Wie die Schwingerkönige vom Titel profitieren

Matthias Sempach (33), Jörg Abderhalden (39) und David Roschi (72) erzählen, wie der Titel bis heute ihr Leben prägt.

Stolzer König: Matthias Sempach posiert zu Hause in Entlebuch mit der Siegertreichel vom Eidgenössischen 2013

Stolzer König: Matthias Sempach posiert zu Hause in Entlebuch mit der Siegertreichel vom Eidgenössischen 2013 Bild: Michele Limina

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Matthias Sempach:
Schwingerkönig 2013

Ein königliches Leben? Matthias Sempach zählt auf: «Ich miste, ich ‹bschütte›, ich bin Hebamme bei den Kühen … das ist nicht königlich.» Er greift zum Tuch, reinigt die Treichel vom ­Eidgenössischen Schwingfest in Burgdorf. «Aber für mein Leben ist es ein Riesenvorteil, durfte ich Schwingerkönig werden.»

Sempachs Triumph ist sechs ­Jahre her. Die Siegertreichel hat Staub angesetzt, nicht aber der ­Titel, die Marke: Schwingerkönig. Sempach regiert nicht mehr. Er ­beendete die Karriere nach vielen Verletzungen vor einem Jahr, übernahm in Entlebuch mit seiner ­Partnerin Heidi Jenni den Bauernhof, auf dem sie aufgewachsen ist. Geblieben sind Beliebtheit, ­Interesse an seiner Person, Anfragen von ­Medien und Firmen. 80 Prozent der Sponsoringverträge konnte er trotz Rücktritt verlängern. «Offenbar wird das Schwingen immer noch populärer», sagt Sempach. Er sei «erstaunt über das Ausmass des Interesses. Aber ich hatte als Aktiver mit Medien und Sponsoren ein gutes Einvernehmen. Nun profitiere ich davon.»

Der Triumph des Berners war einer mit Ansage. Sempach galt als komplettester Schwinger. «Ich tat alles für diesen Erfolg.» Früh nahm er die Dienste von ­Manager Roger Fuchs in Anspruch. Athletiktrainer Jean-Pierre Egger und Mentaltrainer Heinz Müller unterstützten ihn. «Das A und O für einen König ist das professionelle Umfeld. Ich hatte diese Voraussetzungen ­bereits vor Burgdorf. Aus diesem Grund hat der ­Königstitel mein Leben zwar beeinflusst, aber nicht komplett verändert.»

Früher verdiente nur der König, heute profitiert die breite Spitze

Ein einschneidendes Erlebnis hatte Sempach 2010, als Kilian Wenger in Frauenfeld reüssierte. Sempach war vor Wengers Triumph der bekanntere Schwinger gewesen. Als die beiden zum Skiweltcup nach Adelboden reisten, wurde ausschliesslich Wenger um Autogramme und Fotos gebeten. «Da wurde mir erstmals bewusst, welches Ausmass der Titel hat.» Er verlieh auch Sempach ein neues Image: vom ehrgeizigen und zuweilen verbissenen Herausforderer zum bodenständigen wie modernen Schwingerkönig. «Ich habe extrem viel Sympathie für diesen Titel gespürt. Und selbstverständlich hat er mir manche Tür geöffnet.»

Sauber soll die Treichel sein: Der König bei der Pflege. (Bild Michele Limina)

Wie Vorgänger Wenger und Nachfolger Matthias Glarner machte sich der 33-Jährige den ­Titel finanziell zunutze. Er dürfte um die 700'000 Franken jährlich verdient haben. Über Zahlen mag Sempach nicht sprechen. «Auch in diesem Bereich gilt: Von nichts kommt nichts. Aber ich übertrieb es nicht, reizte die Möglichkeiten nicht aus.» Wenn er sagt, die Popularität des Schwingsports steige, dann denkt er auch an den Schwinger als Werbeträger. Früher verdiente, wenn überhaupt, der ­König. Heute profitiert die breite Spitze. «Als ich mit 20 Jahren zwei Bergfeste gewann, hatte ich keinen Sponsor. Gewinnt heute ein 20-Jähriger zwei Bergfeste, kann er gutes Geld verdienen.»

Das Eidgenössische in Zug wird Sempach im Schweizer Fernsehen als Experte begleiten. Samuel Giger, Armon Orlik, Pirmin Reichmuth, Joel Wicki, Christian Stucki: Einer aus diesem Quintett dürfte gekrönt werden. «Jeder von ihnen würde die Sportart würdig vertreten», sagt Sempach. «Der eine oder andere müsste offener werden. Als Schwingerkönig musst du kommunikativ sein, etwas von dir preisgeben, deiner Rolle gerecht werden.»

