Vier Nummern 1 sollt ihr sein

Der Schweizer Bahnvierer will sich an der WM ohne Teamleader Stefan Küng auf einem neuen Niveau beweisen.

Mit 25 Jahren ist Silvan Dillier der Routinierteste des Schweizer Quartetts. Hier misst er die Rundenzeiten seiner Teamkollegen. Fotos: Peter Klaunzer (Keystone)

Mit 25 Jahren ist Silvan Dillier der Routinierteste des Schweizer Quartetts. Hier misst er die Rundenzeiten seiner Teamkollegen. Fotos: Peter Klaunzer (Keystone)

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Natürlich ist es nicht angenehm, wenn ein Fahrer wie Stefan Küng ausfällt. Als Jahrzehnttalent wurde dieser schon ­gelobt, als Nachfolger von Fabian Cancellara angekündigt. Doch statt sich im Olympia-Vélodrome von London auf die WM einzustimmen, trainiert der 22-Jährige derzeit zu Hause im Thurgau. Im Winter war bei ihm das pfeiffersche Drüsenfieber diagnostiziert worden. Es war die Reaktion des jungen Körpers auf die erste Profisaison, in der Küng, der sich selber schon als «Muni» bezeichnet hat, zu viel machte, wohl auch zu viel mit sich machen liess. Die Krankheit scheint nun überwunden, doch die Bahn-WM wäre zu früh gekommen, hätte ihn zu früh in die Welt der Weltklasseleistungen zurückbefördert.

So wird es nichts mit der Verteidigung seines Titels in der Einzelverfolgung. So wird es auch nichts mit der Olympia-Hauptprobe für den Schweizer Bahn­vierer in Bestbesetzung. Natürlich wäre man gerne so zum letzten Wettkampf vor den Spielen in Rio angetreten. Aber vielleicht hat Küngs Absenz auch ihr Gutes.

Das glaubt zumindest Silvan Dillier, mit seinen 25 Jahren das routinierteste Mitglied der Formation. Der Aargauer gehörte einst zu den Gründungsmit­gliedern des Bahnprojekts, verabschiedete sich dann aber zwischenzeitlich von ­diesem, weil er seine Strassen­karriere lancieren wollte, in die er mit kleineren Schritten startete als der hochgelobte Küng.

Dillier veränderte die Dynamik

Letzterer liess sich die Freiheit, auch als Strassenprofi Bahnwettkämpfe zu bestreiten, in den Vertrag mit BMC schreiben. Teamkollege Dillier hatte, als er ein Jahr zuvor seinen ersten Profivertrag ­unterschrieben hatte, nur davon träumen können, so etwas zu fordern. Doch weil das Team BMC Küng die Bahnfreiheiten zubilligte, konnte es bei Dillier schlecht anders reagieren. Schliesslich ist Hauptsponsor und Velofabrikant BMC auch mit Swiss Cycling und dem Bahnprojekt eng verknüpft.

Mit Dilliers Ankunft veränderte sich auch die Dynamik im Vierer. Zuvor war es Küng gewesen, der mit seiner unbändigen Kraft, sprich zusätzlichen Führungsrunden, gewisse Mankos der Kollegen kompensiert hatte. Nein, noch mehr, sagt Nationaltrainer Daniel Gisiger: «Küng erlaubte es uns, schnell zu fahren.» Gisiger bestätigt aber, dass sich die Verhältnisse seither verändert ­haben: «Seit sich Dillier Ende letztes Jahr voll dem Viererprojekt verschrieben hat, sind die Rollen nicht mehr so klar verteilt.»

«Auf dem Niveau müssen alle Verantwortung übernehmen.»Silvan Dillier

Das hat mit Dillier, aber auch mit dem grundsätzlich gestiegenen Niveau des Bahnvierers zu tun. «Bis zu einer gewissen Stufe kann ein Fahrer mit zusätzlichen Ablösungen etwas kompensieren», sagt Dillier. «Aber auf dem Niveau, das wir mittlerweile erreicht haben, müssen alle Verantwortung übernehmen. Es geht nicht mehr darum, wer Nummer 1 bis 4 ist. Es müssen alle die 1 sein.»

An der Heim-EM im Herbst in Grenchen funktionierte das noch nicht ganz wie gewünscht – trotzdem schauten EM-Silber und ein Schweizer Rekord heraus. Bei diesem war es wie bei allen Verbesserungen zuvor: Der Auftritt war bei weitem nicht perfekt, das Steigerungspotenzial also offensichtlich – eine bessere Motivation kann es gar nicht geben.

Traum vom perfekten Rennen

Eine solche haben die Schweizer nun auch in London, wo sie heute am ersten Tag der Bahn-WM die Qualifikation der Mannschaftsverfolgung bestreiten, morgen folgen Zwischen- und Finalrunde. Sie wollen ihr gesteigertes Niveau unter Beweis stellen, Gisiger hofft, dass sein Vierer an der WM in die Nähe des Schweizer Rekords (3:56,791 Minuten) von Grenchen fahren kann.

In der inner­europäischen Ausmarchung im Oktober reichte jene Zeit für den EM-Final, an der WM dagegen gelten andere Massstäbe. Die Australier und Briten sind der Konkurrenz entrückt, dahinter ist diese nahe beisammen, und es zählt dann auch, wer in Bestbesetzung antreten kann – oder eben nicht wie im Fall der Schweizer. Entsprechend rechnet Gisiger mit einem Rang zwischen 4 und 6. Was eine so nüchterne wie realistische Ansage ist. Gut so: Denn sein Traum, ­jener des perfekten Rennens, das zur Medaille führt, soll ja erst in Rio in Erfüllung gehen.

Erstellt: 01.03.2016, 18:37 Uhr

Bahn-WM in London

Schweizer Einsätze

Heute 14.00 – Qualifikation Teamverfolgung. Beer, Dillier, Pasche, Schir. Ersatz: Imhof
19.50 –Scratch: Imhof oder Pasche

Morgen ev. Haupt- u. Finalrunde Teamverfolgung

Freitag Omnium: Suter. – Punktefahren: Imhof – Einzelverfolgung: Dillier, Pasche.

Samstag Omnium 2. Tag: Suter.

Sonntag Madison: Dillier/Schir

Die Schweizer Bahnradfahrer Frank Pasche, Thery Schir, Oliver Beer und Silvan Dillier (v.l.).

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