Der einsame König

Kilian Wenger, Schwingerkönig 2010, hat seither im Sägemehl nicht mehr viel zustande gebracht. Nun scheint er sich vom Erfolg erholt zu haben.

Kilian Wenger ist der erste Posterboy des Schwingens. Foto: Doris Fanconi

Kilian Wenger ist der erste Posterboy des Schwingens. Foto: Doris Fanconi

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Sogar die Tante des Rivalen schwärmt. «Der Kilian, der hat da was reingebracht, der war hübsch, ein Athlet...» Die Tante schaut ganz entrückt. Dann wird sie wieder nüchtern, sagt eilig zum Schwingerkönig, der zu Besuch gekommen ist: «Du bist auch ein Hübscher!» Matthias Sempach schaut ins Glas und schweigt.

Die Szene des letztjährigen SRF-Doks «Der König der Schweiz» ist bezeichnend. Kilian Wenger war der erste Poster­boy des Schwingens: Er hat Gel im Haar, Ohrring und Halskettchen, muskulöse Arme und einen sanften Blick, eine bodenständige, aber nicht tölpelhafte Art. Für Marketingmanager ist er ein Geschenk des Himmels. Seine Karriere explodierte am 22. August 2010, als er mit 20 Jahren in Frauenfeld Schwingerkönig wurde. Heute wirbt Wenger für eine Grossbank, einen Detailhändler und eine Automarke, unter anderem.

Dass Sempachs Tante den «hübschen» Wenger lobte, überrascht nicht – ebenso wenig, dass sie für das Lob die Vergangenheitsform wählte. 2016 schien die Blütezeit des Kilian Wenger vorbei zu sein, bestenfalls war er noch der Bestaussehende. Der grösste Erfolg nach Frauenfeld war ein Brünig-Sieg. Allmählich sank er aus der Elite in den erweiterten Favoritenkreis und von dort ins Mittelmass ab. Auch das Eidgenössische in Estavayer änderte nichts daran.

Die Wende kam dieses Jahr am 9. Juli, Wenger bodigte Christian Stucki. Zum ersten Mal überhaupt bezwang er den schwer bezwingbaren und heuer sehr formstarken Seeländer. Bisher hatte er vergeblich am Koloss gezerrt. Diesmal, es war das Berner Kantonalfest, wollte Stucki mit einer Kraftprobe brillieren. Er attackierte ungestüm, obwohl ihm ein Gestellter zum Festsieg genügt hätte. Da klemmte Wenger ein Bein hinter seinen stämmigen Gegner und fällte ihn. Stucki lag im Sägemehl wie ein Wal am Strand – und Wenger hüpfte vor Freude. Seine Augen waren geweitet, die Hände zu Fäusten geballt. Auf einmal schien wieder alles möglich für ihn, den König – und das im so wichtigen ­Unspunnenjahr 2017. Endlich schien er wieder der vom Schicksal verwöhnte Adonis zu sein. Zu Wengers Glück kam das Pech der Konkurrenz: Matthias Glarners Sprunggelenk barst beim ominösen Sturz von der Gondel, Sempach beschädigte sein Kreuzband, dem starken Innerschweizer Joel Wicki rissen die Aussenbänder.

Strecken, Kauern, Strecken

Besuch in Wilderswil, Interlaken-Oberhasli. Hier in der Gegend findet Ende Monat das zweitwichtigste Schwingfest der Schweiz statt. Beim Bahnhof hängt ein Plakat, das Wenger als Riesen im ­Gebirge zeigt, und im Dorf steht ­bereits die Holzbank mit der Inschrift «Unspunnen 2017». Wenger trainiert hier in einem grossflächigen, mehrstöckigen Fitnessstudio. Er ist Mitinhaber und prominentester Werbeträger zugleich. Nachdem er sich umgezogen hat, läuft er an den Maschinen und Hanteln vorbei, um sein Frotteetuch auf der Gummimatte zu drapieren. Er legt sich hin und beginnt, den Rücken zu dehnen.

Der Schwinger hat den bedächtigen Zungenschlag des Berner Oberlands, dessen berühmtester Botschafter er heute ist (früher wars Adolf Ogi). Entscheidend sei die «Gsundheet», sagt er. Nach Frauenfeld war Wenger regelmässig verletzt. Mal am Ellbogen, mal an der Schulter, dann schmerzte der Rücken.

