«Warum seid ihr alle so ernst?»

Strassenweltmeister Peter Sagan zeichnet neben seinem Talent vor allem seine Lockerheit aus. Die würde auch den anderen gut anstehen, findet er.

«Ich habe einen anderen Background»: Ehe Peter Sagan zum Star und Weltmeister auf der Strasse wurde, fuhr er Mountainbikerennen.

«Ich habe einen anderen Background»: Ehe Peter Sagan zum Star und Weltmeister auf der Strasse wurde, fuhr er Mountainbikerennen. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie sind nicht wie die anderen Radprofis.
Das hoffe ich.

Sie tragen die Haare lang, mal Vollbart, mal Kinnbart. Wo Sie sind, sind auch Show und Extravaganz nicht weit. Wie bewusst pflegen Sie dieses Image?
Ich bin einfach ich selber, das gehört einfach zu mir.

Dann sind die anderen Fahrer zu anständig, zu langweilig?
Schauen Sie, Radfahren ist sehr hart. Und ich denke, je härter ein Sport ist, umso ernster werden die Sportler. Sie versuchen alle kleinen Dinge richtig zu machen. Sie überlegen sich alles bis ins letzte Detail: wann sie schlafen gehen, was sie essen, wie sie sich erholen. «Ich wollte 4 Stunden trainieren, habe aber nur 3 Stunden 50 Minuten gemacht», solche Gedanken können belasten. Das prägt, das hinterlässt Spuren im Kopf. Das ist der Grund, weshalb die meisten Fahrer dann auf Leute wie euch ernst wirken. Aber das ist normal, es ist ein harter Sport.

Und Sie?
Ich habe einen anderen Background. Ich bin erst Mountainbike gefahren. Da dauert das Rennen eine gute Stunde, ich habe mich auch im Motocross und Radquer versucht, ich mag Downhill. Da hast du eine total andere Mentalität, diese versuche ich zu behalten. Sonst ist es für mich ein langweiliger Sport. Aber ich frage mich manchmal schon auch: Warum seid ihr alle so ernst? Wir müssen auch Spass haben.

Sie haben auf höchstem Level Spass, andere leiden – sind Sie einfach talentierter?
Das mag sein, ich habe körperliche Voraussetzungen, die mir helfen und mich vielleicht bevorteilen. Doch das alleine hilft dir nichts. Du musst hart arbeiten. Das mache ich.

Arbeiten Sie mehr als die anderen?
Sicher nicht. Meine Mentalität ist auch: Du kannst so hart trainieren, wie du willst – aber das ist nicht immer effizient. Manchmal ist weniger mehr. Wir haben bereits so viele Rennen in einer Saison, daneben das harte Training und die Erholung. Deshalb braucht es eine gute Balance.

Und Sie sind effizient?
Nicht immer. Ich lerne immer noch dazu.

Wenn wir Ihnen beim Fahren zuschauen, wirkt alles enorm locker.
Das macht Sinn. Wenn Sie mich im Rennen sehen, dann fahre ich vorne im Feld, weil es mir gut läuft – und das Fernsehen filmt mich. Wenn ich aber leide und hinten bin, dann ist keine Kamera da.

Leiden Sie gerne?
Wer macht das gerne?

Es gibt Fahrer, die finden eine gewisse Erfüllung darin.
Wirklich? Ich mag das nicht. Aber es gehört dazu.

Wie leiden Sie?
Ich jammere – und halte es aus. Und wenn im Training einer schneller fahren will als ich, sage ich ihm, er solle nur zufahren. Doch ich gehe sicher nicht mit.

Und im Rennen?
Da ist es anders. Wenn du merkst, dass die anderen leiden und du sie abhängen kannst, dann leidest du mit Vergnügen. Du fühlst dich gut, der Körper läuft rund, das passt. Wenn es dir aber schlecht läuft, dann leidest du doppelt, dann leidet auch der Kopf.

Wo leiden Sie am meisten?
Wenn du nicht um den Sieg mitfährst, fühlst du es einerseits in den Beinen, andererseits sagt dir der Kopf, dass du eigentlich vorne sein müsstest. Das ist hart. Das eine folgt auf das andere.

