Zu Besuch im «Cycling Country»

Das Startwochenende der Tour de Suisse im Emmental ist ein Zuschauererfolg. Ganz Langnau ist auf den Beinen und feiert im Zielort und am Chuderhüsi ein Velofest.

Das hüglige Emmental als Kulisse, das Publikum am Chuderhüsi dicht gedrängt am Strassenrand: Die Tour de Suisse wurde stimmungsvoll lanciert. Foto: Andy Müller (Freshfocus)

Das hüglige Emmental als Kulisse, das Publikum am Chuderhüsi dicht gedrängt am Strassenrand: Die Tour de Suisse wurde stimmungsvoll lanciert. Foto: Andy Müller (Freshfocus)

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Es ist ein Tag zum Staunen. Über den Stolz, den ein Dorf aufbringt, wenn es die Welt zu Gast hat. Langnau im Emmental empfängt an diesem Wochenende die Tour de Suisse. Und das Dorf macht das richtig. Im grossen Festzelt auf dem Viehmarktplatz tragen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zwar Trikots der SCL Tigers. Zu essen gibt es Kadi-Frites, die auch in der Ilfishalle der Publikumshit sind. Und auf den Trinkbechern steht: «Langnau, Hockey Country».

Doch an diesem Wochenende sind die kalten Monate weit weg, Langnau ist «Cycling Country» – und das mit Leidenschaft. Am Samstag gibt Beat Feuz Autogramme, am Abend spielt Fusion Square Garden. Am Sonntag umfasst das offizielle Festprogramm stolze 37 Punkte.

Marcel Wyss zuckt nur mit den Schultern. Der Langnauer Ex-Radprofi ist im Gegensatz zu den Besuchern von auswärts nicht überrascht über das Fest, das hier gefeiert wird. «Langnau hat noch eine Grösse, wo jeder jeden kennt. Für so einen Anlass putzen sich dann alle heraus. Auch die Geschäfte und Lädeli», sagt Wyss. Er gibt am Sonntag den TV-Experten. Gut schaut er aus, als Profi wirkte der Bergfahrer immer nah an der Unterernährung. «Damals wog ich 62 Kilogramm. Heute weiss ich es nicht mehr genau. Ich habe mir vorgenommen, nach dem Rücktritt nie mehr auf die Waage zu stehen. Daran habe ich mich gehalten.»

Dabeisein ist alles: Eine Rentnergruppe sitzt in der ersten Reihe. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

Er lacht: Vom Übergewicht ist er sehr, sehr weit entfernt. Das Gewicht ist auch beim anderen Berner Ex-Profi ein Thema. Fabian Cancellara weiss es genauer, im «Blick» erzählt er vor der Tour de Suisse, dass die Waage nun 91 Kilogramm anzeige – knapp zehn mehr als zu Aktivzeiten. Aber auch er ist alles andere als füllig. Der vierfache Zeitfahrweltmeister kleidet bei den Siegerehrungen die Gesamtführenden ins Gelbe Trikot ein – am Samstag ist er bei SRF zu Gast.

Keine Kritik von Cancellara

Zwar ist er der Experte in Sachen Zeitfahren. Doch er tut sich schwer: Stefan Küng steht im Mittelpunkt der Berichterstattung respektive dessen Niederlage zum Auftakt. Es ist offensichtlich, dass Cancellara nicht den ehemaligen Star geben will, der dem jungen erklärt, was er anders hätte machen sollen.

Küng wird nur Neunter zum Auftakt, auf der zweiten Hälfte der 9,5 Kilometer geht ihm die Kraft aus. Rohan Dennis holt den Sieg, wie 2017. An der Form liege es nicht, sagt Küng danach, vielleicht an der fehlenden Härte nach sechs Wochen Rennpause.

Diese holt er sich gleich am Sonntag zurück. Der Langnauer Rundkurs hat es in sich, dreimal geht es über Schallenberg und Chuderhüsi.

Eine Fan-Gruppe geniesst die Tour auf einer «VIP»-Tribüne made in Emmental. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

Chuderhüsi? Jeder Emmentaler kennt den Hügel, aber kaum einer, woher der kurlige Name kommt. Es war einst «ein Gebäude ärmerer Leute», steht im Ortsnamenbuch der Uni Bern. Diese verspannen «Chuder», ein Abfallprodukt aus der Flachsherstellung. Heute ist das Chuderhüsi Ziel für Ausflügler und Velofahrer. Letztere müssen etwas leisten, wollen sie es erklimmen. Das Chuderhüsi ist ein fieser kleiner Stutz, nur 2,8 Kilometer lang, aber auf den letzten 800 Metern werden die Serpentinen steil und steiler.

Wer von den Zuschauern nicht in Langnau geblieben ist, hat sich hierher begeben. Die Fans bilden eine Gasse, wie man das sonst nur an den grossen Anstiegen in Frankreich oder Italien sieht.

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Sie feiern Claudio Imhof, doch bei dessen zweiter Passage geht dem Thurgauer trotzdem fast die Energie aus. Er hat früh angegriffen mit dem Plan, in der Spitzengruppe Bergpreispunkte zu sammeln. Als niemand mitfährt, setzt er die Fahrt eben alleine fort – und sichert dem Schweizer ­ Nationalteam das Spezialtrikot.

Knapp 40 Kilometer vor dem Ziel holt ihn das Feld ein, nun ist das Rennen lanciert. Die Abstände nach dem Auftaktzeitfahren sind knapp, es gibt viele Kandidaten, die das Leadertrikot übernehmen könnten. Und mit Peter Sagan und Michael Matthews peilen Hochkaräter den Etappensieg an.

Sanchez düpiert alle

Doch Luis Leon Sanchez düpiert sie alle: Der spanische Rouleur nutzt eine kurze Unentschlossenheit des Felds, fährt 11 Kilometer vor dem Ziel davon – und wird nicht mehr eingeholt.

Das Leadertrikot wechselt zu Kasper Asgreen, es ist das erste in der Profikarriere des 24-jährigen Dänen. Derweil braucht Roland Thalmann einen langen Moment, bis er wieder zu Atem gekommen ist. Als Entlebucher hat er beim Quasi-Heimspiel im Finale einen Angriff gesetzt, als 15. wird er im Sprint zweitbester Schweizer, hinter Küng (12.). «Die erste Runde konnte ich richtig geniessen, so viele bekannte Gesichter habe ich wohl noch nie an einem Radrennen gesehen», sagt der Luzerner.

Erstellt: 17.06.2019, 08:05 Uhr

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