Immer auf den Rücken

Dass im Spitzenschwingen ein wissenschaftliches Wettrüsten um immer grössere Muskelmassen in Gang kam und deshalb bei den Kämpfen immer mächtigere Kräfte zu wirken begannen, war dem lädierten König auch keine Hilfe. «Und wenn ich immer und immer ­wieder dieselbe Reissbewegung mache, ist klar, dass das irgendwann auf den ­Rücken schlägt.» Wenger streckt sich konzentriert und scheinbar ohne Anstrengung im riesigen, fast leeren Studio. Zu hören ist nur Radio-Pop und von Zeit zu Zeit der Gong, der Senioren im Nebenraum zur nächsten Turnübung animiert. Wenger fokussiert sich an ­diesem Morgen nur auf den Rücken. Strecken, Kauern, Strecken.

Wenn Wenger nicht im Fitnessstudio oder im Schwingkeller trainiert, fährt er Lastwagen. Er hat mehrere Lehren ab­geschlossen, erst als Metzger, dann als Zimmermann. «Aber eigentlich wollte ich immer Lastwagenfahrer werden.» Als er die Lastwagenprüfung bestand, war Wenger bereits Schwingerkönig. Heute transportiert er zwei Tage die Woche Holz. Gewöhnlich braucht Wenger nicht mehr als drei, vier Sätze, wenn er Journalisten antwortet. Doch diese Lakonie bricht auf, als er über seine Arbeit als ­Camion-Lenker zu reden beginnt. Wenger erklärt, wie er parkiert, wie er auf- und entlädt, wie er seine Fahrten jeweils plant. Wenger schätzt die Stille in der Fahrerkabine, die Arbeit im Wald: «Dass ich auf mich alleine gestellt bin.» ­Bekannte hätten ihn schon gefragt, ob das nicht ein etwas einsamer Job sei. «Mag sein, mir gefällts. Ich fühle mich nicht einsam.»

Arbeit mit Mentalcoach

Finanziell braucht Wenger den Last­wagenjob nicht, seelisch schon eher. Der plötzliche Erfolg 2010 – «ich war ein Lehrling, den über Nacht alle kannten» –, die gestiegenen Erwartungen und die ständigen Verletzungen waren ein Giftmix für das introvertierte Gemüt. «Ich dränge mich nicht in den Vordergrund, das ist so.» Der junge Wenger war überfordert, bekam den Kopf nicht frei. Auch schien ihm zu fehlen, worüber seine Vorgänger und Nachfolger in der Schweizer Schwingermonarchie ganz offensichtlich verfügten: Killerinstinkt. Jörg Abderhalden war der schlaue, bullige Meister aus der Ostschweiz, der im ­Akkord anpackte, versorgte, weglegte. Der kastenförmige Matthias Sempach könnte in jedem Superhelden-Blockbuster mitwrestlen. Wenger dagegen unterlag nach Frauenfeld immer wieder mittelmässigen Gegnern, ging verunsichert in seine Gänge. Natürlich freuten sich alle darauf, den zaudernden König ins Sägemehl zu stürzen und ein Stückchen seines Ruhms zu ergattern. «Schlechtester Schwingerkönig seit 15 Jahren!», ­titelte der «Blick».

Vor zwei Jahren begann Wenger dann, mit einem Mentalcoach zu arbeiten. «Ziel ist es, beim Wettkampf negative Gedanken fernzuhalten, die Situationen vor und während der Kämpfe positiv zu besetzen.» Wenger kennt sich aus, benutzt im Gespräch ein Wort, das nach 1900 in den psychoanalytischen Clubs der Doktoren Freud und Jung zu zirkulieren begann, er spricht vom ­«Unbewussten», das es zu beeinflussen gelte. Wenger betont noch, dass Psychologie nie im Zentrum einer sportlichen Vorbereitung stehen dürfe und immer eine Ergänzung bleiben müsse. Dann bricht er abrupt ab.

Kilian Wenger ist noch immer einer der beliebtesten Schwinger im Land, wird in den Arenen weiterhin beklatscht und angefeuert. Das mag an seiner Bescheidenheit liegen oder am «hübschen» Aussehen. Vielleicht liegt es aber auch an seinen vielen Niederlagen seit 2010 – daran also, dass diesem leisen Berner die Siege besonders guttun.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.08.2017, 21:58 Uhr

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