Bis das Blut fliesst

Kunstradfahrer Yannick Martens zielt an der WM auf eine Medaille. Seine Querelen mit dem Verband gipfelten in einem Prozess.

Für Yannick Martens ist Kunstradfahren ein Balanceakt – nicht nur auf dem Velo. Foto: Christoph Kaminski

Für Yannick Martens ist Kunstradfahren ein Balanceakt – nicht nur auf dem Velo. Foto: Christoph Kaminski

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Das Vorderrad ist rot von Blut, die Hände sind aufgerissen, die Beine mit blauen Flecken übersät. Acht Stunden hat er trainiert in dieser Halle in Tschechien, in der es auch einmal Temperaturen um den Gefrierpunkt gibt, weil die Heizung fehlt und die Scheiben eingeschlagen sind. Doch Yannick Martens gibt nicht auf, er will der Trainerin nicht die Genugtuung schenken, aufgegeben zu haben, so sagt er es. «Du kannst erst dann nicht mehr, wenn du umfällst», das hatte ihm als Kind ein Kunstturntrainer gesagt – es wird zum Motto für den Zürcher. Stunde um Stunde quält er sich in den maroden Gebäuden im Osten Europas, schuftet in den heimischen Hallen weiter unter der Aufsicht von Privattrainerin Petra Ackermann-Brinkova. Zehn Jahre lang geht das nun schon so, verfolgt Martens nur dieses Ziel: an die Spitze zu kommen. Sein Sport? Kunstradfahren.

Es ist eine brotlose Kunst, der sich der 23-Jährige verschrieben hat. Für die Teilnahme an Wettkämpfen muss er bezahlen, manchmal kommen dann zwei Dutzend Zuschauer, die Suche nach einem grossen Sponsor hat er längst aufgegeben. Wieso tut er sich das an? «Das habe ich mich auch schon gefragt», sagt Martens. «Mir macht es einfach Spass, etwas zu machen, was nicht jeder kann. Was Kunstradfahren von einem fordert, an Koordination, Kondition, technisch und mental, das findet man nicht in ­vielen Sportarten.»

Dass er von seinem Vater Hermann Martens, in den 80er- und frühen 90er-Jahren mit zwei Silber- und fünf Bronzemedaillen an Weltmeisterschaften einer der erfolgreichsten Kunstradfahrer, dazu getrieben wurde, verneint er. «Ich konnte machen, was ich wollte», sagt er. Er war ein talentierter Fussballer, mittlerweile hat er keine Zeit mehr dafür. Weil er jetzt ganz Kunstradfahrer ist.

Nur zwei Deutsche haben Vorteile

Und als solcher gibt es auch Tage wie die jetzigen, an denen er sich darauf freuen kann, seine hart erarbeiteten Kunst­stücke nicht einem doppelten Dutzend zu zeigen, sondern Tausenden. Wenn heute die Hallenradsport-WM in Stuttgart eröffnet wird, kommen schnell einmal 8000 Leute, die Martens zuschauen und hoffen werden, dass er nach 2004 und dem Tschechen Arnost Pokorny nicht der erste Nichtdeutsche sein wird, der die Goldmedaille holt. Denn ja: Martens ist in der Weltspitze angekommen.

Nur Weltmeister Michael Niedermeier und dessen deutscher Landsmann Lukas Kohl haben höhere Ausgangswerte als der Schweizer mit seinen 200,8 Punkten. Auch die schwierigsten Elemente, den Sprung vom Sattel auf den Lenker und den Drehsprung auf dem Lenker hat er in seinem Repertoire. Und vor allem das: zwei Handstände.

7 Jahre Training für Handstand

Sechs bis sieben Jahre Arbeit stecken allein in diesem letzten Puzzleteil, sagt er. Das Einzige, was Martens noch fehlt, ist, dieses auch in einer Acht fahrend zu zeigen. Er fährt den Handstand im Kreis, weil ihm sonst in den fünf Minuten, in denen er 30 Elemente zeigen muss, die Zeit ausgeht. Kaum einer zweifelt, dass er auch das noch hinkriegen, dass er seine Karriere irgendwann krönen wird.