Im Schwingen ist der König ein Mann aus dem Volk. Fürs Volk. Auf Lebenszeit.

Jörg Abderhalden:
Schwingerkönig 1998, 2004, 2007

Pionier auf mehreren Ebenen, dreifacher Schwingerkönig: Jörg Abderhalden, hier auf der Schwägalp. (Bild: Michele Limina)

Es bleiben weder Zeit noch Raum, dem Gegner das Sägemehl vom Rücken zu wischen. Schwingerkollegen rennen auf ihn zu, Fotografen und Journalisten eilen herbei. Jörg Abderhalden entflieht der Menschentraube, indem er als Sieger emporgehoben wird. Soeben hat er im Schlussgang des Eidgenössischen Schwingfests 1998 in Bern seinen Kontrahenten Werner Vitali gebodigt. Mit 19 Jahren wird er zum Schwingerkönig. So zügig Abderhalden den entscheidenden Schwung angesetzt hat, so schnell macht er «den Riesengump», wie er es heute formuliert, «vom unbekannten Schwingerlehrling zum Schwingerkönig und zur Person der Öffentlichkeit. Plötzlich waren all die Mikrofone vor mir. Das war sehr speziell.»

Den Sieg des Toggenburgers bekamen die Fernsehzuschauer mit Verzögerung mit. SF DRS hatte just vor dem Schlussgang zur Formel 1 gewechselt, auf den Grossen Preis von Belgien statt auf das Eidgenössische gesetzt. Diejenigen, die für den Entscheid verantwortlich ­waren, mussten später bei einem ­Treffen der TV-Sportredaktion spasseshalber gegen den ­König antreten. Abderhalden erinnert sich: «Der eine dachte, er müsse sich wehren bis zum Gehtnichtmehr.» Der TV-Mitarbeiter zahlte für seine Hartnäckigkeit mit zwei gebrochenen Rippen. Abderhalden schmunzelt und sagt: «Heute würde ich das wohl anders angehen.»

1998 war der Hosenlupf noch nicht mediatisiert, Sponsoring für die Schwinger ein Fremdwort. «Der Titel brachte mir Ruhm und Ehre. In finanzieller Hinsicht hatte er keine Bedeutung», sagt Abderhalden: «Es gab 10'000 Franken für den Siegerpreis und fertig.»

Plötzlich applaudieren die Leute bei einer Niederlage

Für den jungen Athleten brachte der Triumph einschneidende Änderungen mit sich. Im sportlichen Bereich wuchs Abderhalden am Anspruch, der Rolle des Königs gerecht zu werden. «Die Gegner werden defensiver. Du musst lernen, der Chef zu sein, gerne im Mittelpunkt stehen und zeigen, dass du der Beste bist, der König.» Dazu kam der Wandel im Publikum. «Bist du der Jäger, klatschen die Leute beim Sieg. Bist du König, klatschen sie bei der Niederlage. Damit umzugehen, erfordert viel mentale Stärke.»

Abderhalden nahm die Herausforderung an und wurde zum Pionier. Er engagierte einen Konditionstrainer, brachte Professionalität ins Schwingen. 2004 und 2007 holte er die Königstitel Nummer 2 und 3. Ausserhalb des Sägemehls war er Pionier auf verschiedenen Ebenen. Er zeigte vor, wie sich aus Erfolgen im Schwingsport Kapital schlagen lässt, machte im Bereich Sponsoring Wege frei, wovon die Schwinger seither profitieren. Seine liberale Haltung störte konservative Kräfte im Schwingervolk und im Verband. «Ich habe auch neben dem Sägemehlring einige Kämpfe ausgetragen und meine Meinung immer kundgetan, obwohl es manchmal einfacher gewesen wäre, hätte ich mich zurückgehalten.»

Heute führt der 39-Jährige eine Holzmanufaktur. Er profitiert auch neun Jahre nach dem Rücktritt vom Status des Schwinger­königs, wird als Referent gebucht, steht für SRF als Schiedsrichter beim «Samschtig-Jass» und als Experte bei Schwingfesten im Einsatz. «Als König bist du für ­solche Engagements in der Poleposition.»

Klingt nach einem rundum ­königlichen Leben. Doch Abderhalden warnt, erwähnt nebst all den Annehmlichkeiten die Gefahren: «Im Zentrum muss stehen, dass du deine Energie in den Sport investieren kannst. Aber als Schwingerkönig hast du daneben unglaublich viele Aufgaben und Verpflichtungen. Du musst also Nein sagen können – oder jemanden haben, der das für dich macht. Sonst frisst dich die Rolle als Schwingerkönig auf.»

