem gut belüftet ist – «Cabrio» nennt er seine Kreation.

Die Wetterverträglichkeit ist eine völlig individuelle Sache, auch die Herkunft macht einen nicht per se sonnen- oder ­regenverträglich. Beispiele? Der belgische Classique-Spezialist Tom Boonen war bei gutem Wetter deutlich leistungsfähiger. Der Sizilianer Vincenzo Nibali wiederum steckt Regen und auch Schneefall weg.

Lieblingswetter: Nasskalt

Die Kälte mag auch Simon Spilak nichts anhaben, dem Titelverteidiger dieser Tour de Suisse. Der Slowene gehört unter den Regenfahrern noch zu einer Untergruppe: Er ist Spezialist für nasskalte Rundfahrten. Davon zeugen vor allem seine Resultate an der Tour de Romandie: Einmal gewann er sie, dreimal wurde er Zweiter, dazu kommen drei Etappensiege.

Er sieht die Sache umgekehrt: «Mein Körper arbeitet in diesem Wetter einfach besser, als wenn es heiss ist.» Verschiedentlich hat er sich schon an der Tour de France versucht – und scheiterte jedes Mal an der Sommerhitze. Zu glauben, der Sieg sei nahe, nur weil es schon am Morgen runterschütte, sei aber zu einfach: «Es kommt immer auch auf die Form an.» Um im Regen zu reüssieren, würde er aber nie grössere Risiken eingehen. «Ich habe auch Angst: Safety first!»

Mehr Watt über 20 Minuten

Das Schlusswort gehört jenem Mann, der im Regen aufblüht wie kein anderer: dem Belgier Tim Wellens. «Wenn ich gewinne, dann tue ich das meist solo. Und wenn es nass ist, hast du als Solofahrer einen Vorteil gegenüber dem Peloton, das vorsichtiger in die Kurven gehen muss, das nervös ist wegen der erhöhten Sturzgefahr», sagt er. «Zudem ist es aus diesem Grund sowieso nicht lustig, im Feld zu fahren.»

Wellens kann sogar von einem Leistungsanstieg im Regen erzählen und meint damit nicht nur den mentalen Vorteil, den er gegenüber bei Schlechtwetter demotivierten Konkurrenten hat: «Meine 20-Minuten-Wattwerte sind ­höher, wenn es regnet.»

Der Regensonderling, er existiert also doch.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.06.2018, 13:34 Uhr

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