Es wäre ein persönlicher Sieg – und einer über seine Kritiker. Diese gibt es in dieser Randsportart. Sie kommen aus der eigenen Reihe. «Beim Verband würden sich viele Leute freuen, wenn ich auf­hören würde», sagt der Zürcher. Es gibt Grabenkämpfe, seit Jahren. Wie tief der Graben ist, zeigt diese Reaktion: Wenn es um Yannick Martens gehe, lässt Esther Frischknecht, die Präsidentin der Subkommission Kunstrad, ausrichten, wolle sie nichts sagen. Vor allem Hermann Martens eckt an. «Ich trage mein Herz auf der Zunge, sage, was ich denke, damit kommen nicht alle zurecht», sagt er.

2-jährige Hallensperre für Vater

Zum grossen Eklat kam es im August 2015, beim EMS-Cup im österreichischen Hohenems. «Es war nicht einmal ein wichtiger Wettkampf», sagt Yannick Martens. Dennoch enervierte er sich derart, als ein Kampfrichter eines seiner Elemente nicht zählte, dass er sich zu einer verbalen Entgleisung hinreissen liess. Auch sein Vater beschimpfte den Kampfrichter. Und das äusserst heftig. Die Fachkommission Hallenradsport sprach daraufhin eine 2-jährige Hallensperre gegen Hermann Martens aus und sperrte den Sohn für drei Monate. Damit hätte er die WM in Malaysia verpasst.

Die Martens klagten vor dem Verbandsschiedsgericht. «Dort wurde die Geschichte immer blumiger. Es hiess dann plötzlich, ich hätte meinen Body zerrissen», erzählt Martens, «dabei ist es ein elastischer Kunstturnbody.» Die Sperre wurde auf einen Monat reduziert und Martens konnte an die WM reisen. Die Fachkommission Hallenradsport nahm das «mit Bedauern zur Kenntnis», der Prozess kam sie teuer zu stehen.

«Kampf zwischen Innovation und Tradition»

Die Fronten sind verhärtet. «Es ist ein Kampf zwischen Innovation und Tradition», sagt Nationaltrainerin Daniela Keller. Seit Jahren versucht Hermann Martens, im Kunstradsport etwas zu bewegen. Bis zum letzten Jahr wollte er das als Vorstandsmitglied des Verbandes tun – ohne Erfolg. «Man wollte ihm nicht Funktionen geben, in denen er etwas hätte ändern können», sagt Keller. «Martens schaut halt auch nur für sich, alles, was er macht, hat einen Selbstzweck. Das Ziel ist nur, dass Yannick profitiert.»

Martens erarbeitete etwa eine Prüfung für Kampfrichter – sie verschwand in der Schublade. «Die Richter müssten eine bessere Ausbildung haben», findet auch Keller. «Den Sport betreiben manche recht professionell, die Kampfrichter aber haben einmal im Jahr ein Kürsli. Das passt nicht zusammen», sagt sie. Yannick Martens trainiert drei bis vier Stunden pro Tag, sieben Tage die Woche. Vor den Augen seiner Privattrainerin dreht er dann einsam seine Runden.

Die Familie ging schon immer ihren eigenen Weg

Die Martens gingen schon immer ihren eigenen Weg, vom Verband hätten sie nie Unterstützung bekommen, sagt Yannick Martens und liefert ein Beispiel: «Für die WM 2012 gab es neue Leibchen. Für die sechs Tage wollte ich fünf Stück – vier davon musste ich bezahlen.»

Bezahlen musste nun der Verband, auch eine Entschädigung für die juristischen Auslagen von Hermann Martens. Der Prozess kostete ihn Zehntausende Franken. Sie hätten im Kunstradsport sinnvoller ausgegeben werden können.

Erstellt: 01.12.2016, 23:19 Uhr

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