Rik schlägt Fabian, Lucien toppt Eddy

Während an der Tour de France Chris Froome wohl zum zweiten Mal das Duell gegen alle anderen gewinnt, lässt sich mit dem Legendenquartett vortrefflich in der Geschichte schwelgen.

Eine der ganz grossen Tour-Legenden: Eddy Merckx. Quelle: Youtube


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Natürlich beginnt das Kopfkino im Moment, in dem ich Quartett höre: In der Primarschule ging es einst um «UMIN», «CCM» und «PS». Wir hatten keine ­Ahnung, was die Ausdrücke bedeuteten beim Quartett der Superautos. Und wenn wir es gewusst hätten, hätten wir uns unter maximale Drehzahl, Kubik und Pferdestärke etwas vorstellen können? Trotzdem kannten wir bald jede Quartettkarte in- und auswendig, wussten haargenau, welcher Wagen wo seine Stärke hatte – und dass auch die stärkste Kiste irgendwie besiegbar war. Mit ­diesen Duellen verbrachten wir unsere Pausen, fragten einander die Kartenwerte ab, ohne einen Gedanken an die Automodelle zu verschwenden.

25 Jahre später ist es genau wie damals – und doch ganz anders. Das ­Legendenquartett der Radfahrer funktioniert genau wie damals die Sport­autos. Mit dem Unterschied, dass wir uns nun an den einzelnen Namen erfreuen, die Quervergleiche lustvoll finden und staunen, wie klein doch die Palmarès einiger Fahrer sind, die doch zu den ganz Grossen zählen. Zur Schwelgerei tragen auch die kunstvollen Bilder bei, die zehn ­Illustratoren in verschiedenen Stilen angefertigt haben. Dass nicht alle Quartette gleich stark sind, hat mit der Radgeschichte zu tun, so wirken ­einige Australier und Briten im Vergleich mit den vier Vertretern der traditionellen Radsportnationen fast etwas deplatziert angesichts des Ungleichgewichts ihrer Leistungsausweise.

Als Spielpartner gibt es keinen besseren als Freund Alain, der die Tour-Sieger bis anno dazumal fehlerfrei herunter­beten kann und auch zu jedem von ihnen eine, nein, meist eine ganze Handvoll Anekdoten bereithat.

Wir mischen und verteilen die 40 Karten auf zwei Häufchen. Zum Auftakt folgt gleich ein reizvolles Duell:

Jan Ullrich siegt gegen Didi Thurau (7:6 Tour-Etappensiege). Im Quartett, wo nur Siege und Leadertrikots zählen, wird Ullrich zum Zwerg. Ihm kam einst Lance Armstrong in die Quere, sonst wäre wohl noch der eine oder andere Tour-Sieg dazugekommen. Trotzdem besiegt «Ulle» den «blonden Engel» – der Spitzname ist bei jedem Fahrer vermerkt.

Sean Kelly schlägt Charly Gaul (11:0 Classiques). Ein Duell der Gegensätze, das Alain, der den irischen Pass besitzt, ins Schwärmen bringt: «Kelly stand einmal am Flughafen plötzlich neben mir. Ich fragte ihn um ein Autogramm. Er ­erfüllte den Wunsch – wohl auch, weil ich mit irischem Akzent gefragt hatte.»

Rik van Looy übertrifft Fabian Cancellara (14:7 Classiques). Das Duell erinnert an die Woche nach Cancellaras erstem Flandern-Sieg 2010. Dessen belgischer Fanclub lud zum Treffen in einer Spelunke auf dem Land, zwei der ersten gezapften Biere gingen an die beiden ­angereisten Schweizer Journalisten. Die Beiz war überfüllt, im Garten dahinter sass Van Looy, Ehrenpräsident und grosser Fan. «Ich hätte mehr Rennen gewinnen müssen, um jetzt mit Fabian verglichen zu werden», sagte er bescheiden.

Lucien van Impe toppt Eddy Merckx (8:3 Bergwertungen). Es ist der aussergewöhnlichste Sieg und lenkt die Partie in meine Richtung. Merckx ist in diesem Spiel quasi unbesiegbar, in jeder Kategorie führend – ausser eben bei den Bergtrikots. Neben Merckx gibt es noch zwei ähnlich dominante Figuren im Quartett: Bernard Hinault und Jacques Anquetil – ist ja irgendwie auch logisch für die fünffachen Tour-Sieger. Nur Miguel Indurain will nicht so richtig in die Reihe passen. Quartett-technisch hat er eine schwache Defensive, mit gleich zwei Nullern (Vuelta, Bergwertungen).

Luis Ocaña gewinnt gegen Hugo Kob­let (17:11 Maillot jaune). Das Duell stimmt uns nicht nur etwas nachdenklich, weil unser «Pédaleur de Charme» dem spanischen Kletterer unterlegen ist, sondern weil die beiden ein trauriges Ende gemein haben. Beide beendeten ihr Leben wohl selber. Während bei Ocaña, der sich erschoss, dieser Fakt unbestritten ist, ist bei Koblet bis heute nicht ­endgültig geklärt, ob er seinen fatalen Autounfall absichtlich verursachte.

Das Finale unseres Spiels ist irgendwie kitschig. Ich habe einen Lauf, Alain nur noch eine Karte. Doch die sorgt für die Wende: Es ist Fausto Coppi, «Il Campionissimo», der Champion aller Champions. Wir nehmen das Zeichen ernst, beenden das Spiel und bestellen noch ein Bier: Auf die Legenden! Damit kommt auch der Sarkasmus zurück: Eine Kategorie «Dopingprobleme» hätte für überraschende Duelle sorgen können. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.07.2015, 00:07 Uhr

Legendenquartett Internationaler Radsport (40 Karten) – 15 Franken, erhältlich unter www.legendenquartett.ch.

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