Und wenn Sie dann auch noch abgehängt werden?
Das ist noch nie passiert!

Sie sind in vielen Kategorien überdurchschnittlich gut: im Sprint, in schweren Eintagesrennen, in Abfahrten. In welchem Bereich möchten Sie sich noch verbessern?
Gute Frage. Um in meinen Rennen zu reüssieren, muss ich als Fahrer möglichst komplett sein. Natürlich könnte ich mich beim Bergauffahren verbessern. Aber würde ich dann jene Rennen gewinnen? Es würde immer Bergfahrer geben, die noch besser, noch leichter wären als ich. Zudem besteht die Gefahr, dass du nur auf Kosten von etwas anderem besser wirst. Wenn ich also mehr am Berg trainiere, dann verliere ich womöglich meine Stärken im Sprint – und umgekehrt komme ich vielleicht nicht mehr mit dem Feld über die entscheidenden Hügel, wenn ich im Training mehr auf den Sprint setze. Das ist sehr dünnes Eis, auf dem ich mich da bewege.

Es gibt aber einen Bereich, den man nicht in dem Masse trainieren kann: die Abfahrten, die auch eine Instinktsache sind. Sie beherrschen sie wie kaum ein anderer.
Kommt drauf an, gewisse Fähigkeiten kann man sich schon als Kind aneignen. Wenn Sie von klein auf Turnen, bleiben Ihre Muskeln geschmeidig. So ist es bei mir mit dem Bergabfahren. Ich bin früher viel Mountainbike und Radquer gefahren, auch Sprünge. Das gibt ein gutes Gefühl für das Velo. Das hilft.

Stürzten Sie damals auch?
Natürlich. Oft.

Im Gegensatz zu heute. Haben Sie nie Angst, wenn Sie in einer Abfahrt bis ans Limit gehen, Risiken eingehen?
Es gibt Kurven, da denkst du: «Oh, das war knapp am Sturz vorbei», doch dann ist der Moment schon vorbei, es kommt die nächste Kurve – du hast gar keine Zeit, darüber nachzudenken. Aber ich fahre immer so, dass ich das Velo unter Kontrolle habe. Du musst dir und dem Material vertrauen. Wenn es hingegen Öl oder Kies auf der Strasse hat, hast du keine Chance. Aber an so etwas denke ich nie.

Wenn wir über Angst sprechen: Fürchten Sie das Verlieren?
Ich glaube nicht. Vielleicht, wenn ich über eine lange Zeit nichts gewinne, könnte die Angst vor einer weiteren Niederlage kommen. Doch es geht um etwas anderes: die gute physische Verfassung. Wenn ich das Gefühl habe, alles gemacht und eine gute Leistung gebracht zu haben, dann kann ich eine Niederlage akzeptieren. Im Moment ist das zwar hart. Ich blieb an der Tour de France zwei Jahre ohne Etappensieg. Klar gibt es da Momente, in denen du sagst: «Aufhören!» Aber dann realisierst du, dass es nur ein Rennen ist, dass bald das nächste folgt.

Die Durststrecke ist längst vorbei, heuer stehen Sie bei vier Saisonsiegen. Wie fühlt es sich derzeit an, Peter Sagan zu sein?
Ich bin glücklich. Ich will nichts an mir ändern und ich selbst bleiben. Häufig ist das Leben lustig, manchmal aber auch hart.

Was ist hart daran, Peter Sagan zu sein?
Nur schon das Leben eines professionellen Radfahrers ist hart. Du muss viel trainieren, du ordnest dem dein ganzes Leben unter. Es gibt aber auch Dinge, die mein Beruf mit sich bringt, wie Sponsoren, Fans, Medien. Du hast weniger Zeit für dein Privatleben, für die Dinge, die du lieber tun würdest. Aber das ist alles eine Frage, wie du damit umgehst.

Und Druck und Erwartungen?
Das kenne ich nicht. Ich bin relaxt.

Wirklich?
Weshalb sollte ich mich unter Druck fühlen?

