Wie Stefan Küng es an die Spitze schaffte

Der Thurgauer wird am Ort seines allerersten Radrennens Leader der Tour de Suisse. Ein Rückblick auf eine noch junge Karriere.

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Es ist natürlich Stefan Küng, der das Team BMC auf den letzten der 18 Kilometer führt. Bei der Zwischenzeit lag seine Equipe voraus, langsamer wurde sie auch danach nicht. Reicht das für den Sieg? Reicht das für seine Krönung, das Leadertrikot? Dafür müsste er sein Vorderrad als Erster über die Ziellinie schieben.

Eine klare Abmachung unter den Teamkollegen gibt es nicht. Nur den Hinweis von Teamcaptain Greg Van Avermaet, dass es Küng sein solle – wenn nichts dazwischen komme. Das ist nicht der Fall. Küng schafft es, sich an den anderen vorbeizuschieben, und ist Leader der Tour de Suisse.

Er lächelt, als er nach kurzem Durchschnaufen zur Ziellinie zurückrollt, wo sich die Zuschauer für die Siegerehrung eingefunden haben. Die Backen sind vom 20-minütigen Effort gerötet – und man erkennt in seinem Strahlen für einen Moment den kleinen Jungen, der einst davon geträumt hat, einmal ein grosses Velorennen zu bestreiten. Der Tour-de-Suisse-Start in Frauenfeld ist für Küng ein Rendezvous mit der Vergangenheit, eine Rückkehr zu seinen Wurzeln: Die Strecke des Teamzeitfahrens passiert nach einem Kilometer eine Stelle, die er schon einmal rennmässig befuhr, in seinem allerersten Radrennen, 14 Jahre ist das her.

Keine Extase, eher eine stille Freude. Denn Küng will mehr

Damals wartete im Ziel noch kein gelbes Trikot auf den kleinen Jungen. Im Gegenteil. «Ich hatte keine Ahnung damals, startete bei 25 Grad mit einem Langarmtrikot», sagt er. Die Freude am Rennfahren aber, sie war damals vielleicht gar nicht so anders wie heute. «Wenn ich sehe, was er daraus gemacht hat. Mit wie viel Leidenschaft, Freude und Begeisterung er das für sich macht. Da bin ich stolz», sagt seine Mutter Brigitte Leu, die den grossen Tag nervös im Zielraum mitverfolgt.

Vielleicht winkt er ihr, als er ein ums andere Mal wieder aufs Podest der Siegerehrung gerufen wird: Als Etappensieger mit dem Team, als Gesamtleader und als bestklassierter Nachwuchsfahrer. Immer wieder sieht er ihm bekannte Gesichter. Die jener Leute, «die hinter mir stehen, wenn es nicht rund läuft. Für die ich mich extra ins Füdli klemme.»

Dieses Jahr will er das gelbe Trikot länger behalten

Es ist keine Extase, die Küng überkommt, eher eine stille Freude. «In mir herrscht eine tiefe Zufriedenheit. Aber zugleich denke ich schon an morgen und übermorgen», sagt er. Ausgelassenheit findet er an diesem aussergewöhnlichen Tag fehl am Platz. Das hat seinen Grund: Schon letztes Jahr trug er einen Tag lang das Leadertrikot, verlor es dann aber gleich wieder. Das soll ihm nicht noch einmal passieren.

Wie ist er hier angelangt? Am Anfang stand ein simples Nein. Küng ist ein achtjähriger Jüngling, schon da versiert auf Zwei- und Dreirad, als er die Mama bittet, mit ihr ein Motocrossrennen im nahen Sirnach zu besuchen. Das Rennen, der Lärm, die wilden Fahrten, sie verzaubern ihn. Die Frage kommt sogleich: Mama, darf ich das auch? «Nein, das kannst du vergessen. Das ist viel zu teuer», bescheidet sie ihm.

Sie lanciert mit diesem Nein letztlich seine Velokarriere, ansonsten wäre ihr Bub nun vielleicht Motocross-Fahrer – ebenfalls mit einem Heimauftritt in diesem Sommer: Im August trägt die Weltelite einen WM-Lauf auf dem Zuckerrohrfeldern im Westen von Frauenfeld aus. Nun präsentiert sich Küng dafür im Norden der Stadt, die Tour de Suisse hat ihre Zelte bei der Pferderennbahn aufgeschlagen.

