Als wäre er aus einer anderen Zeit

Weshalb sich Samuel Giger in der Öffentlichkeit rar macht – und trotzdem der perfekte Schwingerkönig wäre.

Samuel Giger nach dem Schlussgang beim Schwägalp-Schwingen Mitte August 2018. Foto: Melanie Duchene (Keystone)

Samuel Giger nach dem Schlussgang beim Schwägalp-Schwingen Mitte August 2018. Foto: Melanie Duchene (Keystone)

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Er hat keine Internetseite. Bei Wikipedia sucht man vergebens nach ihm. Nichts mit Twitter, Facebook, Instagram. Ausführliche Interviews gibt er nur, wenn es sich kaum vermeiden lässt. Auf Homestorys lässt er sich prinzipiell nicht ein. Samuel Giger ist ein unscheinbarer, zurückgezogener Typ. Und doch steht er immer wieder dort, wo er eben nicht stehen möchte: im Mittelpunkt. Weil er mit seinen 194 Zentimetern und rund 120 Kilogramm nicht zu über­sehen ist. Vor allem aber, weil er sich kaum bändigen lässt, wenn er Zwilchhosen trägt.

21 ist Giger, erst 18 war er, als er am «Eidgenössischen» in Estavayer Zweiter wurde. 13 Kranzfeste hat er bereits für sich entschieden, vergangene Saison bestritt er sechs Wettkämpfe – und gewann sie alle. Der Triumph auf der Schwägalp geriet zur Machtdemonstration, doch im Platzinterview am Fuss des Säntis ­verwandelte sich der Hüne, der angriffiger schwingt als fast alle seine Kontrahenten, wieder in den scheuen, einsilbigen jungen Mann. Er wisse nicht recht, was er sagen solle, meinte er nur. Nun sagt er: «Ich mag es gerne ruhig.»

Keine Zeit für Sponsoren

Das erste Gespräch mit Samuel Giger findet Anfang Juni statt, fürs Interview sagt er nicht gleich zu, er fordert Bedenkzeit. Vorerst lässt er nichts mehr von sich ­hören, nach langem Hin und Her und einigen netten Worten sagt er schliesslich ab. Dem Thurgauer fällt es schwer, Nein zu sagen. Aber offenbar noch schwerer, sich aufs Spiel mit den Journalisten einzulassen. Weil er früh Erfolge gefeiert habe, sei er von den Medien ein wenig überrumpelt worden, meinte er einst. Er will sich nicht zu viel Druck auferlegen. «Ich habe in diesem Bereich negative Erfahrungen gemacht.»

Ohnehin wirkt Giger wie ein Spitzenschwinger aus dem letzten Jahrhundert. Was weder despektierlich gemeint ist noch mit seinen grauen Haaren zu tun hat. Während die Konkurrenten die Privilegien der Spitzensportler-RS geniessen, lernt er in der ­normalen Rekrutenschule fürs Lastwagen-Permis. Werden die stärksten Akteure von Mentaltrainern betreut, hält er nichts von derlei Praktiken. Laufen die Stuckis, Orliks oder Käsers mit allerlei Logos auf der Trainingsjacke durch die Gegend, ist Gigers Leibchen frei von Werbung. Er verzichtet auf Sponsoren, dabei stehen die Interessenten Schlange. Ihm entgeht so eine sechsstellige Summe pro Jahr. Er wolle sich nicht ablenken lasse und keine zusätzlichen Verpflichtungen eingehen, heisst es. Irgendwann aber werde auch er Verträge abschliessen.

Er legt wert auf Brauchtum

Für viele wäre Giger der Wunsch-Schwingerkönig. Der Sohn einer Bernerin ist, wie es sich vorab die älteren Szenekenner wünschen: traditionell, ­naturverbunden, ­bescheiden – und er legt Wert auf Brauchtum. Als Hobby gibt er «Treicheln» an, er bestreitet Wettkämpfe im Nationalturnen, diesem urchigen Mix aus Leichtathletik, Turnen, Schwingen und Ringen. «Sämi ist ein ganz normaler Junge, sagt Beat Abderhalden, Technischer Leiter der Nordostschweizer Schwinger. «Er hält sich für nichts Besseres, will keine Vorzugsbehandlung», hält Simon Schild, sein Betreuer im Schwingklub Ottenberg, fest.

Zum Erstaunen vieler ist Giger noch immer im 100-Prozent-Pensum angestellt, mittlerweile nicht mehr vorwiegend als Zimmermann, sondern als Lastwagenchauffeur. Die Regeneration kommt zuweilen zu kurz, wobei er dies nicht in Zusammenhang mit seiner Verletzungsanfälligkeit stellen will.

Seit dem Übertritt zu den Aktiven vor fünf Jahren blieb Giger einzig in der Saison 2016 beschwerdefrei. Nach dem Thurgauer «Kantonalen» Anfang Mai schmerzte die Schulter; vier Feste liess er aus, am Sonntag wird er am Nordostschweizer Teilverbandsfest in Hallau wieder mittun können. Neben Topfavorit Armon Orlik gilt es Daniel Bösch zu beachten, beide hat Giger schon bodigen können, wie auch die hoch gehandelten Pirmin Reichmuth, Joel Wicki, Christian Stucki oder Kilian Wenger. Zwickt es in der Schulter nicht mehr, wird Giger am Saison­höhepunkt in Zug zum engsten Kreis der Sieganwärter zählen. «Er kann König werden», sagt Beat Abderhalden. «Er kann es schaffen», sagt Simon Schild.

Und Samuel Giger? Der sagt dazu… lieber nichts.

Erstellt: 27.06.2019, 23:10 Uhr

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