Sie sind momentan der bestverdienende Radprofi, alle erwarten von Ihnen Siege.
Wenn ich gut arbeite und wenn ich glaube, die richtigen Dinge zu tun, dann kommen die Resultate automatisch. Daran glaube ich. Ich denke nicht an Resultate. Und ich bin kein Rundfahrtenspezialist, der auf die Tour de France hin trainiert und sie gewinnen muss. Diese Fahrer haben mehr Druck, sie müssen mehr opfern, weil sie nur ein Rennen haben. Ich kann hier an der Tour de Suisse eine Etappe gewinnen, in Kalifornien oder an der Tour de France – ich habe genügend Chancen, es gibt genügend Rennen. Ich bin zudem froh, dass ich bereits zwei WM-Titel geholt habe. Es ist nicht immer einfach, doch diese Dinge beschäftigen mich nicht allzu sehr.

Sie erwähnen Ihre WM-Titel. Die Regenbogentrikots haben Sie zusammen mit Ihrem Auftreten zum ersten globalen Radstar seit Lance Armstrong gemacht.
Ich weiss nicht. An den Rennen sind vor allem Radfans, die kennen mich. Aber ausserhalb? Globaler Radstar? Am Flughafen werde ich erkannt, Berühmtheiten kommen auf mich zu, aber auch das sind meist Leute, die den Radsport verfolgen. Ich sehe mich nicht auf der Höhe von Federer oder Bolt. Armstrong gehörte auch in diesen Kreis. Ich zähle mich nicht dazu.

Weshalb?
Meiner Meinung nach ist die Tour de France das grösste Rennen der Welt. Armstrong wurde zwar früh in seiner Karriere auch Weltmeister, über den Sport hinaus berühmt wurde er aber erst, nachdem er mehrere Male die Tour gewonnen hatte.

Sie sagen, die Tour zu gewinnen, sei viel schwieriger. Demnach ist Seriensieger Chris Froome der bessere Fahrer als Sie?
Kommt drauf an. Er ist einfach ein anderer Typ Fahrer als ich.

Wo sehen Sie Ihren Platz in der Radsportgeschichte?
Darüber mache ich mir keine Gedanken. Wirklich keine (sein Betreuer, der neben ihm sitzt und zuhört, nickt vehement und sagt: «Es ist wahr, glauben Sie mir!»). Ich kenne zwar Merckx und Moser, solche Leute – aber nein, das beschäftigt mich nicht.

Was treibt Sie denn an?
Ich will immer alles aus mir herausholen. Auch meine vergangenen Siege motivieren mich, ich bin eine Ikone im Radsport geworden – das will ich bestätigen. Und natürlich sind da die Menschen, die mich anfeuern. Es ist sehr nett, wenn du in einem Feld mit 100 Fahrern unterwegs bist und die Zuschauer am Strassenrand «Peter Sagan» rufen.

Welche Ziele haben Sie noch?
Die Weltmeisterschaft und die Radmonumente natürlich. Paris– Roubaix wäre sehr nett, das habe ich noch nie gewonnen. Und ein weiteres grünes Trikot für den besten Sprinter an der Tour de France.

Das gelbe Leadertrikot interessiert Sie nicht?
Dafür bin ich wegen meines Körpers nicht geeignet.

Obwohl Sie den Anschein machen, als könnten Sie alles erreichen. Was, wenn Sie also gezielt dafür trainierten, fünf Kilogramm abnehmen würden?
Wenn ich denn fünf Kilo verlieren wollte... Aber ich bin zufrieden mit mir und dem Jetzt.

Erstellt: 11.06.2017, 13:24 Uhr

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Blogs

Sweet Home Holen Sie sich die Natur ins Haus

Mamablog Wären Sie gerne Ihr eigenes Kind?

Die Welt in Bildern

Man soll die Feste feiern, wie sie fallen: Menschen in «Txatxus»-Kostümen nehmen am traditionellen ländlichen Karneval in Lantz, Nordspanien, teil. (24. Februar 2020)
(Bild: Villar Lopez) Mehr...