Sie spielen mit den Werten

Heute gehört es zum guten Ton eines Schwingers, einen Manager zu haben – bereits 17-jährige Talente werden betreut und vermarktet. Einen Schwingerkönig stört das.

Bodigte bislang alle, auch Simon Anderegg: Joel Wicki weiss, was er im Sägemehl tut – und mittlerweile auch, was er daneben zu tun hat. Foto: Freshfocus.

Bodigte bislang alle, auch Simon Anderegg: Joel Wicki weiss, was er im Sägemehl tut – und mittlerweile auch, was er daneben zu tun hat. Foto: Freshfocus.

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Schau an, da ziehen sich seine Mundwinkel nach oben, tatsächlich. Kein Zähnefletschen ist das, sondern ein Lächeln. Joel Wicki steht mitten in der Arena und strahlt. Alles im Griff. Das war schon einmal ganz anders. Der 22-Jährige lebt mit dem Hang, während Wettkämpfen derart zu fokussieren, dass das mitunter todernst wirkt. Entspannung findet er nur beim Gewinnen.

Dann kann Wicki ausgelassen jubeln (was Schwingpuristen daneben finden). Dazu sprach er offen darüber, dass er König werden will (was Puristen ebenfalls stört), und liess sich zum Weihnachtsessen von einem Journalisten begleiten (stört sie auch).

Schnell war da ein Ruf beisammen, den Wicki nicht mehr kontrollieren konnte. Verbissen und abgehoben sei er, war an Schwingfesten zu hören, sogar über seine Mutter und einstige ­Managerin wurde gesprochen, sie solle früher dem Einteilungsbüro Kuchen vorbeigebracht haben.

Manager und ihre Ratschläge lohnen sich. Genauso lohnenswert ist das Managen von Schwingern.

Heute ist sein Manager Michael Schiendorfer. Dieser hat Wicki zu mehr Lockerheit geraten und ihm erzählt, was ein Lachen bei den Leuten bewirken kann. Und tatsächlich, in diesen Tagen gibt sich Wicki lockerer – sein Ruf hat sich gewandelt. So schreien die Leute gestern am lautesten, wenn Wicki seine Gegner ins Sägemehl plättet. «Wicki. Wicki. Wicki.»

Manager und ihre Ratschläge lohnen sich also. Genauso lohnenswert ist das Managen von Schwingern. Die Sportart boomt. 2013 verdienten die Schwinger mit Werbung 1,3 Millionen Franken, 2018 waren es 2,3 Millionen. Das lockt auch sportartenfremde Leute an. Wie Schiendorfer. Der 51-Jährige arbeitete lange bei Novartis Schweiz als PR-Chef und beschloss 2016, dass er künftig Sportler vermarkten will.

Der Königstitel ist eine Million Franken Jahreseinkommen wert

«Ich habe mich bewusst nicht für Fussball entschieden», sagt er. Zu gross sei dort die Konkurrenz. Mehr Potenzial sah er beim Schwingen und Skifahren. Also besuchte er die Stuben vieler Talente, sprach bei den Eltern vor und kam so zu Kunden. Die Mundpropaganda liess sein Portfolio weiter wachsen.

Schiendorfer scheint ein gutes Händchen zu haben. Wicki und Pirmin Reichmuth gehören zu den grössten Schwingtalenten. Falls einer von ihnen König wird, zahlt sich das aus – für alle: Der Königstitel ist eine Million Franken Jahreseinkommen wert, schätzen Experten.

Mentaltrainer und Wochendes Schweigens gehören dazu

Hatten vor Jahren nur Spitzenschwinger einen Manager, lassen sich heute auch Kranzschwinger vermarkten – nicht national zwar, doch für regionale Sponsoren und ein paar Tausend Franken reicht ihre Popularität allemal. Die Folge: Die Professionalisierung stösst in neue Bereiche vor. Das konnte man auch zwei Wochen vor dem Fest sehen, als viele Schwinger durch ihre Manager verkünden liessen, sie stünden für Medientermine nicht mehr zur Verfügung.

Das mag übertrieben wirken, zeigt aber die Fokussiertheit auf den Wettkampf. Dazu gehört auch, dass heute der Schwinger neben dem Schwingtrainer auch einen Athletik- und Mentaltrainer hat. «Ohne Mentaltrainer oder Coach geht das heute gar nicht mehr», sagt Schiendorfer.

