Wie die Equipe mit den Schweizern durchstartet

Das Team Groupama-FDJ um Thibaut Pinot ist französisch, familiär – und erfolgreich. Wie viel Anteil hat diese Stimmung am Höhenflug des Leaders?

Hat derzeit gut lachen: Thibaut Pinot (l.) kommt an der Tour de France auch dank seinem Schweizer Teamkollegen Sébastien Reichenbach immer besser in Fahrt.

Hat derzeit gut lachen: Thibaut Pinot (l.) kommt an der Tour de France auch dank seinem Schweizer Teamkollegen Sébastien Reichenbach immer besser in Fahrt. Bild: Freshfocus/Stephane Mantey

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Wäre da nicht der Ventilator, der aus einem halben Meter Distanz Marc Madiots Haare zerzausen würde, gäbe es nicht den Hauch einer Bewegung beim Chef des Teams Groupama-FDJ. Das ist bemerkenswert, denn eine ­grössere Bühne als in diesem Moment bietet sich ihm selten. Es sind nicht nur einige französische Journalisten, die bei ­Temperaturen weit jenseits der 30-Grad-Marke auf der Terrasse des Teamhotels ausharren. Fast die ganze Radpresse sitzt hier, um zu hören, was der Teamchef und vor allem sein Leader ­Thibaut Pinot zu sagen haben.

«Ich mache eine kurze Einleitung», beginnt Madiot, bedankt sich dann für das zahlreiche Erscheinen und schliesst mit: «Wir werden so weiterfahren. Offensiv sein, wann immer sich eine Gelegenheit bietet. Und uns nicht zu viele Fragen stellen.»

Das trifft ziemlich gut auch auf ihn zu, das emotionale Zentrum dieser Equipe, die er seit der Gründung vor gut 20 Jahren führt. Seine Ausbrüche können ins fast schon absurd Emotionale kippen, wenn er wie am Sonntag hinter der Ziellinie steht und auf einen TV-Bildschirm starrend Pinot in einer Inbrunst anfeuert, als sässe er alleine daheim im Wohnzimmer. «Vorwärts, mein Grosser, vorwärts, mein Grosser! Du bist gross heute, du bist sehr gross!» Er lebt mit wie sonst keiner, und es ist ihm auch egal, wenn er von mehreren ­Kameras gefilmt wird.

Wie der verschrobene Onkel

Bei Groupama-FDJ ist es wie in einer Familie. Da gibt es den ­etwas verschrobenen Onkel, den alle mögen –auch genau darum. Das Familienbild wird in Sportteams inflationär benutzt. Doch in dieser Radequipe gibt es tatsächlich enge Bande wie in kaum einem anderen Team, familiäre wie freundschaftliche. Sie machen Groupama-FDJ aus. Und bieten ihrem Leader Pinot so jenes Umfeld, das diesem ermöglicht, in der Schlusswoche der Tour de France 2019 um den Gesamtsieg zu fahren. In den Pyrenäen war er der stärkste Fahrer.

Neben Marc ist auch Bruder Yvon Madiot ein Pfeiler, er sitzt als Sportlicher Leiter im Teamauto. Gäbe es nicht diese äusserliche Ähnlichkeit, man käme ­aufgrund der unterschiedlichen Charaktere nie auf die Idee, dass sie miteinander verwandt sind. Überdies ist auch Yvons Tochter Elisa im Team engagiert, in der Kommunikation und als ­Betreuerin der Sponsoren.

Den anderen Doppelpfeiler stellt die Familie Pinot: mit Thibaut als Teamleader und seinem Bruder Julien als dessen Trainer. Letzterer kümmert sich aber ­natürlich ebenso um die Trainingspläne der anderen Fahrer. Auch der Masseur, der Physiotherapeut, der Teamarzt – alles Freunde Pinots.

Küngs spezielle Position

Die Personalfluktuation ist in französischen Teams generell tiefer, was auch mit den Sozialverträgen zusammenhängt. Doch auch das Fahrerpersonal ist treu. Die acht Tour-Fahrer stehen im Schnitt bereits seit sieben Jahren unter Vertrag, wobei Neuankömmling Stefan Küng den Durchschnitt erheblich senkt.

Tritt neben Tour-Leader Julian Alaphilippe in die Pedalen: Der Schweizer Stefan Küng (r.) leistet für das Team Groupama-FDJ wertvolle Arbeit. (Bild: Getty Images/Justin Setterfield)

Der Thurgauer hat aus zwei Gründen eine spezielle Position: Er ist – neben dem amerikanischen Koch – der Einzige im Team, der nicht Französisch als Muttersprache hat. Zudem stiess der Spezialist für die Classiques erst auf die Tour hin zu Pinots Gruppe. Diese wurde Anfang Jahr gebildet, die sieben Fahrer haben praktisch die ganze Saison ­gemeinsam bestritten.