David Roschi:
Schwingerkönig 1972

David Roschi 2019: In Oey ist er noch heute als König geschätzt. (Bild: Michele Limina)

Der eine ging auf tutti, der andere gab Vollgas. Mehr Hin und Her ging kaum im Schlussgang des Eidgenössischen 1972 in La Chaux-de-Fonds. Es schneite auf rund 1000 Metern über Meer, im Sägemehl sorgten David Roschi und Karl Bachmann für ein Spektakel, es war einer der mitreissendsten Kämpfe um den Königstitel überhaupt. Roschi lag mehrmals beinahe auf dem Rücken, die Schultern waren bedeckt von Sägemehl. Weshalb sein Konkurrent noch lange Zeit mit dem Verdikt hadern sollte. Roschi hingegen wurde Schwingerkönig. Er sagt: «Hätte ich verloren, wären Sie nun nicht bei mir. Mein Leben aber wäre nicht fundamental anders verlaufen.»

Roschi ist kein Meli, kein ­Hunsperger, kein Abderhalden, Namen, die selbst Schwing-Laien geläufig sind. Eine Handvoll Interviews gab er in den Tagen nach dem Sieg, er war auf zwei, drei Empfängen, bald schon aber kehrte Normalität ein. Er tauchte keineswegs in eine neue Welt ein, so wie das 38 Jahre später ­Kilian Wenger tat, wie Roschi im Diemtigtal daheim.

Gewiss, auch 1972 wurde ein ­Königstitel gefeiert, auf den Strassen im Oberland brannte gar ­Feuer, vor der Polizei – ungestraft. Einen Opel hätte Roschi ­fahren dürfen, gratis, der Verband aber legte sein Veto ein. Der Schwinger wehrte sich nicht, wozu auch, er wäre umgehend gesperrt worden. Längst wohnt Roschi im schmucken Chalet im beschaulichen Oey, vom mit dem Schwingen verdienten Geld hätte er in diesem aber keinen ­Nagel einschlagen können, sagt er. Zum Vergleich: Für den Brünig-Sieg 1970 erhielt er ein Couvert mit 300 Franken, Sohn Ruedi kriegte für Platz 9 am «Bernisch-Kantonalen» letzten Sonntag das Doppelte.

Zu viel Karneval – Roschi geht nicht mehr ans Eidgenössische

Für den Siegermuni in La Chaux-de-Fonds bot der Züchter aus dem Berner Oberland Roschi 4000 Franken, ein Zuschauer legte eine Hunderternote drauf und kriegte den Zuschlag. Der Züchter echauffierte sich, nahm das Tier trotzdem mit nach Hause. Weshalb der Schwingerkönig am Tag nach seinem Triumph in Windeseile nach Gstaad fuhr, den Stier in den rund 130 Kilometer entfernten Jura ­verfrachtete. 86 Franken kostete der Transport, «14 Stutz» und ein stressiger Morgen seien ihm vom Aufpreis geblieben.

Und doch hat er profitiert vom Titel, an und für sich tut er es ­heute noch. Etwa in den Beizen in der Region, in welchen ihm zuweilen der Kaffee spendiert wird. Oder an Anlässen, für die er eine Einladung erhält. Vor allem aber zahlte es sich beruflich aus: Nach dem Rücktritt übernahm Roschi im Diemtigtal ein Eisen- und Haushaltswarengeschäft. Leute aus der ganzen Schweiz seien in den ­Laden gekommen, nur seinetwegen. «Sie kauften irgendwelche Dinge, die sie ­bestimmt nicht ein einziges Mal angerührt haben.»

Einmal König, immer König, Roschi weiss das. Mit 72 aber ist es zu spät für Werbeaktivitäten, «niemand will dafür einen alten Esel». Und sowieso: Er mag es nicht, im Rampenlicht zu stehen, hält sich nicht für etwas Besseres, findet den Sockel, auf den die Könige nun ­gehievt werden, viel zu hoch. ­Charaktere wie Samuel Giger sind ihm genehm, die für ­konservative Werte stehen, sich rarmachen, keine Plagöris seien. Zu viel Geld sei mittlerweile im Spiel, einige Schwinger würden sich zu stark unter Druck setzen, weil sie sechsstellige Beträge erhielten, sagt Roschi. Und die Manager? «Übertrieben, meistens unnötig!»

Es sind Entwicklungen, die ihm nicht passen. Die Dimensionen am Eidgenössischen seien zu extrem geworden, Roschi hat genug vom «Karneval drumherum». Er geht nicht mehr hin – selbst wenn der Sohn mitschwingt.

David Roschi 1972: Der Berner Oberländer (rechts) kürt sich in La Chaux-de-Fonds zum Schwingerkönig – viel Profit konnte er aus dem Titelgewinn nicht ziehen (Bild: Dukas)



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Erstellt: 17.08.2019, 23:44 Uhr

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