«Ich will auch einmal Velorennen fahren»

Weil die Mutter damals Nein zum Motocross sagt, gibt sich Küng erfinderisch: Er steckt sich Kartonstücke in die Velospeichen – so rattert und lärmt es beim Fahren, was ihm auch auf dem Fahrrad eine Art Motocross-Gefühl gibt.

Das BMX, das er sich später wünscht, kann ihm die Mutter dann nicht mehr abschlagen. Zu jener Zeit besucht er mit ihr auch erstmals ein Radrennen, den Militärklassiker St. Gallen–Zürich – ein Onkel fährt zum Plausch mit. Danach sagt er zu seiner Mutter: «Ich will auch einmal Velorennen fahren.»

Er muss sich dann noch etwas gedulden. Erst mit 10 kann er dem Veloclub Fischingen beitreten. Eine Bedingung hat die Mutter gestellt: Er muss den Beitritt selber organisieren – was Küng mit einem Anruf beim Präsidenten erledigt.

Als Junger ist er körperlich unterlegen – und siegt doch

In Guido Amrhein findet er seinen ersten Förderer. «Er fuhr und machte, ich musste ihn immer zurückhalten», sagt Amrhein, der als Ex-Profi ein Auge für Talente hat, im Veloclub schon Alex Zülle trainierte. Auf den Clubausfahrten ist Küng immer für Wettkämpfchen zu haben, fordert auch die älteren Fahrer heraus. Auch da bremst Amrhein. «Ihr müsst aufhören, sonst macht ihr ihn kaputt», sagt er den Kollegen.

Die ersten Erfolge stellen sich bald ein. Was aus heutiger Sicht bemerkenswert ist. Denn Küng lebt damals noch nicht von seinen enormen physischen Kapazität. Körperlich ist er den Gleichaltrigen unterlegen. «Er war ein kleiner Bub. Erst mit 17, 18 schoss er in die Höhe», sagt Amrhein.

Dass er doch gewann, lag damals an seinem unbändigen Siegeswillen, weil er einfach angriff – und allen davonfuhr. Das versucht er manchmal auch heute noch. Nur weiss er seinen Willen nun mit seinen ausserordentlichen physischen Kapazitäten zu kombinieren.

Er hat seinen Kopf, schon damals

Den grossen Radsport lernt Küng dann als 15-Jähriger kennen. Amrhein und er radeln während zwei Wochen mit Zelt und Schlafsäcken bepackt über die französischen Pässe und verfolgten so die Tour de France, sahen die Rennfahrer an der Alpe d’Huez und auf dem Col de la Bonette. Die reine Idylle herrscht aber nicht zwischen den beiden. Küng hat seinen Kopf, schon damals. Er interessiert sich für den Bahnradsport, nachdem er Bekanntschaft mit Nationaltrainer Daniel Gisiger gemacht hat. Amrhein ist dagegen, es kommt zur Trennung.

Die Geschichte ist längst vergessen. Küng weiss, was er seinen Wegbegleitern zu verdanken hat, meldet sich bei ihnen, trinkt mit ihnen einen Kaffee, wenn er mal in der Heimat weilt.

Der Bahnnationaltrainer wünschte sich Küngs Rückkehr

Bahn-Nationaltrainer Gisiger meldet sich am Samstag aus Aigle, die übernächste Nachwuchsgeneration trägt dort ihre Schweizer Meisterschaft aus, er hat kurz Pause. Er kann sich noch an das blaue VC-Fischingen-Trikot erinnern, das Küng bei ihrer ersten Begegnung trug. Der Westschweizer führt Küng zu den ersten grossen internationalen Erfolgen, zu EM- und WM-Titeln auf der Bahn. «Er hat einen irrsinnigen Motor, eine gute Konstitution, ist ein gesunder Bursche», sagt Gisiger. «Er ist zwar technisch nicht so begabt auf dem Velo.» Dafür rühmt er seinen runden Tritt: «Das ist genetisch. Das Gespür im Fuss hast du – oder nicht.»

Auch Gisiger hört Küng noch ab und zu. Von der Bahn hat sich der Athlet 2016 verabschiedet – auch wenn sich der Nationaltrainer wünschte, er würde Richtung Olympia in Tokio 2020 vielleicht noch einmal zurückkehren.