«Unsere Gruppe wartet seit dem Winter auf diese Momente», sagt David Gaudu, mit 22 der Jüngste im Team. «Du schaust beim Zusammenstellen eines Teams, dass die Charaktere zusammenpassen. Dann können magische Dinge geschehen», sagt der zweite Sportliche Leiter, Philippe Mauduit.

Dreimal die Tour aufgegeben

Vier Fahrer haben ihre ganze Karriere bei Groupama-FDJ verbracht, auch Pinot. Er steht in seiner elften Profisaison, und man kann mit Recht behaupten: Er ist angekommen. Dafür musste er 29 werden und mehr Tiefs durchleben, als das für einen Fahrer seines Kalibers üblich ist.

Er gewann zwar gleich beim Tour-Debüt 2012 eine Etappe, doch der Erfolg, respektive die damit entstandenen Erwartungen, bekamen ihm nicht gut. Er drohte am Druck zu zerbrechen. Bei den folgenden fünf Teilnahmen gab er dreimal auf, einmal gewann er in Alpe d’Huez, einmal wurde er Gesamtdritter. «Ich hatte Glück, auf dem Podium zu landen», sagt er. «In den Jahren danach glaubte ich nicht mehr richtig daran. Jetzt schon.»

In den vergangenen zwei Jahren war sein Verhältnis zur Tour de France so schwierig, dass er sich stattdessen auf den Giro d’Italia konzentrierte. Für ein französisches Team eigentlich ein No-Go. Manche Teamleitung wäre verzweifelt. Nicht Groupama-FDJ –und Pinot zahlt das Vertrauen jetzt zurück. Vergangenen Herbst gewann er an der Vuelta zwei Etappen, im Herbst auch noch die Lombardei-Rundfahrt, im direkten Duell mit Vincenzo Nibali. Das waren Momente, die ihn realisieren liessen, dass er es mit allen aufnehmen kann.

«Die Ambiance ist wärmer als in anderen Teams.»Sébastien Reichenbach, Schweizer Meister

Sogar mit den Medien, vor denen Pinot ebenfalls seine Entwicklung beweist. In 20 Minuten arbeitet er sich selbstbewusst durch knapp 30 Fragen – nur auf Französisch, Englisch spricht er nicht. Der Junge aus der Franche-Comté, 30 Kilometer nordwestlich der Schweiz gelegen, der sich auf dem von den Grosseltern geerbten Land ein Holzhaus gebaut hat und seine Zeit am liebsten dort verbringt, mit seinen Freunden und seinen Tieren (er hält Ziegen, Schafe, Hühner und Katzen), hat gelernt, dass dieser Zirkus auch zu seinem Beruf gehört.

Das Team hat zugleich gelernt, in welcher Atmosphäre sein Leader zu Höchstleistungen fähig ist. Anfang Jahr versuchte man es erstmals mit einem Höhentrainingslager auf Teneriffa, drei Wochen, wie das heute fast alle Teams machen. Doch Pinot war es nicht wohl, weit weg von zu Hause, weg von seinen Tieren. «Die ein, zwei, drei Prozent, die er in der Höhe an Leistung gewinnt, gehen wieder drauf, wenn er sich nicht wohlfühlt», sagt Philippe Mauduit. Also brach man den Versuch wieder ab.

So ist das bei Groupama-FDJ. Der Umgang ist feiner als sonst im Profisport. «Die Ambiance ist wärmer als in anderen Teams», sagt Sébastien Reichenbach, der Schweizer Meister, der seit vier Jahren in den Bergen einer von Pinots präferierten Helfern ist. Das Testosteron-Gebrüll, wie man es nach Siegen bei anderen Equipen kennt, ist hier weit weg.

Die Blase schliesst sich

So ist das auch im Rennen. Mit Gaudu, seinem letzten Mann am Berg, reicht zur Verständigung oftmals ein Nicken. «Er ist auf dem Velo nie gestresst, schreit nicht in den Teamfunk», sagt Gaudu. «Er ist jetzt viel entspannter, hat Lust auf die Tour», sagt Reichenbach.

Pinot und seine Kollegen sitzen längst beim Mittagessen, als der Sportliche Leiter Mauduit in der Hotelbar immer noch Fragen beantwortet und irgendwann beiläufig erwähnt, dass auch ihm das gar nicht so behage. «Doch wir geben ihnen heute einen kleinen Einblick in unsere Blase. Und heute Abend ziehen wir uns ­wieder in diese zurück», sagt er, lächelt und verabschiedet sich ebenfalls – auf dass die Blase eine weitere Woche intakt bleibe.

Erstellt: 23.07.2019, 13:25 Uhr

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