Es war der dreifache König Jörg Abderhalden, der als Erster alles ein bisschen durchdachter machte. Er hatte als Erster einen Manager und Konditionstrainer, an den Schwingfesten schottete er sich gern ab. Unnahbar nannte man ihn deswegen, dabei nahm er das Schwingen einfach ernster als alle anderen. Rolf Huser war sein Manager, wurde dafür heftig kritisiert und sagt heute: «Ich habe eine gute Nase gehabt. Nun machen es alle so wie wir damals vor 11 Jahren.»

Christian Stucki, der Authentische. So wird zumindest mit ihm geworben.

Vermarktung ist heute im Schwingen normal, die Begriffe «authentisch» und «bodenständig» ziehen bei Firmen ungemein, die Manager spielen mit ihnen, am versiertesten sind dabei Huser und sein bekanntester Kunde: Christian Stucki, der Authentische. So wird zumindest mit ihm geworben. Angst, dass damit übertrieben wird, hat weder der Schwingverband noch Huser. Ihr Argument: Die Reglemente greifen, zudem arbeiten alle Schwinger noch in einem Beruf. Das erde.

Trotzdem ist Stucki widerfahren, was auch Abderhalden erlebte: Er ist zu gross geworden, um alle Arbeiten selbst erledigen zu können. Huser entlastet ihn. «Ich bin wie eine Scheibe zwischen Stucki und den Menschen», sagt Huser, alles Unliebsame prallt an ihm ab.

Huser nimmt Anfragen entgegen von Medien und Sponsoren, aber auch von Fans, die ein Autogramm wollen oder eine Videobotschaft für die Hochzeit (macht Stucki nur selten). Doch manchmal funktioniert auch die Scheibe Huser nicht, dann nämlich, wenn die Fans bei Stucki klingeln und eintreten wollen. Dann wird selbst Stucki die Volksnähe zu viel.

Der Gratis-Manager

Was geschieht, wenn man unvorbereitet und ohne Manager König wird, offenbarte sich bei Kilian Wenger. Als 20-Jähriger gewann er 2010 das Eidgenössische und war bald von Anfragen und Ansprüchen regelrecht überfordert. Darauf vertraute er sich dem Berater Beni Knecht an.

Knecht ist laut Eigenaussage das rote Tuch unter den Managern. Er arbeite erstens gratis, sagt er, und zweitens habe er zwei Könige vom Markt genommen. Wenger und Matthias Glarner. Sie zahlen ihm die Spesenausgaben, damit hat sichs, das reiche, sagt er: «Ich mache es einfach gern.»

Neid, Eifersucht und Lügen gibt es auch in der Schwingwelt

Auf die Frage, was er aus den vergangenen Jahren gelernt habe, antwortet Knecht: «Dass es im Schwingen Neid und Eifersucht gibt.» Nicht unter den Schwingern, doch in deren Umfeld. Lügen würden erfunden und weiterverbreitet. «Wenn ich alles ernst nehmen würde, müsste man mich einliefern», sagt Knecht. Das Gerede sei wohl die Folge der gewachsenen Popularität. Mehr Geld ist im Spiel, mehr Leute wollen mitreden.

Nöldi Forrer, König von 2001, kritisiert das. Dass er selber einen Manager hat, hindert ihn nicht daran. Er hat beobachtet, dass sich heute sofort Menschen um Talente scharen, sobald diese einen Kranz gewinnen. «Hyänen» nennt er diese. Das sehen die Manager natürlich anders – und doch sind sie stets auf der Suche nach Talenten.

«Es ist nie zu früh für einen Manager. Im Gegenteil, je früher, desto besser.»

Ein Beispiel dafür ist der 17-jährige Noe van Messel. Der Zuger ist für sein Alter erstaunlich weit und hat in dieser Saison seine ersten Kränze gewonnen. So wurde auch Rolf Huser auf ihn aufmerksam. «Instinkt» nennt er es. Van Messel ist nun sein Schützling, auch weil dessen Vater den professionellen Weg gehen möchte. So hat Gymnasiast Van Messel bereits einen Schwingtrainer, einen Athletiktrainer, eine Mentaltrainerin und eben einen Manager, der ihm zu ersten Sponsorenverträgen verholfen hat.

«Es ist nie zu früh für einen Manager. Im Gegenteil, je früher, desto besser», sagt Huser. In der kleinen Schwingwelt hat sich das Projekt Van Messel herumgesprochen, natürlich, und es gibt einige, die die Nase rümpfen.

Lieber ist ihnen der 21-jährige und talentierte Samuel Giger, der hat noch keinen Berater und keine Sponsoren. Ein interessanter Mann für Manager, übrigens.

Erstellt: 24.08.2019, 22:49 Uhr

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