Tokio 2020 ist auch das Schlagwort, das Patrick Noack verwendet. Der Sportarzt erhielt in den vergangenen Jahren zu oft Anrufe von oder wegen Küng. Warum das so war? Ein kurzer Blick in Küngs Krankenakte genügt:

April 2018: Kieferbruch
März 2018: Schulter ausgekugelt
Juni 2016: Beckenbruch, Schlüsselbeinbruch, Mittelhandknochenbruch
Dezember 2015: Pfeiffersches Drüsenfieber
Mai 2015: Brustwirbelbruch (T9)
Frühjahr 2015: Lungenentzündung

Noack ist Küngs medizinische Vertrauensperson und als solche hat sich in diesen auch von Verletzungen geprägten Jahren eine enge Beziehung entwickelt. Bei all den Rückschlägen überrascht ihn Küng immer wieder. Nach seinem Sturz bei Paris–Roubaix, der ihm einen Kieferbruch bescherte, sandte er Noack eine SMS voller Galgenhumor: «Zwei Wochen Röhrlikost :-)»

Die Zukunft: Tokio langfristig – aber welches Team 2019?

«Er ist ein Stehaufmännchen. Und ein gescheiter Typ. Wenn man mit ihm etwas bespricht, setzt er es fadengerade um. Das ist längst nicht bei allen Athleten der Fall.» Noack findet aber auch, dass nun mal gut ist mit gesundheitlichen Rückschlägen. «Ich sagte ihm, dass er für seine Karriere die Verletzungen nun abgehakt hat. Nun hoffe ich auf Tokio 2020.» Schliesslich ist er auch Chefarzt von Swiss Olympic.

Die Spiele sind auch bei Küng schon im Hinterkopf, das Einzelzeitfahren in Japan eines seiner grossen Langzeitziele. Davor gibt es aber noch Dinge in seiner näheren Zukunft zu klären. Zum Beispiel, wo diese liegt: Küngs Vertrag mit dem Team BMC läuft aus, wie es mit der Equipe nach dem Rückzug des Hauptsponsors weitergeht, ist bis heute offen.

Sorgen macht sich der 24-Jährige deswegen allerdings nicht, das haben erste Marktsondierungen seines Managements gezeigt: Mehrere Worldtour-Teams haben ihr Interesse angemeldet, möchten ihn als künftigen Co-Leader verpflichten, gerade in den Frühjahrsklassikern, dazu als Etappenjäger in Prologen und Zeitfahren. Der Entscheid über seine unmittelbare Zukunft dürfte Küng bald beschäftigen. Aber noch nicht diese Woche. «Wir haben noch viele Ziele», sagt Küng, erwähnt sein gelbes Trikot, den angestrebten Gesamtsieg von Teamleader Richie Porte, der mit dem gestrigen Sieg die Woche aus der bestmöglichen Position und mit 20 und mehr Sekunden Vorsprung auf seine Konkurrenten in Angriff nimmt.

Und, so viel Selbstvertrauen hat Küng der Sieg dann doch gegeben: «Am letzten Tag folgt in Bellinzona noch ein Zeitfahren. Und dieses möchte ich gewinnen.»

82. Tour de Suisse. 1. Etappe, Mannschaftszeitfahren in Frauenfeld (18,3 km): 1. BMC 20:18 (53,202 km/h). 2. Team Sunweb 0:20. 3. Quick-Step Floors 0:27. 4. Bora-Hansgrohe, gl. Zeit. 5. Mitchelton-Scott 0:29. 6. Movistar 0:33. – 21 Mannschaften gestartet und klassiert.

Gesamt: 1. Küng 20:18. 2. Porte. 3. Van Avermaet. 4. Van Garderen, alle gleiche Zeit. 5. Kelderman 0:20. 6. Oomen (NED) 0:20. – 15. Sagan (SVK) 0:27. 23. Albasini 0:29. 27. Landa 0:33. 28. Quintana, gl. Zeit. 38. Hollenstein 0:46. 41. Spilak, gl. Zeit. 75. Frank 1:07. 105. Dillier 1:20. 109. Schär 1:44. 144. Rast 3:49. – 147 Fahrer gestartet und klassiert. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.06.2018, 23:06 Uhr

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